Kamerad auf Bewährung

Wie die Rablander eine eigene Kompanie haben möchten und nicht dürfen. Weil die
Partschinser dagegen sind. Eine sehr ernste Schützenposse.

Martin Tappeiner, genannt der Pröfinger, war ein Schütze, wie er in den Bilderbüchern gemalt sein könnte. 16 Jahre lang kommandierte er die Kompanie Partschins mit dem Beinamen "Johann Graf von Stachelburg", dann trat er aus. Jetzt ist seine alte Lederhose ein Anklagepunkt in einem erbittert geführten und köstlich anmutenden Streitfall. Zwischen Partschins, dem Hauptort der gleichnamigen Gemeinde, und Rabland, der Fraktion unten im Tal, ist ein Schützenscharmützel im Gang. In den Gasthäusern geht es rund, bei Aufmärschen herrscht Boykott oder Tumult, die feindlichen Beziehungen von Kompanie zu Kompanie werden von Unterhändlern geführt - oder über die Post, die nicht ankommt. Der Pröfinger war einer der Schützen aus der Väterzeit, Sohn einer Dynastie: Als er noch Hauptmann der Partschinser war, war sein Vater Vinzenz Tappeiner Vizehauptmann. "Tappeiner im Doppelpack", ironisiert er selbst, auch wenn es demokratisch legitimiert war: Vater und Sohn hatten nun einmal die meisten Stimmen erhalten. Aber die Jungen störte es, vor allem Martin Haller, den jungen Spund in der Partschinser Kompanie, ehrgeizig und unternehmungslustig - er war, unter Tappeiner, schon Schriftführer, dann wurde er Hauptmann. Unter seiner Führung wurde ein Schützenlokal eingerichtet, wurden Säbel und Gewehre angeschafft. "Er ist intelligent", anerkennt sein Vorgänger, "aber nicht ehrlich."

Der Bruch. Die Vorgeschichte der Komödie beginnt mit einem Drama: Tappeiner gesteht, "vielleicht zu sehr ins Politische abgefallen" zu sein - er war der Union und dem Heimatbund beigetreten. In der Kompanie entstehen Unruhe und Streit, Tappeiner bedauert, dass Mitglieder "hinausgeekelt wurden". Dann tat sich aber eine andere Front auf - zu Rabland. Vor allem Friedel Gerstgrasser, Gründungsmitglied der Partschinser Kompanie (1979), drängt auf Selbstbestimmung für Rabland. Zuerst wird ein eigener Schützenzug gefordert, und als er damit nicht durchkommt, treten 1997 drei Rablander Schützen aus der Kompanie Partschins aus. Sie gründen, Gerstgrasser an der Spitze, ihre eigene Kompanie "St. Jakob". Noch einmal kracht Jung gegen Alt: Gerstgrasser war der Lehrer vom jungen Martin Haller, und das werfen sie sich jetzt gegenseitig vor: "Noch dazu mein Lehrer", sagt der Schüler über den Gerstgrasser. "Kein Respekt vor dem Alter!", tadelt der Lehrer zurück. Der Schriftverkehr in der Streitsache handelt von Gasthausstreitereien, Provokationen und unbotmäßigem Benehmen. Das Hauptproblem aber ist: Eine Schützenkompanie braucht diplomatische Anerkennung - die Aufnahme in den Schützenbund. Sonst wäre sie ein Trachtenverein, der nirgends mitmarschieren darf. Ein erster Anlauf geht schief, die Rablander Rebellen sind nicht genug Manns für eine Kompanie. Dann aber werben sie Krieger an, und am 11. Oktober 2000 gelingt das Kunststück: Der Schützenbund beschließt die Aufnahme der Schützenkompanie "St. Jakob", wie sich die Rablander nennen. 13. Oktober 2000: Kriegserklärung der Partschinser an die Rablander. Sie schreiben an alle Südtiroler Kompanien einen Brief mit peinlich genauer Auflistung der Rablander Sünden. In der Folge wendet sich der Wind. Bezirksmajor Hans Staffler, der die Rablander Aufnahme gutgeheißen hatte, wird abgelöst. Im Schützenbund hat Bundesmajor Stephan Gutweniger, der die Rablander ebenfalls unterstützt hatte, seinen Einfluss verloren. Der neue Bundesmajor, Helmut Gaidaldi, erbt ein Desaster: "Damals war in der Bezirksleitung selbst einiges drunter und drüber, darum hat man sich zu wenig um das Problem Rabland gekümmert", erklärt er sich, dass die Rablander überhaupt die Anerkennung erhielten. Demnach hätten die Rablander zwar das Ja von Bezirksmajor Staffler gehabt, nicht aber des Bezirkes. Am 3. Dezember 2000 spricht sich die Bezirksleitung mit breiter Mehrheit gegen die Aufnahme der Rablander aus, der Beschluss geht an die Bundesleitung. Am 3. Jänner 2001 folgt ein formaler Rekurs. Am 19. Jänner liegt der Fall wieder vor der Bundesleitung, und diese fasst einen Beschluss, der zur Posse führt: Die Aufnahme der Rablander wird widerrufen; mit einem neuen Beschluss werden die Rablander mit Probezeit bis zum 30. Mai 2002 aufgenommen. Die Bewährungsfrist gerät erst recht zur Katastrophe. Denn unter solchem Bann ist schwer Schütze sein. Zur Gründungsfeier im Juli 2001 werden der Bezirk und alle Hauptleute der Kompanien eingeladen - niemand kommt. Umgekehrt kommen die Rablander der Aufforderung der Bezirksleitung nicht nach, zu den Hauptversammlungen immer auch den Bezirk einzuladen. "Wir haben dieses Schreiben nie bekommen", gibt Bewährungshauptmann Gerstgrasser die Schuld der Post. Vor der Bezirksleitung ist es für die Probezeit ein erster Minuspunkt: Die Rablander folgen nicht. Für den Unfrieden - Minuspunkt 2 - sorgen sie auch passiv: Die Rablander werden, obwohl auf Bewährung, zur Bundesgeneralversammlung eingeladen, aber sobald sie dort eintreffen, marschieren die Partschinser demonstrativ ab. Als bekannt wird, dass die Rablander auch zur Andreas-Hofer-Feier antreten werden, beschließen die Partschinser ihr Nichterscheinen. Für eine Feier des Weißen Kreuzes, an der die Rablander teilnehmen dürfen, bitten sie die Partschinser, ihnen ihre Fahne zu leihen. Antwort: "Kauft euch selber eine." Als die Partschinser dann zur Feier kommen wollen, antworten die Rablander mit Ausladung: "Bleibt ruhig oben."

Provokateure. "Die Partschinser wissen genau, wen sie provozieren müssen", sagt Hauptmann Gerstgrasser zu den Übertritten im Gasthaus und unterstellt gezielte Provokation: "Sie stänkern da, wo sie genau wissen, dass einer in Rage gerät." Für das Bewährungsjahr ist es Minuspunkt 3: Die Rablander sind streitlustig. "Auf dieses Niveau sinke ich nicht", blockt der Partschinser Hauptmann Martin Haller die Frage nach den Anpöbelungen ab. Schließlich Minuspunkt vier: die Hose des ehemaligen Hauptmannes. Genauer lautet die Anschuldigung, dass die Rablander "Kompanieeigentum" der Partschinser in Beschlag genommen hätten. Es handelt sich dabei um Protokolle und interne Papiere, die der ehemalige Hauptmann Tappeiner samt seiner Tracht vorerst behalten hatte, als er aus der Kompanie Partschins ausgeschieden war. Die Papiere sortierte er, weil sie - der Giftpfeil gilt seinem Schriftführer und Hauptmann-Nachfolger Haller - in Unordnung gewesen seien, dann gab er sie samt "Teilen der Tracht" zurück: "Meine meeralte Hose werden ich ihnen auch noch geben", bietet er gutmütig an. Obwohl die Rablander Kompanie mit dem Partschinser "Eigentum" nie etwas zu tun hatte, wird die noch nicht vollständige Rückgabe den Rebellen angelastet. Und nun die letzte Demütigung: Kurz vor Ablauf der Probezeit Ende Mai 2002 verlängert die Bundesleitung die Probezeit auf Ende 2002. Der Beisatz ist wie eine Verurteilung zum ewigen Fegefeuer: "Solange sich nicht die Mehrheit des Bezirkes Burggrafenamt-Passeier für eure Aufnahme in den Südtiroler Schützenbund ausspricht, wird sich die Bundesleitung mit dieser Angelegenheit nicht mehr befassen." "Es herrscht eine große Aversion gegen die Aufnahme der Rablander im Bezirk", rechtfertigt Landeskommandant Paul Bacher den Hinhaltebeschluss. Der Bund hatte schon Mühe, wenn er die Rablander "auch nur am Rande" zu Veranstaltungen eingeladen hatte. Die dabei auferlegte Marschordnung - die Rablander mussten sich stets hinten anstellen - wurde diesen irgendwann zu viel. Noch einen Minuspunkt obendrauf.

Friedensdiplomatie. Das ist das Gemeine an der Probezeit: Die Rablander müssen erwirken, dass die Partschinser Frieden geben. Aber wie? Der Partschinser Hauptmann Martin Haller lässt keinen Zweifel daran, dass die Schuld bei den Rablandern liegt. Auf eine Einladung zur Schlichtung hätten sie zunächst geantwortet, gut, aber dann "wollen wir sechs Säbel und 20 Gewehre". Die beste Lösung ist für den Partschinser immer noch: eine Kompanie. Denn die Anerkennung fällt schwer. Zum einen haben die Partschinser auch selber Rablander in den eigenen Reihen. Und der Rablander Kompanie wird vorgeworfen, dass sie auch zwei Plauser, einen Schnalser und einen Tschermser hat. Immerhin aber sind es jetzt 19 Mann, fünf Marketenderinnen und zwei Jungschützen, die auf Schützenaufnahme warten. Ein Angebot hat Martin Haller allerdings gemacht: Er kandidiert in Partschins nicht mehr als Hauptmann, Gerstgrasser, sein Lehrer, soll in Rabland verzichten, dann wäre Ruhe. Ansonsten fordert Haller, dass die Rablander "ein Zeichen setzen". Was das sein kann? "Nur die Hand geben... da muss schon was anderes kommen." Was dann? "Nicht so provozierend fragen. Klar, es kann auch der Handschlag sein, aber dann muss er ehrlich sein, und dann entscheide nicht ich allein." Im Statut des Südtiroler Schützenbundes ist auch die Pflicht festgelegt, "... jedem Kameraden brüderlich zu begegnen".

Astrid Fleischmann, Hans Karl Peterlini

aus: FF-Südtiroler Illustrierte vom 25.07.2002