Urlaub
auf dem Südtiroler Bauernhof
von
Wolfgang Maier zur Installation von PeterKaser auf der EXPO-Hannover
Von
der verpesteten Stadtluft
Die
Angst der Stadtmenschen vor den übelriechenden und krankmachenden Ausdünstungen der
Stadt ist genauso alt wie die Städte. Der Circus Maximus im antiken Rom wurde vom
Volksmund bezeichnenderweise in „Cloaca Maxima” umgetauft - und Archäologen haben in
den Häusern und in den unterirdischen Gängen von Pompeji, Athen und Alexandria Graffiti
freigelegt, welche vor dem Gestank in den Gassen warnen.
Die erste wissenschaftliche Geruchsaufnahme von schlechter Stadtluft stammt aus dem Jahre
1790 - zwei Pariser Gelehrte protokollierten im Auftrag der „Société Royale de
Médecine” alle Gerüche, die ihnen auf ihrem zehn Kilometer langen Fußmarsch am
Seine-Ufer in die Nase stach: „Monsieur Boncerf, der sich an dieser Stelle stärker
gegen den aus Südosten kommenden Wind gewandt hatte und ans Ufer hinabgestiegen war,
wurde von einem beißenden, alkalischen, stechenden und stinkenden Geruch überwältigt,
der ihm derart auf die Atemwege schlug, daß sein Hals binnen einer halben Stunde zu
schmerzen begann und seine Zunge merklich anschwoll. Unter dem Eindruck dieser
schädlichen Ausdünstungen warnte er, ich möge sogleich zur Straße zurückkehren; da
ich oben an der östlichen Spitze des von Anschwemmungen verseuchten Uferbereichs
geblieben war, der Wind aus meiner Position heraus also von hinten kam, habe ich selbst
nichts Unangenehmes verspürt.” (zitiert nach: Alain Corbin, „Pesthauch und
Blütenduft”, Wagenbach-Verlag)
Vom
Entwurf des idealen Bauernhofes
Zu
behaupten, daß die Welt und auch die Luft dieser Welt weit weg von der Stadt, irgendwo
draußen auf dem Lande vollkommen „in Ordnung” ist, wäre Klischee, Augenauswischerei
und Lüge. Aber es gibt „da draußen” den hartnäckig verfolgten Traum, die Welt ein
bißchen mehr in Ordnung zu bringen: es gibt den Entwurf des idealen Bauernhofes. Mit
Mischkulturen in der Landwirtschaft. Mit „nicht-mehr-für-möglich-gehaltener”
Pflanzenartenvielfalt in den Wiesen. Mit herumfliegenden Enten. Mit Hühnern, die im
Freien auslaufen. Mit Kühen, die auf dem Weideland stehen. Es gibt diesen Entwurf im
Alten Land und im Lande Brandenburg; es gibt ihn in der Provence, in der Poebene, auf
Sizilien, auf ... - und es gibt ihn in Südtirol, wo man auch Urlaub auf diesen
Bauernhöfen machen kann. Wir behaupten nicht, daß der Aufenthalt auf einem Südtiroler
Bauernhof schöner und intensiver ist als anderswo. Aber wer irgendwo in der Welt einen
idealen Bauernhof kennen und schätzen gelernt hat, der wird auch auf einen Südtiroler
Bauernhof neugierig geworden sein.
Es gibt eine Hauswand im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg (Kollwitzstraße-Ecke Senefelder
Platz), auf der eine Spielwiese installiert ist: bunte, lebensgroße Plastikkühe wurden
an die Brandmauer gedübelt. Da schmunzelt der Städter und sagt zu seinen Kindern: „Schaut
her, so sehen richtige Kühe aus!” - Kommt der Städter zum Urlaub auf den Bauernhof,
dann darf er die Kühe streicheln, melken und weiden, sowie den Mist aus dem Stall fahren
bis er schwitzt. Dann schmunzelt der Bauer und sagt: „Schaun Sie, so sieht richtige
Arbeit mit richtigen Kühen aus!”
Vom
Gewürz- und Heilkräutergarten des PeterKaser
Da
ist ein grüner Keil in die Halle getrieben. Und dieser Keil kann untergehen in der Halle,
kann vielleicht nicht wahrgenommen werden. Weil dieser Keil nur zum kleineren Teil auf das
Auge und zum größeren Teil auf das Riechorgan des Besuchers ausgerichtet ist. Und wer
will schon auf einer Ausstellung riechen? Noch dazu auf einer Weltausstellung.
Dieser grüne Keil des Südtiroler Künstlers PeterKaser
ist zusammengesetzt aus Hunderten von Geruch-, Gewürz- und Heilkräuterpflanzen,
deren Namen so vertraut klingen wie Basilikum,
Brennessel, Minze, Salbei, Thymian oder Ringelblume.
Plötzlich, wenn wir uns endlich zum grünen Keil hinunter bücken, verlieren sich die
Sinne in einem ungeahnten Gewürz- und Kräuterkosmos: während die Augen zehn
verschiedene Minze-Sorten wahrnehmen
(Ananas-Krause-Kölnischwasser-Marokko-Römische-Pfeffer-Orangen-Apfel-Berg-Bach-Minze),
ist die Nase überwältigt von sieben Thymian- , von vier Melisse- und von neun
Salbei-Varietäten. Der grüne Keil von PeterKaser ist ein raffiniertes Labyrinth, welches
wir mit verbundenen Augen abschreiten müßten, um das Riechen wieder zu erlernen. Und um
die Fähigkeit wieder zu erlangen, den Gerüchen einen Namen zu geben. Unser
Geruchsprotokoll wäre dann wohl der idyllische Gegenpol zu den oben erwähnten
Aufschreibungen der Pariser Wissenschaftler über das Gestank in ihrer Stadt im Jahre
1790.
Von
der Verwendung frischer Gewürze in der Südtiroler Küche
Jetzt
kommen wir zum Mund: auf einem Leiterwagen liegen für die Besucher dieselben frischen
Gewürze und Heilkräuter bereit, die Kaser für seine Installation gepflanzt hat - diese
Gewürze und Kräuter können betastet, gezupft, zerrieben, zerstampft, gekaut und
gegessen werden. Das regt die Fantasie über die vielen Verwendungsmöglichkeiten der
Gewürzpflanzen an, das regt zum Kochen an.
Die meisten Gewürze erreichen den Verbraucher heute in gemahlenem Zustand. Trotz
schonender Verarbeitung muß dabei ein deutlicher Verlust an ätherischen Ölen in Kauf
genommen werden. Die Südtiroler Küche hingegen kann wegen des günstigen Klimas dort
während des gesamten Jahres vorwiegend auf frische Gewürze zurückgreifen.
Südtirol ist - auch in der Küche - ein vermittelnder Schmelztiegel zwischen Nord und
Süd, zwischen pesto genovese und Brennesselnocken,
zwischen Tiramisú
und Buchteln,
zwischen Maccheroni
und Sauerkraut,
zwischen Tortellini
und Schlutzkrapfen.
Das ist ein riesiger Speisezettel und dementsprechend groß sind Südtiroler Gewürz- und
Kräutergärten - bestehend aus Thymian, Basilikum,
Salbei, Minze, Schnittlauch, Melisse, Origano und und und.
Der grüne Keil, den Peter Kaser in die EXPO getrieben hat, könnte auch Ausgangspunkt
für ein spannendes Kochbuch sein. Stellvertretend für die vielfältigen
Verwendungsmöglichkeiten der ausgestellten Kräuter und Gewürze seien zwei Gerichte
erwähnt, welche zur traditionellen Südtiroler Küche gehören: Brennesselnocken und Kalbsvögelchen, eine Vor- und eine Hauptspeise.
Junge
Brennesseln
werden blanchiert, zerhackt und mit etwas Zwiebel in Butter angeschmort; Brotreste (:die
Südtiroler Küche ist eine kreative Resteverwertungsküche!) werden gewürfelt, mit etwas
Milch weich gemacht; Brotwürfel, Brennesselmasse, Eier, wenig Mehl, ev. Pfeffer wird zu
einem Teig verarbeitet; mit einem Löffel werden Nocken geformt, die im kochenden Wasser
nach ca. 10 Min. gegart sind; Parmesankäse auf die Nocken streuen, mit brauner Butter
übergießen.
Zur
Hauptspeise: Kleine, dünne Kalbsschnitzel mit Speckscheibe und Salbeiblättern belegen; aufrollen und diese „Vögelchen”
mit einem Zahnstocher fixieren; in Butter braten; den Bratensatz mit Weißwein ablöschen,
das ergibt eine wohlriechende Soße; Beilage: Reis. |