Espresso mortale
Ein Fortsetzungs-Roman in 49 Folgen
von
Sabine Gruber, Kurt Lanthaler, Sepp Mall, Josef Oberhollenzer
und
Anita Pichler
1996 © bei den Autoren
zuerst erschienen in Die Tageszeitung, Bozen
29Sabine
Gruber
Ich hätte sie besser in eines der Eislöcher legen sollen. Schluder dachte an die Mulde, in der es auch im Sommer lüftelte wie auf der mendel.
Verdammte Schaufel! Er stieß mit dem Schuh gegen das gewölbte Blatt, stützte sich aber gleichzeitig auf den Stiel, sodaß es ihn fast ins Loch haute. Der Boden, den er gerade auszuheben versuchte, war hart und wurzelig. Schluder schwitzte sich mit dem gestohlenen Werkzeug in die Tiefe und spürte dennoch nur Eiseskälte in seinem Körper. Die Kraft wuchs mit jedem Stich. Und immer heftiger biß er die oberen Zähne in die Unterlippe, holte mit beiden Armen aus, stieß die Schaufel in den Boden, daß es funkte.
Als ihm das Loch groß genug erschien, ging er zurück auf die Forststraße, um Miriam zu holen.
Schluder trug sie und blickte in die Baumwipfel, die sich nicht bewegten, er trug sie, als wüßte er nicht, was er zu Grabe trug, ließ sie ins Loch gleiten und schaufelte los. Wie ein Irrer füllte er die ausgehobene Stelle: Eine Schaufel für die Bilche und eine für die Rehe, - komm mein Schatz, iß schön-, und eine für die Haselhühner und Füchse, -Miriam, mach den Mund auf, mein Engel, komm- und noch eine für die Eichhörnchen, auch die Eichhörnchen müssen wachsen, hörst du? - und eine große für die Marder und Dachse ... Miriam! Schluder warf sich auf die ebene Erde, Schluder umarmte das dunkle Quadrat, Schluder rotzte und schluchzte gotterbärmlich.
Als Else in der Früh aufwachte, drückte sie sofort beide Daumen gegen die Schläfen, in der Hoffnung, damit das Hämmern zu stoppen. Im oberen Teil des Himmels, das von der Couch aus zu sehen war, klarte der Himmel auf, im unteren hing die Nacht in den Gesteinsmassen des Schlern. Ich liege also immer noch am Fuße dieses geköpften Bergmonsters, überlegte Else und drehte sich zur Wand. Es stach in den Augen, surrte in den Gliedern. Als sie den Arm hob, erschien er ihr mit Gewichten behangen. Die Pendeluhr tickte und tickte. Im Haus war es still.
Sie haben mich - ich muß - Else brachte sich mit Mühe in die Senkrechte und rekonstruierte. Konrad war gekommen, Konrad und noch einmal Konrad. Ich muß weggeschlafen sein. Sie müssen mich - das darf doch nicht - verdammt! Sie rannte zur Tür, rüttelte vergeblich an der Schnalle. Trotz ihrer muskolösen Unterarme bewegte sich die abgelaugte Holztür keinen Millimeter. Ich Idiotin! Dann setzte sie sich und klopfte mit den Fingern auf das Tischchen, immer lauter, bis die Fingerkuppen schmerzten. Salvatore und Ingrid sind tot. Die Ochsenreiterin ist tot. Mein Gott! Sie hörte einen Hahn krähen, mitten ins Morgengezwitscher hinein. Das Plätschern des Dorfbrunnens. Den Wind im Geäst des Nußbaumes. Und wieder den Hahn. Jedes einzelne Krähen schraubte sich ins Hirn. Sie hielt sich den Kopf. Dabei hab ich doch - nein, nichts habe ich getrunken, nur Saft, diesen Holundersaft, den Konrad aus edr Küche brachte, nachdem ich zu schreien begonnen hatte. Ich erinnere mich jetzt. Seelenruhig telefonierten die beiden, Zucco diktierte die Nummern, Konrad drückte die Handyknöpfe. Die letzten Nummern sickerten in meinen Kopf wie gezählte Schäfchen. Ich hörte sie lachen, immer weiter von mir entfernt gackerten und gröhlten sie, bis ich mein Bewußtsein verloren habe. Sie sind die IBALK-Liste durchgegangen, dachte Else, sicher sind sie die Liste durchgegangen, ein paar Nummern habe ich wiedererkannt, bevor ich in den Schlafgerutscht bin. Ein paar Namen auch. Decknamen. Orte. Depots. Die Lärchen unterhalb des Schnattenkreuzes. Genau, das Schnattenkreuz. Sie schaute ins Licht, als brächte es Ordnung in die aufdämmernden Gedanken. Mit dem schnauzbärtigen Dichter war sie oben gewesen, vor Jahren, gerade schwanger von Miriam. Mit dem Dichter, von dem Schluder sagt, er sähe aus wie Stalin, nur etwas kleiner und natürlich freundlicher. Eine gute halbe Stunde waren sie von Prösels aus gegangen, hinauf zum Kreuz, zud en sumpfigen Wiesen, die sich plötzlich und für Else völlig unerwartet östlich des Wegkreuzes auftaten, ungewöhnlich grün und naß für diese lärchig-, bergige Gegend. Dort, hatte ihr der Dichter erzählt, soll ein wunderschöner Hof gestanden haben, einer, in dem es sündhaft und gotteslästerlich zugegangen sei, bis sich eines Tages im Keller des Hauses eine Quelle aufgetan habe und das Gehöft allmählich samt seinen unzüchtigen Bewohnern im Schlamm versunken sei. Und noch immer sprudelt Wasser aus dem sumpfigen Boden, erinnert an den Malversink-Hof.
Malversink! Else klatschte die geöffnete hand gegen die Stirn und ließ sich nach vorne fallen, das Kinn berührte das linke Knie. Malversink! Ihr ging eine ganze Electronia auf. Es war ein Wort, das seit Jahren in der IBAL herumspukte. Deshalb - und weil man die Kisten mit den Waffen - sie kniff die Augen zusammen und stöhnte: Verfluchter Saft! Man hat mich eingeschläfert, damit ich keinen Krach schlage wegen Miriam, damit sie noch in der Nacht ihre Leute hinaufschicken und bewaffnen konnten.
30Sepp
Mall
Ein Blatt lag da, vom Baum gefallen, mitten auf dem Flecken aus dunkler Erde, auf Miriams Grab. Ein Ahornblatt. Es war gelb und an den Spitzen ging die Farbe ins Rötliche, ins Rote, Dunkelrote. Es glänzte vor Feuchtigkeit, vom Novemberregen, vom Dampf, der heraufstieg aus dem Montigglersee vielleicht auch.
Und Schluder saß. Kauerte da mitten in seinem Unglück und war ein Stein. So kalt, so schwer. So lange wird er hier bleiben auf dieser Lichtung, bis die Bäume sich ausgeweint haben und das Grab des Kindes zugeschüttet mit Blättern. Ahornblättern, Eichenblättern. Und den langen spitzen Nadeln der Kiefern, die hier verstreut zwischen den Laubbäumen stehen. Ja, zuschütten, niemand soll diesen Ort mehr finden, auch er nicht. Er würde ihn streichen aus seinem Gedächtnis, er würde ihn sich zuschütten in seinem Kopf, diesen Platz und die letzten Stunden und alles.
Dann kamen weitere Blätter von oben, direkt aus dem grauen Novemberhimmel und tanzten herab, drehten sich und schwebten, und Schluder saß angewurzelt, immer noch. Warum konnte nicht die Erde sich öffnen und ihn verschlingen, ihn auffressen, er würde neben seinem Kind bleiben für immer und ewig, seinen Schlaf bewachen. So wie in der Billardhalle, er würde seiner Miriam das Haar aus dem Gesicht streichen, wenn sie sich umdrehte, er würde ihr die Finger auf die Lippen legen, wenn sie weinte im Schlaf, oder sie auf die geschlossenen Lider küssen, sie an sich drücken, nie mehr loslassen. In seinen Armen halten, ihr ein Schlaflied singen und nie mehr loslassen, nie mehr. Genauso sollte es sein.
Wind kam auf und fuhr über Schluder in die Bäume, die Stunden vergingen, und er saß da und war tief in der Erde. Irgendwann ging er davon, ein alter Mann, stolperte übers Heidekraut auf die Straße hinunter, wo die Zugmaschine stand. Er legte sich in die Schlafkoje, die noch nach ihr roch, nach Miriams Körper, nach Miriams Blut. Er war zu einem Stein geworden, zu einem harten unförmigen Klumpen.
Er wußte nicht, wie lange er gelegen hatte, gewimmert und sich festgebissen am Gedanken, daß er endlich aufwachen müßte aus dem Alptraum. Als ein Traktor vorbeifuhr mit ratterndem Anhänger, riß es ihn auf. Er kletterte nach vorn auf den Fahrersitz, und als er sich bewußt wurde, was er tat, war er schon auf der Meraner Kreuzung. Es trieb ihn hinein in die Stadt, an den Ort seines Unglücks, an den Ort der Katastrophe. Wenn ihm jetzt einer entgegengekommen wäre auf seiner Spur, er hätte ihn zermalmt. In der Cadornastraße auf der Höhe des Parkeingangs ließ er die Zugmaschine stehen, mit laufendem Motor halb auf der Fahrbahn, und scherte sich einen Dreck um das Hupen hinter ihm.
Er rannte durchs Drehkreuz, quer über das Grün und über den Kinderspielplatz, ja, da hatten sie gesessen, auf dieser Bank, und Miriam zu ihm gedreht und ihr Kopf, ihr Köpfchen.... Und Schluder spürte, wie seine Augen hingezogen wurden, er roch es förmlich: Dort mußte das Schwein gestanden haben, zwischen jenen Sträuchern oder knapp dahinter, und schon war er da, auf allen vieren im schütteren Gras, was scherten ihn die aufgebrachten Blicke der Parkbesucher.
Er robbte vorwärts und wühlte mit seinen Fingern im Boden, im daumenhohen Gras, in der dichten Schicht aus modrigen Blättern, und plötzlich sah er ein Blinken weiter vorn und stürzte drauflos. Da lag sie, die Patronenhülse, und er wog sie in der Hand. Jetzt hatte er etwas, etwas, das ihn dahin führen würde, wo seine Rache sich austoben konnte.
Diese Schweine, dachte Else, und denen hatte sie blind vertraut. Aber so war sie nun mal, von Grund auf zu offen, zu vertrauensselig. Und mit dem Hinter-den-Berg-Halten, dem abwartenden Schweigen, den versteckten Andeutungen der Leute hier war sie noch nie zurechtgekommen. Diese hinterfotzigen Berg-affen, maulfaul und heimtückisch.
Alles dieselben Schweine, Zucco, Konrad, alle. Sie lief in ihrem Gefängnis auf und ab. Man hatte sie weggesperrt, damit sie nicht hinderlich wäre, wie´s ihr ging, war ihnen egal.
Ihr hatte man die Tochter vor den eigenen Augen wegverhaftet, aber Zucco und Konrad hatten kein einziges Wort mehr darüber verloren, wie man Miriam herholen konnte. Sie hatten sie nur beruhigt und ihr gesagt, das werde sich schon wieder einrenken.
Else warf sich auf die Couch. So konnte man mit ihr nicht umspringen. Wenn sie nur hier herauskäme, sie würde es auf eigene Faust versuchen. Sie wurde ja nicht gesucht, von ihrem tödlichen Mißgeschick mit Oma Ochsenreiter wußten die Bullen wohl nichts - das war zumindest anzunehmen. Sonst hätte man ja ihr Foto auch gleich im Fernsehen zeigen können, neben dem Schluders.
Ja, Schluder, der arme Hund, der unverläßliche Dreckskerl ... der wird mich doch nicht verraten haben... zuzutrauen wäre dem alles. Aber auf das konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen.
Sie rannte wieder zum Fenster und sah hinunter. Nein, hier käme sie nie heil bis zum Boden, sie mußte sich etwas anderes einfallen lassen.
31Josef
Oberhollenzer
Ja, ja .. wo seine rache sich austoben konnte, ja .. wie die pest würde er über die kommen und ihnen das herz aus dem leib, miriam .. miriam und singen dabei, Eia popeia, und sich in ihre augen wühln .. und ins hirn hinein, miriam, ins hirn mit Eia popeia schlogs poppele toat .. miriam miriam, wie ich dich in den schlaf bring ich denen den tod .. ja und zuschütten, auslöschn ihr plärren & schrein, mit deinem wiegenlied, miriam, mit meinem rachegesang .. und ihr gedärm wird mein strick sein, Eia popeia, und an den bäumen, ja .. ja solln hängen, miriam, rund um dein grab, und die gespenster vertreiben im sturm .. und ich werde tanzen & singen Schlogs poppele toat, schlogs poppele toat, schlogs - Da blieb dem schluder das herz stehn .. er packte die hände an seinem hals und warf sich nach vorne und rollte sich ab .. und war schon über ihm - "Max?"
Dann lagen die beiden da, mitten in bozen, im petrarcapark, lagen sich in den armen und lachten sich den schreck aus dem leib .. Und als max schluder küßte wie sonst kein mann, da löste sich plötzlich das ganze geknäuel in ihm, fiel alle spannung ab mit einem mal .. schluder war, als hätte der himmel, mein gott .. und er rotzte & plärrte .. "Max, max, dich hat der himmel geschickt!"
Wie lange hatte er max nicht gesehn, seinen freund noch aus fränzizeiten, der ihm allmählich das leben erst zum leben gemacht nach dieser lustabtötung daheim .. der ihn damals, mit einem sprung über die trennwand im klo, davon abgehalten hatte, sich die pulsadern aufzuschneiden und seiner biafraparanoia so zu entfliehn .. und der ihm dann ein begleiter gewesen war all die jahre hindurch und ihm die innsbrucker nächte vertrieb .. der der einzige gewesen war, mit dem er stundenlang schweigen konnte und einfach dasitzend sich ausruhn zu zweit .. obwohl nicht einer max, max am wenigsten, dieses sitzen & schweigen, über stunden hinweg, zugetraut hätte, ja, nicht im geringsten zugetraut .. Und doch hatte schluder nie ein beredteres schweigen in seinem leben erlebt, redend hätte er nicht im entferntesten sich derart ausreden können -
Erst in der nähe des mazziniplatzes fiel schluder dann doch noch die zugmaschine ein .. Was solls, soll sie dort stehn und den geist aufgeben irgendwann, dachte schluder, schleppen doch auch sonst alles ab .. soll ganz bozen ersticken daran .. Schluder hängte sich bei max ein .. es ging heim, heim zu max.
Und da saßen sie dann, der schluder und max, in dessen wohnung am grieser platz, und schauten sich an und schwiegen .. und waren wieder, waren endlich allein, nachdem mia und die zwei kinder ins bett warn .. Saßen und rauchten und schwiegen .. saßen und tranken und redeten und waren still, daß man ihr schweigen hörte .. Und der schluder war aufgehoben, war in seiner erinnrung daheim .. ihm war, als wäre er endlich angekommen.
Als schluder dann aufwachte und aus wirren träumen fiel, dröhnte es in seinem kopf wie in jener nacht vor zwei tagen, als er aus der bewußtlosigkeit der brennerstraße allmählich aufgewacht war .. und der andre, der alte, malandato und tot .. Er kam langsam hoch, aufstehend wurde ihm schwarz vor den augen .. Langsam arbeitete er sich zu einem fenster vor .. er brauchte die novemberkälte, seine lungen verlangten nach luft .. Da zerbarst ihm der kopf beinah, als das fenster offen war, als er im fenster lag und hinunterschaute .. die marschmusik, ja, hätte jeden toten geweckt und drang wie tausend messer in ihn .. und eine schützenkompanie marschierte quer über den platz, bewegte sich unaufhaltsam auf die grieser pfarrkirche zu .. und tiroler fahnen in den fenstern, überall .. Da draußen mußte irgendein tiroler sonntag sein .. es war kalt, ein tief hatte sich auf die stadt gesetzt -
Schluder schloß das fenster und ließ sich wieder in den ohrensessel fallen, in welchem er irgendwann eingeschlafen war letzte nacht, betrunken & vollgeraucht .. und drehte sich eine zigarette, blies den rauch in den raum, der sich wieder zu bewegen begann .. der aus der ankerung brach und sich in sich verschob -
Dann dämmerte es langsam in seinem hirn, schälte sich der gestrige tag aus der nacht, klarte es auf in seinem kopf .. Miriam, meine miriam .. Eine ungeheure kälte breitete sich aus in schluder, und der haß wuchs in ihm .. und war nüchtern und kalt wie das gesetz.
Scheiß prösels, verdammt, scheiß lebn, scheiß land .. Da fiel elses blick, auf der suche nach rettendem .. das uns zuwächst in der nacht, dachte else, woher .. da fiel ihr blick auf den rusina-kalender an der wand .. Auch noch sonntag, verdammt .. porca miseria weschta troia himmel herrgott und zugenäht .. santo cielo, auch das noch, fluchte else im breitesten südtirolerisch vor sich hin und trommelte mit beiden fäusten gegen die tür .. statt wie gewohnt auf ein zwei vormittagsweiße ins cafe maschin zu gehen und sich den wochenfrust von der seele zu ratschen, saß sie in diesem kaff fest, verdammt, am ende der welt .. "Det könn'n se sich in'n arsch schiebn, det land", schrie else, packte einen stuhl und schleuderte ihn mit voller wucht gegen die tür, daß zwei stuhlbeine wegbrachen, "ick will die scheiß tür uff habn!"
Schließlich setzte sie sich wieder auf die couch, streckte arme & beine von sich und versuchte, die situation abzustecken, versuchte ruhiger zu werden und im kopf endlich klar .. Was für eine familie, dachte else .. der vater eingesperrt, die mutter eingesperrt, und auch das kind in gewahrsam und irgendwie aus der welt .. Eingesperrt, bei gott, alle ausgesperrt .. und keiner weiß, wie es steht um den andern .. Je besser wir trennen, ja -
Else lachte wie irr, daß alles glas klirrte im raum, else rutschte von der couch und legte sich flach auf den boden und stellte das lachen ein .. und schaute unter die bänke, schaute unter den tisch, schaute unter die couch - und da sah sie den sapin, tief drunter, verstaubt .. so eine art holzfällerpickel, hatte ihr der schluder, hinten im ahrntal, erklärt -
Nach mehreren versuchen hatte else den sapin endlich tief zwischen tür und türstock hinein .. und setzte sich dann ins fenster rechts neben der tür .. und den birkenholzstiel fest in beiden händen stemmte sie sich mit den füßen gegen die laibung und warf sich nach hinten, daß es ihr fast die arme ausriß .. einmal, zweimal, daß die tür splitterte & krachte .. und noch einmal, "Ja!" .. mit aller kraft .. "Ja!" - Else schlug mit dem rücken auf dem boden auf, spürte einen schlag gegen den kopf .. und lag dann da, leicht benommen und mit hämmernden schmerzen .. Vorsichtig fuhr sie sich mit der linken durchs haar, da war blut an der hand .. "So ne scheiße, verdammt!"
Dann sah else die tür und daß die als tür nicht mehr taugte .. da schleuderte sie die rechte faust triumphierend nach vorn und sprang hoch und schrie "Ja! Ja!", ein ums andere mal, daß die fensterscheiben schepperten .. und stand da und begutachtete ihr werk -
Ja das schwerste war getan, das ärgste geschafft .. hatte die tür mit den türangeln ausm türstock gebrochn .. "Ihr könnt mich, verdammt!", zucco & konsorten sollten ihre wut noch spüren, denen würde sie die hölle heiß machen .. bei gott!
Else fluchte und stemmte und riß .. Und dann war die öffnung so groß .. ja sogar die ochsenreiterin wäre da hindurch mit müh & not .. Else schleuderte den sapin gegen die wand.
32Kurt
Lanthaler
Max schüttelte den Kopf und löste sich aus seiner Starre. "Verrückte", sagte er dann und sah sich um.
Hinter ihm lag Schluder am Boden und röchelte wie in den letzten Zügen. Vor ihm lag Else, reglos. "Alles der Reihe nach", sagte Max. In der Küche fand er eine Flasche Wasser. "Und?" sagte Max, als er wieder im Zimmer stand, "wer von euch beiden hat es verdient, zu überleben?" Keine Antwort. "Oder wollt ihr beide, damit ihr euch wieder an die Gurgel gehen könnt?" Keine Antwort.
"Alles muß man selbst machen", sagte Max und schüttete erst Else dann Schluder Wasser ins Gesicht. Schluder fing zu husten an, richtete sich langsam auf und hielt sich den Hals. "Und eins", sagte Max, ging wieder zu Else, tätschelte ihr die Wangen, goß ihr Wasser auf die Schläfe. Else atmete erst zaghaft, dann öffnete sie langsam die Augen. "Und zwei", sagte Max.
"Was?" sagte Else, und dann sah sie sich suchend um und sagte: "Was war?"
"Wird schon wieder", sagte Max. In seinem Rücken hustete sich Schluder ins Leben zurück. "Schluder gehts auch schon wieder besser."
"Schluder", sagte Else. Dann sagte sie einige Atemzüge lang nichts. Dann: "Miriam."
"Ja", sagte Max, "Miriam. Aber Schluder ist nicht Schuld dran. Nicht mehr als du oder ich."
"Danke, Max." Schluder schien wieder sprechen zu können.
Aus Elses Gesicht wich die Farbe, die eben zaghaft wieder zurückgekehrt war. Dann sprang Else ruckartig auf, stieß Max zu Boden und rannte mit gesenktem Kopf auf Schluder los.
"Ich bring ihn um", schrie sie, "ich bring ihn um."
Schluder saß am Boden, an die Wand gelehnt, hob die Hände schützend vors Gesicht und rief nach Max. "Halt sie, Max, sie ist verrückt geworden."
Max kam langsam wieder auf die Beine, schüttelte den Kopf und sagte: "Alles der Reihe nach. Verhaut euch ersteinmal gegenseitig. Vielleicht hilft das ja. Dann sehen wir weiter."
"Max", rief Schluder, und erhielt keine Antwort.
Else trat mit kräftigem, weit ausholenden Tritt ein ums andere Mal auf Schluder ein, traf die Beine, den Magen, den Brustkorb, traf manchmal auch nicht, weinte und wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte immer wieder "ich bring ihn um". Schluder versuchte sich zu schützen, so gut es ging, wehrte sich mit Händen und Füßen, bis aus seinem Hals ein gurgelnder Ton aufstieg der zum Schrei anwuchs und dann in einem lauten "Nein!" endete. "Nein", schrie Schluder und schlug zurück und dann gingen sie mit Händen und Füßen aufeinander los, fielen übereinander her.
Max saß am anderen Ende des Zimmers am Boden, sah sich die Schlägerei an, schüttelte den Kopf, dachte dann an seine eigene Ehe und lachte.
Else und Schluder hatten sich inzwischen zu einem Knäuel verhakt.
"Das reicht", sagte Max und stand auf, "wir haben verstanden. Laßt das jetzt, bevor ihr anfangt, euch auch noch zu küssen. Steht auf, ihr beiden, und kommt. Wir gehen in die Küche und trinken alle zusammen einen Kamillentee."
Das Knäuel bewegte sich langsamer.
"Auf", sagte Max, griff sich Elses Arm und half ihr auf die wackligen Beine, "und du, Schluder, auch."
Sie standen wie ertappte Schüler neben ihm.
"Also", sagte Max und goß Kräutertee in die Tassen, "erstens: ich hab gesagt, ich helf euch. Aber ich mach nicht den Eheberater. Davon versteh ich nichts, fragt meine Frau. Verstanden?"
Keine Reaktion.
"Ich hab euch gefragt, ob ihr verstanden habt."
Schluder nickte, Else sagte leise ja.
"Also gut", sagte Max, "wenn das endlich geklärt ist, zu Frage zwei. Was wollt ihr?"
"Rache", sagte Schluder, überlaut und überfest. Er hatte bei Else etwas gutzumachen.
"Else?"
"Ich will Miriam zurück."
"Kann ich verstehen", sagte Max, "aber du weißt es so gut wie ich. Das geht nicht. Leider."
"Sie sollen bezahlen dafür", sagte Else. "Aber richtig."
"Blutig", sagte Schluder.
"Jetzt geht das wieder los", sagte Max, "dabei hab ich gedacht, wir hätten das geklärt, Schluder."
Aber Schluder zog nur die Achseln etwas hoch und blieb stumm. Max nickte. Er hatte verstanden. Er mußte den beiden, jetzt wo sie zusammen an einem Tisch saßen, die Spielregeln noch einmal erklären. Schluder schien vor Else den Harten spielen zu wollen. Max konnte ihn verstehen. Sollte es seine Mia wagen, ohne die Kinder aus dem Gardaland zurückzukommen, wer weiß. Und alles, was sie sagen würde, wäre eine Ausrede. Aber es gab keinen anderen Weg für die beiden. Sie hatten nur die eine Chance: das zu verstehen. Alleine würden sie aus dem Schlamassel nie mehr herauskommen. Und mit ihm nur, wenn nach seinen Regeln gespielt wurde. Und Regel Nummer eins war: so nüchtern vorgehen, so überlegt, so mathematisch, daß er sich um seine eigene Familie keine Sorgen zu machen brauchte. Und daß sie drei eine Chance hatten in dem Spiel.
"Also", sagte Max, "hört mir einen Augenblick lang gut zu."
Und dann erklärte er ihnen die Spielregeln. Schluder nickte ergeben, er hatte schon geübt. Else ließ sich Zeit, bis sie ihr Einverständnis signalisierte. Endlich war sie soweit.
"Alsdann", sagte Max, "das Schlimmste hätten wir hinter uns. Ab jetzt wirds einfacher."
Er glaubte zwar nicht daran, aber an irgendetwas mußte er sich ja auch halten.
33Sabine
Gruber
Else rannte die steinige Straße hinunter, am Brunnentrog vorbei, wo man damals noch die Kühe tränkte, damals, als sie mit dem Dichter zum Lärchenwald hinaufgewandert war. Sie hatte in den letzten Stunden keine einzige Kuh gehört, kein Glockengeläute, kein Gescheppere der Milchkannen. Prösels versank in Sonntagsstille, und Else stolperte das Herz. Else schmerzte der Arm. Sie drehte sich nach allen Seiten, vermutete Gesichter hinter den Vorhängen, vermutete Fernrohre auf sich gerichtet. Beim Tischler brannte Licht. Die Fichtenbretter lagen unordentlich aufeinandergeschichtet vor dem Hauseingang, einige hingen über die Naturmauer in die Straße. Beim Pröslerhof gabelte sich der Weg. Sie stutzte, fuhr sich ins Haar, lief Richtung Schloß, dann am Baumannhof vorbei, wo der Weg wenig später in den Wald führte. Wald, sagte sich Else, endlich Wald, jetzt bin ick richtich. Sie atmete auf. Verfluchte ihre Schuhe, die an den Spitzen drückten. Verfluchte Schluder. Und das Land. Trällerte boshaft, erleichtert:
"Du wahst mein schönstes Jlück auf Erden,
nur du - von hinten und von vorn.
Mit uns zwee hätt et können werden,
et is man leider nischt jeworn."*)
Da hörte sie einen Wagen, sprang von der Straße in den abschüssigen Wald, rollte und rutschte, prallte gegen einen Stamm. "Verflixt und zujenäht.!" Sie hielt sich den linken Knöchel, umklammerte ihn mit beiden Händen, streckte das Bein, als gelte es einen Krampf loszuwerden, streckte es noch einmal und ein weiteres Mal, bis sie das Gleichgewicht verlor, rollerückwärts im Gestrüpp landete. Das Auto verschwand, und Else kroch stöhnend den Abhang zur Straße empor.
Beim Bildstöckel, das man an der schärfsten Kurve errichtet hatte, machte sie kurz Rast, befreite den linken Fuß vom Schuh, besah die Schwellung, massierte die verstauchte Stelle und rieb Speichel in die Haut, auf daß er kühle, aber er kühlte nicht. Er brannte, zog und zwickte, daß sich die Augen füllten.
Auf der Staatsstraße, die man von hier oben sehen konnte, verkehrten keine Autos. Über der Schlucht brannten die Lichter der Völser Häuser und Straßenlaternen. Else humpelte am Wiesenrand im Schutz des Waldes Richtung Straße, da der Prösler Weg nach dem Bildstöckl ins Offene führt. "Ich laß mich doch nicht abschießen wie eine Tontaube. Hurenböcke. Arschlöcher!" Sie zischte es ins Nachtrauschen, in das sich allmählich Morgengeräusche mischten, einzelnes Gezirpe und Gezwitscher. Sie biß die Zähne zusammen, während der Fuß aufging wie ein Krapfen, prall im Schuh steckte, glühte.
Unten, auf der Straße nach Bozen, fühlte sie sich sicherer, zumindest war sie Prösels entkommen, zumindest war dort die Wahrscheinlichkeit größer, nicht von den "eigenen" miesen Typen aufgelesen zu werden. Sie hoffte. Sie harrte. Lehnte an der Leitplanke und atmete tief durch.
Das erste Auto fuhr an ihr vorbei, das zweite ebenfalls. Else verzweifelte. Else betete. Dann hielt ein bundesdeutsches Ehepaar, das sich auf der Rückreise nach Deutschland befand. In Blumau brachte man sie zum Bahnhof.
"Biglietti, prego!" Else öffnete die Augen, schlaftrunken setzte sie sich auf, tastete mit den Fingern den Sessel ab. "Meine Tasche! Man hat mir meine Tasche jeklaut!" Sie drehte sich hektisch hin und her, begann zu heulen. "Meine Tasche! Meine Tasche ist weg. Ha kapito, mi hanno rubato la tasche, nix tasche, via, schparita!" und wieder winselte sie, bis sich der Weißhaarige ihrer erbarmte, und Else, nachdem er sich ins nächste Abteil begeben hatte, erleichtert das Fenster öffnete. Über den Weinhügeln tagte es. Über den Weinhügeln war das Licht noch kalt.
Als sie den Bozner Bahnhof verließ, hatte sich das Graublau der frühen Dämmerung bereits aufgelöst.
"Ich find` ihn nicht. Ich weiß nicht, wo er ist. Ja, ich hab` in der Quästur angerufen. Das Kind ist bei ihm. Nein, das beruhigt mich keineswegs. Was? Das darf doch nicht wahr sein. Die drehen alle durch. Nee. Kenn ick nich. Ich sollte weg, du hast recht. Es ist ein Fehler, zuhause zu sitzen. Jetzt muß ich schon vor den eigenen Leuten davonrennen. Zu dir? Mein Fuß sieht aus wie ein Ballon. Ich krieg ihn in keinen Schuh rein. Hast du? Eine Blutegelsalbe? Aber ich hab` doch keinen Erguß. Nein, rot ist er nicht. Das Eisfach funktioniert nicht. Ich kann höchstens ein paar Bierflaschen auflegen. Giramonti? Wo? Gestern? Mit einer Blonden? Ach, laß mich in Ruhe damit. Wenn Schluder im Lande ist, betrügt er mich immer oder er tut so als betröge er mich. Kann ich ja auch verstehen. Nein, Schluder weiß nichts davon. Niemand. Er mutmaßt, aber ich streite natürlich alles ab. Er ist so süß. Nein, natürlich Giramonti. Schluuuder, der und süüüß? Ein Dreckskerl ist der, nichts als ein Dreckskerl. Der läßt sich nicht einmal mehr verführen. Faselt herum. Von wegen demoliertem Kopf uns so. Klar. Immer schon. So was riecht man.
Drei Jahre? Und nichts gemerkt? Das gibt`s nicht. In diesem Dorf von einer Stadt? In Berlin leuchtet mir das noch ein. Aber es stimmt schon: Die die fremdgehen, sind die Eifersüchtigsten. Die lauern. Die wissen ja, wie`s funktioniert. Und die Arglosen, die Treuen glauben, was ihnen selbst fremd ist, ist auch dem andern fremd. Aber drei Jahre? Nee, dat versteh` ick nich. Der muß alle Sinne verloren haben.
Es hat geklingelt. Was mach ich jetzt? In den Schrank? Spinnst du? Und wenn`s Schluder ist? Stimmt. Der hat einen Schlüssel. Mensch, ich bin schon völlig verblödet. Ich schleich zur Tür. Nein. Nein, natürlich nicht. Versprochen. Ich ruf Dich gleich zurück. "
*) Tucholsky, Kurt: Singt eener uffn Hof.
34Sepp
Mall
"Ich ruf dich gleich zurück", flüsterte Else in den Telefonhörer und legte ihn vorsichtig auf die Gabel. Auf Zehenspitzen ging sie durch die Diele, vermied es, auf die knarrende Parkettbohle vor der Garderobe zu steigen, und dann lauschte sie, dicht an der Tür.
"Mach auf keinen Fall auf, hörst du", hatte Nina sie beschworen, "bevor du nicht genau gesehen hast, wer´s ist."
Draußen flüsterten zwei miteinander, so leise, daß Else kein Wort verstand. Sie schob ihr Gesicht an den Türspion heran, und schon hatte sie das Auge vor sich: das gelbliche, rotgeäderte Weiß und die riesige Pupille, auf das Guckloch gepreßt, von der Weitwinkellinse breit auseinandergezogen. Einen Moment lang sah Auge in Auge, ohne Glas hätten sich die Wimpern berührt. Der Schrecken fuhr Else in alle Glieder, sie spürte, wie ihre Beine taub wurden und dann glitt sie an der Tür nach unten. Sie war ertappt, entdeckt, verloren. Doch so schnell wie der Schrecken war die Gewißheit da, daß man von draußen nicht durch die Linse sehen konnte, und breitete sich in ihr aus. Einen Schatten vielleicht, das schon.
Nein, der Konrad war das nicht, und Zucco konnte das auch nicht sein. Noch einmal schrillte die Klingel und Else faßte sich ein Herz. Jetzt war das Auge weg und gab den Blick frei auf das Treppenhaus und den ganzen Trupp, der da stand: auf Braitenberg, den RAI-Reporter, seinen Kameramann und einen Dritten noch daneben; Braitenberg breit vor der Tür, das Mikrophon gezückt wie ein Messer in seiner Hand, sein Auge erkannte sie wieder.
"Zuerst überlegen", sagte Max, "dann handeln, in dieser Reihenfolge. Das klingt banal, aber die meisten machen´s umgekehrt. Und dann stecken sie mitten in der Scheiße, schlagen sich an den Dummschädel und sagen, hätt ich´s mir doch vorher überlegt. Theorie vor Praxis, Denken vor Ausführen, Kopf vor Hand, mein lieber Spezi."
"Hast ja recht." Schluder schloß resigniert die Augen.
"Information", sagte Max, "Information ist alles. Zu wissen, wie das System funktioniert, wo seine Verknotungen sind, seine Löcher, seine Schwachstellen. Die Spielregeln sozusagen. Beherrsche diese, dann kannst du mitspielen. Und wenn´s soweit ist, gezielt zuschlagen."
Schluder fiel das Projektil ein, von dem er noch nichts erzählt hatte (und Miriam, Miriam, Miriam), er wickelte es aus seinem Taschentuch aus und hielt es Max unter die Nase: "Sieh dir das an. Das muß uns doch irgendwie weiterbringen."
"Ich bin Systemanalytiker, keine Laborratte", schüttelte Max den Kopf, "steck das lieber wieder ein. Ich geh jetzt ein paar Anrufe machen, und nachher schauen wir weiter."
Else riß die Tür auf. "Haut ab, ihr Arschlöcher, ich brauch euch nicht", schrie sie, und die Kamera surrte. Der Braitenberg trat erschrocken zurück, auf das war er nicht gefaßt gewesen. Schon stand sein Fuß im Leeren über der ersten Stufe, die freie Hand suchte verzweifelt das Treppengeländer und das Mikrophon schlingerte über dem Kopf. Dann war nur mehr ein hektisches Stolpern und Schlingern über mehrere Stufen hinab, bis das maltraitierte Gleichgewicht endgültig einsah, daß es nichts mehr zu retten gab, und das ganze Gestell rücklings hinunterkollerte bis auf den ersten Absatz, wo es schwer aufschlug. Auch RAI-Reporter haben hinten keine Augen, aber was sie nicht alles in Kauf nahmen für zwei Sekunden O-Ton, das war bewundernswert.
Die Tür krachte zu, und Else kauerte sich dahinter zusammen, ihr Gesicht auf den Fäusten. Der Lachkrampf schüttelte sie, und mitten im Lachen noch kam der Ärger. Sie hatte sich wieder einmal hinreißen lassen, wieder einmal. Zu spät hatte sie gemerkt, daß die Kamera lief, daß sie wieder einmal in die Falle gelaufen war. Am Nachmittag würde sie ganz Südtirol im Fernsehen bewundern können, Else Kußmaul aus Berlin, Deutschland, die Südtiroler Gangster-braut, wie sie in die Enge getrieben schrie und außer sich geriet...
Das Telefon klingelte gerade einmal, dann war sie schon dran. "Was du, Max, was willst du? Wie´s mir geht? Na, wie soll´s schon. Was sagst du? In der Scheiße, das kannst du laut sagen. Bis zum Hals. Das kann ich dir jetzt nicht alles erklären, wär viel zu lang. Woher weißt du eigentlich? Was heißt das: man hört so seine Sachen? Nein, der Schluder ist nicht bei mir, weiß der Teufel, wo der steckt. Du kennst ihn doch, Max, du kennst ihn besser als ich. Helfen? Natürlich kannst du mir helfen. Wenn du es sagst. Gut, ich rühr mich nicht von der Stelle. Ich werde hier warten, bis er mit Miriam auftaucht. Ich versprech´s dir. Kann länger dauern? Ich bleib auf jeden Fall in der Wohnung, ganz bestimmt."
Als Max vom Telefonieren zurückkam, hatte Schluder die halbe Weißweinflasche geleert. Es hielt ihn kaum noch auf seinem Sessel, er brannte darauf, zurückzuschlagen, aber sein letztes Fünkchen Verstand und Max hatten gesagt, daß es besser sei, es langsam anzugehen. Und rationell.
"So", sagte Max, "jetzt wissen wir mehr."
35Josef
Oberhollenzer
"Was wissen wir mehr", fragte schluder, "max, ich weiß nichts, verdammt .. außer daß ich noch immer in der scheißgrube steck und man mir andauernd auf den kopf scheißt und ein arsch dem anderen gleicht und daß ich erstick in dem loch da dem dreck und ..", schluder schnappte nach luft, "und ich will raus da, max, nichts als raus und all den säuen ins gesicht schaun und .. Miriam ist tot, max .. und die else .."
"Beruhige dich, schluder, es wird alles .."
"Was wird? Nichts wird wieder und gut, max! Miriam ist tot! Hast du gehört, miriam haben sie das hirn aus dem kopf .."
"Ich weiß, schluder, ich .."
"Nichts weißt du, verdammt, dir hat niemand das herz aus dem leib .."
"Himmelherrgott! Hör endlich auf mit deinem geplärre, verdammt .. Wenn du willst, daß ich dir helf, dann hör endlich zu .. oder geh, lauf amok .. Aber ohne mich, hast du gehört, ohne mich!"
Max schlug mit der faust auf den tisch, daß die halbleere flasche schulthauser aus dem gleichgewicht kam und übern tisch rollte und fiel und auf dem küchenboden zersprang -
Dann war es ganz still in der küche .. und der schluder war ganz weiß im gesicht .. und der max stand da wie angeschraubt .. Dann rollten dem schluder die tränen heraus .. und da beugte sich der max über ihn und drückte ihn an sich -
"Es wird alles gut, schluder, es wird alles gut .."
Max war, als wiegte er ein kind in den schlaf .. nach & nach fiel von schluder die verzweiflung ab.
Während max dann die scherben zusammenkehrte, hörte der schluder dem regen zu .. schaute er den regentropfen zu, wie sie über die fensterscheibe rannen, einmal langsam, stockend & stolpernd, kurz innehaltend dann, einmal schnell .. und wie die rinnsale ineinander mündeten und sich verzweigten und zerbrachen -
"Alles der reihe nach, schluder .. okay?"
"Alles der reihe nach, ja .. Wo willst denn du hin?"
"Zu else", sagte max und knöpfte sich den schmutzigweißen trenchcoat zu. "Ich hab sie vorhin angerufen, sie ist in ihrer wohnung und wartet."
"Auf wen?"
"Auf dich, schluder .. bis du mit miriam auftauchst .. Hab versprochen, ihr zu helfen bei der suche nach dir .. Etwas seltsam, das ganze .. sie weiß scheinbar nicht, wo du steckst .. hat nichts gesagt von deiner verhaftung .. Müßte aber doch wissen, nicht .. muß ja mitbekommen haben, daß sie dich und miriam .. War telefonieren, hast du gesagt .. nicht?"
"Ja, wollte konrad anrufen .. den kaltenbacher, denk ich."
"Okay, schluder .. Nimm die windjacke da, es ist kalt .. und es schüttet .. Müssen zuerst einmal schaun, wies um die else steht .. Hoffe, mein lieber schluder, wir sind bald zu dritt."
Und als die beiden den gerichtsplatz überquert hatten und in die horazstraße einbogen, der max voraus und der schluder hinterher, sagte max: "Alles der reihe nach, schluder, eins nach dem andern."
"Alles der reihe nach .. ja."
Dann kam ein sturm auf in bozen und schlug den beiden den regen ins gesicht.
"Und miriam?" fragte else .. und wußte nicht, wohin mit den händen .. da war der schluder wieder da -
"Laß uns erst mal in die wohnung, else .. sind etwas ins wetter gekommen, wie du siehst", sagte max und war schon an else vorbei .. und der schluder hinterher -
Else schloß die tür hinter den beiden und drehte den schlüssel um.
"Ich habe gefragt, wo die kleine ist", sagte die else dann und schaute dem schluder ins gesicht .. und bohrte ihre augen in die seinen: "Wo die miriam ist, verdammt, hab ich gefragt!"
Und da stand der schluder da wie ein nasser, wie ein gebeutelter hund und hatte den kopf gesenkt und schaute auf die grauen filzpatschen an elses füßen .. und kam dann hinter max hervor, ging langsam auf die else zu und stand vor ihr und schaute an ihren augen vorbei und tat den mund auf und sagte: "Die miriam ist tot."
Da schaute ihn die else an, als schaute sie das nichts, als täte sich da ein schwarzes loch auf mit einem mal, starrte dem schluder auf den mund, der sich nicht & nicht öffnete zu einem rettenden wort .. und da stand die else da wie zur säule erstarrt, nur dieses namenlose entsetzen in die weit offnen augen gebrannt und das gesicht aschfahl -
Und als der schluder nun seine hände auf elses schultern tut und dabei kaum hörbar ihren namen sagt .. da geht plötzlich ein gewitter durch sie .. und schon packt sie den schluder am hals, drückt zu mit all ihrer kraft und hebt ihn vom boden und geht so mit dem schluder in die wohnung hinein .. und schleudert ihn von sich und schreit und schreit mit zum himmel geworfenen armen, daß dem max schier das blut .. und dann verkrampft sich der körper, geht noch ein ungeheures zittern durch sie .. Und bricht dann zusammen wie in spaniens arenen der stier -
Und der max steht da und schaut und sagt: "Alles der reihe nach .. alles der reihe nach .. alles der reihe nach .." - wieder & wieder, als hätte sein hirn einen sprung.
36Kurt
Lanthaler
Max schüttelte den Kopf und löste sich aus seiner Starre. "Verrückte", sagte er dann und sah sich um.
Hinter ihm lag Schluder am Boden und röchelte wie in den letzten Zügen. Vor ihm lag Else, reglos. "Alles der Reihe nach", sagte Max. In der Küche fand er eine Flasche Wasser. "Und?" sagte Max, als er wieder im Zimmer stand, "wer von euch beiden hat es verdient, zu überleben?" Keine Antwort. "Oder wollt ihr beide, damit ihr euch wieder an die Gurgel gehen könnt?" Keine Antwort.
"Alles muß man selbst machen", sagte Max und schüttete erst Else dann Schluder Wasser ins Gesicht. Schluder fing zu husten an, richtete sich langsam auf und hielt sich den Hals. "Und eins", sagte Max, ging wieder zu Else, tätschelte ihr die Wangen, goß ihr Wasser auf die Schläfe. Else atmete erst zaghaft, dann öffnete sie langsam die Augen. "Und zwei", sagte Max.
"Was?" sagte Else, und dann sah sie sich suchend um und sagte: "Was war?"
"Wird schon wieder", sagte Max. In seinem Rücken hustete sich Schluder ins Leben zurück. "Schluder gehts auch schon wieder besser."
"Schluder", sagte Else. Dann sagte sie einige Atemzüge lang nichts. Dann: "Miriam."
"Ja", sagte Max, "Miriam. Aber Schluder ist nicht Schuld dran. Nicht mehr als du oder ich."
"Danke, Max." Schluder schien wieder sprechen zu können.
Aus Elses Gesicht wich die Farbe, die eben zaghaft wieder zurückgekehrt war. Dann sprang Else ruckartig auf, stieß Max zu Boden und rannte mit gesenktem Kopf auf Schluder los.
"Ich bring ihn um", schrie sie, "ich bring ihn um."
Schluder saß am Boden, an die Wand gelehnt, hob die Hände schützend vors Gesicht und rief nach Max. "Halt sie, Max, sie ist verrückt geworden."
Max kam langsam wieder auf die Beine, schüttelte den Kopf und sagte: "Alles der Reihe nach. Verhaut euch ersteinmal gegenseitig. Vielleicht hilft das ja. Dann sehen wir weiter."
"Max", rief Schluder, und erhielt keine Antwort.
Else trat mit kräftigem, weit ausholenden Tritt ein ums andere Mal auf Schluder ein, traf die Beine, den Magen, den Brustkorb, traf manchmal auch nicht, weinte und wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte immer wieder "ich bring ihn um". Schluder versuchte sich zu schützen, so gut es ging, wehrte sich mit Händen und Füßen, bis aus seinem Hals ein gurgelnder Ton aufstieg der zum Schrei anwuchs und dann in einem lauten "Nein!" endete. "Nein", schrie Schluder und schlug zurück und dann gingen sie mit Händen und Füßen aufeinander los, fielen übereinander her.
Max saß am anderen Ende des Zimmers am Boden, sah sich die Schlägerei an, schüttelte den Kopf, dachte dann an seine eigene Ehe und lachte.
Else und Schluder hatten sich inzwischen zu einem Knäuel verhakt.
"Das reicht", sagte Max und stand auf, "wir haben verstanden. Laßt das jetzt, bevor ihr anfangt, euch auch noch zu küssen. Steht auf, ihr beiden, und kommt. Wir gehen in die Küche und trinken alle zusammen einen Kamillentee."
Das Knäuel bewegte sich langsamer.
"Auf", sagte Max, griff sich Elses Arm und half ihr auf die wackligen Beine, "und du, Schluder, auch."
Sie standen wie ertappte Schüler neben ihm.
"Also", sagte Max und goß Kräutertee in die Tassen, "erstens: ich hab gesagt, ich helf euch. Aber ich mach nicht den Eheberater. Davon versteh ich nichts, fragt meine Frau. Verstanden?"
Keine Reaktion.
"Ich hab euch gefragt, ob ihr verstanden habt."
Schluder nickte, Else sagte leise ja.
"Also gut", sagte Max, "wenn das endlich geklärt ist, zu Frage zwei. Was wollt ihr?"
"Rache", sagte Schluder, überlaut und überfest. Er hatte bei Else etwas gutzumachen.
"Else?"
"Ich will Miriam zurück."
"Kann ich verstehen", sagte Max, "aber du weißt es so gut wie ich. Das geht nicht. Leider."
"Sie sollen bezahlen dafür", sagte Else. "Aber richtig."
"Blutig", sagte Schluder.
"Jetzt geht das wieder los", sagte Max, "dabei hab ich gedacht, wir hätten das geklärt, Schluder."
Aber Schluder zog nur die Achseln etwas hoch und blieb stumm. Max nickte. Er hatte verstanden. Er mußte den beiden, jetzt wo sie zusammen an einem Tisch saßen, die Spielregeln noch einmal erklären. Schluder schien vor Else den Harten spielen zu wollen. Max konnte ihn verstehen. Sollte es seine Mia wagen, ohne die Kinder aus dem Gardaland zurückzukommen, wer weiß. Und alles, was sie sagen würde, wäre eine Ausrede. Aber es gab keinen anderen Weg für die beiden. Sie hatten nur die eine Chance: das zu verstehen. Alleine würden sie aus dem Schlamassel nie mehr herauskommen. Und mit ihm nur, wenn nach seinen Regeln gespielt wurde. Und Regel Nummer eins war: so nüchtern vorgehen, so überlegt, so mathematisch, daß er sich um seine eigene Familie keine Sorgen zu machen brauchte. Und daß sie drei eine Chance hatten in dem Spiel.
"Also", sagte Max, "hört mir einen Augenblick lang gut zu."
Und dann erklärte er ihnen die Spielregeln. Schluder nickte ergeben, er hatte schon geübt. Else ließ sich Zeit, bis sie ihr Einverständnis signalisierte. Endlich war sie soweit.
"Alsdann", sagte Max, "das Schlimmste hätten wir hinter uns. Ab jetzt wirds einfacher."
Er glaubte zwar nicht daran, aber an irgendetwas mußte er sich ja auch halten.
37Sabine
Gruber
Da lag Else und schaute Buchrücken an und buchstabierte und war froh, daß man sie und Schluder aus der Stadt hinausgefahren hatte, weg von Miriams Spielsachen, einfach nur weg, in eine Wohnung, die sie beide nicht kannten, mit Max im Nebenzimmer, dem beruhigenden, vernünftigen Max, der alle nach Hause bestellt hatte, Angelo, Konrad, Zucco, Nina und zwei, die sie nie gesehen hatte, der aufklärte und organisierte, der, als die Nachrichten liefen, nicht den geringsten Vorwurf an sie richtete, sondern ihre Hand streichelte und Konrad zurechtwies. "Meine Hochachtung", hatte Zucco gesagt und "Ich ziehe den Hut vor dieser Frau", und Else war sogar ein bißchen stolz gewesen, darüber, daß sie mit dem Sapin in Prösels die Tür aufgebrochen und zuhause die RAI-Reporter zum Teufel geschickt hatte. Und Schluder hatte sie von der Seite angesehen, als wäre ihm erst durch Zuccos Bemerkungen aufgegangen, was er an Else hatte.
2Sie buchstabierte und zählte die Bücher in einer Regalreihe und multiplizierte sie mit den Brettern, auf denen sie standen, um sich die Zeit zu vertreiben, bis Schluder aus dem Bad zurück war. Sie ließ den Abend Revue passieren, den Abend nach dem Abend, denn an den Abend vor dem Abend durfte sie sich nicht erinnern; der Abend vor dem Abend war die tödliche Nachricht, war der Verlust, das Unsagbare, nicht mehr Fühlbare. Der Abend vor dem Abend war das eigene Ende und Schluders Ende, war das Ende der Welt.
Als Schluder das Zimmer betrat, sah er wie Else auf dem Bauch liegend zwischen den angewinkelten Armen den Kopf ins Kissen stieß, ihn herauszog, um ihn wieder und wieder hineinzustoßen. Er setzte sich ans Bett, sagte nichts, spürte nur die Glieder, den brummenden Schädel und die Würgemale, die jetzt brannten, nachdem er sich rasiert hatte. Er verstand sie nicht, verstand dieses "vor dem Abend" und "nach dem Abend" nicht, das sie aus sich herauskeuchte, ohne zu bemerken, daß er neben ihr saß.
"Ich kann nicht mehr." Es war still. Mit diesem Satz hatte sie aufgehört, sich zu bewegen. Schluder schlüpfte unter das Federbett und hielt Else. Und drückte sie. Und weinte. Er hielt sie, um selbst gehalten zu werden, aber Else rührte sich nicht, stocksteif ließ sie sich sein Geklammere gefallen.
"Ich habe ihnen alles erzählt, aber nichts vom Tod der Ochsenreiterin."
Schluder wischte sich mit dem Federbettzipfel die Augen trocken.
"Was?"
"Nichts vom Tod der Ochsenreiterin."
"Ach so. Hätte ich auch nicht."
"Sie haben nicht nach dem Gift gefragt. Das ist verdächtig. Vielleicht wegen der zwei neuen - "
"Die sind doch nicht neu, nur weil du sie nicht kennst."
"Kennst du sie?"
"Pst! Max ist wach. Hörst du? Er geht gerade auf die Toilette." Schluder strich mit dem Zeigefinger über ihren muskulösen Unterarm, küßte ihn an der Elle.
"Man müßte Teile der SLAPS einbinden."
"Bist du verrückt? Die sind möglicherweise selbst involviert. Du hast doch gehört, was Konrad gesagt hat."
"Konrad ist mir nicht geheuer. Ich mag den nicht. Ich habe ihn nie gemocht. Manchmal habe ich das Gefühl, er gehört nicht zu uns."
"Du spinnst."
"Und wenn die Kaffeedosen nicht ich verwechselt, sondern jemand absichtlich ausgetauscht hatte? Der Konrad ist damals öfters vorbeigekommen, und ich erinnere mich, wie ich zu ihm gesagt habe: `Nein, Waffen kommen mir keine ins Haus.´, als -" Else stockte. Else hielt sich kurz die Augen zu. " - als Miriam plötzlich schreiend in der Tür stand, weil sie die Treppen hinuntergestürzt war."
"Wie - das verstehe ich nicht. Derjenige konnte ja nicht wissen, daß du den Kaffee der Ochsenreiterin bringst."
"Das Gift war ja nicht für die Ochsenreiterin bestimmt, sondern für mich. Und er hatte, während ich Miriam verarztete, genügend Zeit, um -"
"Nein, Else. Nein. Das geht zu weit."
"Warum hat Konrad heute das Gift verschwiegen? Es ist doch über alles offen geredet worden."
"Ich weiß es nicht. Es ist drei Uhr früh Else. Wir müssen schlafen, wir müssen zumindest versuchen zu schlafen. Hast du die Tablette genommen?"
"Ich nehme sie nicht. Ich will mich nicht künstlich beruhigen."
"Du wirst die ganze Nacht wach liegen."
"Dann liege ich eben wach. Ich liege sowieso wach, trotz Tablette. Ich werde nie wieder schlafen. Sie werden mich umbringen, Schluder. Der Konrad wird mich umbringen."
"Else, hör auf, Else, bitte -"
"Sie wollten mich vergiften, kapierst du das nicht? Der Konrad wollte mich vergiften!"
"Schau mich an, Else." Schluder nahm ihren Kopf. "Schau mir in die Augen, Else. Hörst du mich? Else - hör mir jetzt gut zu. Ich liebe dich, Else. Ich liebe dich über alles."
38Sepp
Mall
Sie lagen nebeneinander im großen Bett in der fremden Wohnung. Als Schluders Hand sie gesucht hatte unter der Decke, hatte Else ihn weggestoßen, sich weggedreht. Er hatte das Licht gelöscht und hoffte, daß sie endlich einschlafen konnte, hinüberfinden in den Schlaf, ins Vergessen. Ich liebe dich, hatte er ihr gesagt, ich liebe dich über alles, und es war ein anderes Wort gewesen für: Mir zerreißt es das Herz, wenn ich dich so sehe.
Sie tat ihm leid, unendlich leid. Langsam begriff er, was ihr, was ihnen beiden zugestoßen war. Es würde nie mehr sein wie früher.
Was war ich für ein Arschloch, dachte Schluder, Herrgott, wie schön hätte es doch sein können. Ich hätte sie nach Berlin holen sollen, alle beide, weg aus diesem verfluchten, fanatisierten Land, aus diesem alpenländischen Bosnien. Sie hätten eine richtige Familie sein können, mit einer Wohnung im Grünen und samstags übern Kudamm schlendern oder hinaus an einen der Seen ins Brandenburgische... Gut, er hätte vielleicht seine Eskapaden etwas einschränken müssen, Charlotte, Sabine, und vielleicht auch seine Autoschiebereien. Aber wenn er geahnt hätte, was ihnen in diesem dreckigen, gottverdammten Südtirol passieren würde, es wäre ihm leicht gefallen.
Else warf sich unruhig hin und her, vergeblich wartete Schluder auf die Gleichmäßigkeit ihrer Atemzüge. Er hörte, wie sie von Zeit zu Zeit mit sich selber flüsterte, und als er seinen Kopf aus dem Kissen hob, verstand er, was sie murmelte: "Meine Miriam, meine kleine Miriam, bald komm ich zu dir." Immer wieder den einen Satz. Wenn Max, sein Freund, ihnen nicht helfen konnte, ihm und Else, was würden sie für ein Ende nehmen...
Was sollte sie hier in diesem Bett, neben diesem Mann, der ihre Tochter irgendwo draußen im Wald verscharrt hatte? Als er sich umdrehte im Halbschlaf, rückte sie weg, sucht Distanz vor seinem Körper, nein, sie konnte sich unmöglich von ihm berühren lassen, von ihm nicht.
Sie sah zwar, wie Schluder sich wand in seinem Unglück, wie er versuchte, ihr beizustehen, aber sein hilfloses Gestammel machte nichts besser. Und Max konnte noch so oft beteuern, daß Schluder keine Schuld treffe, sie brachte das nicht aus dem Kopf: Neben ihr lag der, der ihre Tochter auf dem Gewissen hatte, ihr einziges Kind.
Er lag da mit offenem Mund und schnarchte. Die Welt war zusammengebrochen und er schlief. Lag eingedreht ins Bettzeug und schnarchte wie einer, der seinen Rausch ausschläft. Im schwachen Lichtschein, der von draußen kam, glänzte ein Speichelfaden in Schluders Mundwinkel. Dieses Schwein, ja, schlafen, das gelang ihm immer, das konnte er, auch wenn alles um ihn herum kaputtging. Jetzt ein Messer holen, es ihm in die Augen bohren, in die Gurgel, ins Herz... Und schon war Else auf den Beinen, stolperte durchs Zimmer, wühlte in den Schubladen, auf dem Tisch, wo Nähzeug herumlag. Die Schere fühlte sich kalt an in ihrer Hand.
Aber als sie über Schluder kniete, da blieb ihre Hand auf der Bettdecke kleben, da war die Schere zu schwer, tonnenschwer, um sie zu heben, hoch über den eingekrümmten Körper, nur in die Matratze hinein wollte sie fahren, lautlos.
Max hatte Frühstück gemacht. Kaffee, grünen Tee, frisches Weißbrot, Butter und Eier.
"Halbwegs geschlafen?" fragte er die beiden, die wie verloren am Tisch saßen.
"Max", sagte Else, "ich hab nachgedacht. Der Konrad ist mir nicht geheuer. Ich weiß jetzt, der wollte mich vergiften, ehrlich."
"Mir ist er auch nicht grad sympathisch", entgegnete Max, "der hat sich gestern ganz schön widersprochen. Ich weiß nicht, ob ihr das gemerkt habt."
"Ich nicht", sagte Schluder.
"Und ob", sagte Max, "mehr als einmal. Auf jeden Fall steht jetzt eines steht fest: wir sind ganz allein. Die Leute von gestern abend würde ich zur Sicherheit lieber mal aus dem Spiel lassen. Das heißt, daß wir niemanden mehr ins Vertrauen ziehen, klar?"
"Und weiter?" fragte Schluder.
"Fürs erste müssen wir herausfinden: wer hat geschossen? Das heißt, ich muß das herausfinden. Ihr zwei könnt euch ja nirgends mehr blicken lassen. Wird nicht ganz leicht sein, aber wie ich all diese fanatischen Volkstumskämpfer einschätze, können sie ihre Heldentaten nicht für sich behalten."
"Wie meinst du das?" fragte Else.
"Ganz einfach. Wer etwas Heldenhaftes tut, muß auch darüber reden. Sonst könnt´s ja übersehen werden."
"Aha. Und wie willst du jetzt vorgehen? Alle der Reihe nach anrufen?"
"Laß das meine Sorge sein, Elselein. Auf jeden Fall: Ihr zwei bleibt hier in der Wohnung, rührt euch nicht und vertragt euch. Ich bin zurück, sobald´s geht. Und dann muß ich noch nach meiner Familie schauen. Hab ja auch eine, und keine ganz einfache."
Else und Schluder sahen Max vom Küchenfenster aus zu, wie er über den Hof ging und ins Auto stieg.
"Und was machen wir jetzt?" fragte Schluder und legte seinen Arm um Elses Taille.
"Laß mich in Ruh", fauchte Else. "Du kannst ja abspülen, wenn du willst."
39Josef
Oberhollenzer
Als drehte er sich um sich selbst, als drehte sich alles um sich selbst: Max war, als bohrte er sich allmählich in die tiefe hinab, als verschlänge ihn die straße nach & nach: Wer in den malstrom geriet, dem mußte ähnlich zumute sein. Noch immer hielt er dieses nicht enden wollende kreisgefahre nicht aus, die schwindelgefühle waren wieder da, wieder kämpfte er an gegen diese meter um meter wachsende angst, irre zu werden: Wer diese straße nach jenesien sich ausgedacht hatte, der mußte, ohne zweifel, ein sadist gewesen sein .. oder einer vielleicht, der piranesi ein denkmal setzen wollte, oder edgar allan poe -
Max trat auf die bremse, daß sein mini beinah ins schleudern geriet, blieb am straßenrand stehn, schaltete die warnblinkanlage ein .. da überholt ihn mit wütendem gehupe und mit vogelgezeig eine frau .. "Vattene, porca troia!", schreit er der hinterher. Dann zündete er sich eine zigarette an, versuchte wieder der ruhig & kühl analysierende max zu werden, als den man ihn kannte in bozen. Der bozner max, ja .. und strich sich das haar aus der stirn und füllte die lunge mit rauch .. und atmete langsam aus, bis er in atemnot war. Der das leben in der hand hatte, der es handhabte, hieß es, wie der bauer sein feld, und von dem der schluder nicht wußte .. oder von dem er, mit else, vielleicht redete jetzt, oben in jenesien, daheim. Über den der schluder, ja, jetzt vielleicht mutmaßte im haus, das nach dem tod seiner mutter, vor etwas mehr als einem jahr .. das ihm zugefallen war, als einzigem sohn .. wo seine kindheit lag und in das mia nicht wollte, das so zu einer wochenendbleibe verkam. Wieviel kraft, bei gott, hatte ihn diese ruhe gekostet, diese souveränität .. diese selbstsicherheit, in jeder situation: Manchmal war sogar ihm, als wäre er der, der er schien. Was würde der schluder seiner berlinerin .. wie würde er der erzählen über ihn?
Max stieg ausm auto, stützte sich auf die leitplanken .. und schaute durch den regen auf die stadt hinab, die ihn zu dem gemacht hatte, der er jetzt war. Ach, die verwandlung des herzens, wenn ein jeder, wenn alles eingezäunt ist .. und die seele am pflock. Wie haßte er bozen, diese geschäftige, diese rumorende stadt, wo kultur noch nicht einmal unter die räder geriet .. und doch trug man dieses wort wie eine monstranz vorm maul. Und wie verabscheute er dieses land, das ihm das denken verdorben und in grenzen getan, das ihn vergiftet hatte durch & durch .. wie es alle vergiftete, die da zu leben hatten, von kindheit an. Und wie hing er daran, wie zerrten diese menschen an ihm -
Der schein, dachte max, liegt wie ein riesiges spinnennetz überm land, würgt ab, was da noch an leben wär .. dieses gerenne & gelächle landauf, daß es einem vor zorn das herz schier zerreißt, wenn er innehält. Das leben, dachte max, liegt in den menschen wie blei .. und dann beginnt einer zu schrein, mit einem mal, schlägt einer um sich. Ohne grund, wie man sagt, und hat doch keinen grund, wo er steht .. und bricht in gewalt aus, weil er sich nicht mehr zu helfen weiß. Mein gott, diese tode landab .. von menschen, die eben noch vom wetter, ein bier .. die doch alles gehabt, wie man sagt. Ein ungeheurer ekel breitete sich aus in max, eine ungeheure wut wühlte seine eingeweide um .. und einen augenblick schien ihm, als müßt er aus der haut. Dann kotzte er nur, bis er leer war -
Das leben liegt in den menschen wie blei .. und als er am reichrieglerhof vorbeifuhr, ging dem max die miriam durch den kopf. Man hatte den schluder ausschalten wolln, das war klar .. warum aber hatte man nicht ein weiteres mal? Der schluder wäre kaum zu verfehlen gewesen, mußte doch minutenlang da gesessen haben, mit der miriam im arm? Saß dem der schock über den kindsmord? Einer, der den schluder, aber die miriam auf keinen fall? Da schoß ihm giramonti wie eine gewehrkugel durchs hirn .. Nein, nein, alles der reihe nach, max .. spekulationen, die das feld öffneten, ja .. aber nichts, nein, was andres verdrängte, was das feld schon verengte .. schon ins dunkel stieß, was da an möglichem war, und schon zu den akten, noch bevor es erwägt. Der holzweg im fall waldner sollte ihm eine lehre, verdammt -
Max riß das lenkrad herum, schrammte am auto vorbei .. beinah, verflucht, wär er dem hinten drauf .. "Himmel, arsch & zwirn!", welches arschloch hatte da das auto halb auf der straße, dem würde er .. und war schon ausm mini und laut fluchend die paar schritte zurück. Da war max, als fegte ein sturm durch seinen kopf, da war ihm, als wären alle gedanken los: Der volvo vom konrad .. da vorm haus des doktors .. und die else nach prösels gesperrt und der schlaf .. der volvo .. das gift -
Max rannte zum mini zurück, sprang hinein, startete, warf den ersten gang ein, die reifen quietschten .. Schon war er an der ecke fagenstraße-grieser platz, schon war er vor seinem haus, schon rannte er die treppen hoch, läutete sturm, "Ausm weg, verdammt!" .. und hannah und max junior standen vollkommen verwirrt, standen starr vor schreck da, mit augen groß wie und mit offenem mund .. und die mia von irgendwo: "Max, bist dus?" Der schnappt sich die minolta, keucht: "Später, muß los!", rennt hannah beinah um, wirft die tür ins schloß. Und als er am tor ist, hört er, wie die hannah zu heulen beginnt .. und da ist max, als hätt ihm einer die augen auf, als hätt ihm einer den verstand zurück: Er hatte mist gebaut, auf der ganzen linie. Hirnverbrannt war er amok gerannt -
Schon von weitem sah er, konrads volvo war weg: "Mist, verdammter mist!"
40Kurt
Lanthaler
Max faltete sich aus seinem Mini, atmete zweimal durch, bügelte sich die Falten aus dem Leib und öffnete den Kofferraum (oder was Mister Mini dafür hielt). Er wühlte sich durch den Oberflächeninhalt einer roten Plastikkiste: Kühlerdichter, Ersatzsicherungen, Altöl, Neuöl, antigelo, Starterkabel, Bremsflüssigkeit, alles Dinge, die eine Ehefrau davon abhalten, an die Halbliterbüffelgrasvodkaflasche zu gehen, die darunter liegt. Ein Schluck. Noch ein Schluck. Luft ablassen. Schluck. Luft ansaugen. Schluck.
Weil Max ein Mensch war, dem eine gewisse Ordnung über die Jahre zur physiologischen Notwendigkeit geworden war und weil er außerdem dachte, daß Ehescheidungen nur für Anwälte gut sind (wieviele gute Anwälte, die geschieden sind, kennen Sie?), deswegen, und weil Max ganz einfach einen Heidenrespekt vor Mia hatte, während Mia wiederum eine abgrundtiefe Antialkoholikerin war, was sich allerdings erst einige Stunden nach der Empfängnis ihrer beider ersten Kindes so klar herausgestellt hatte, aus all diesen guten Gründen nahm Max sich Zeit um den Vodka wieder tief und ordentlich zu verstauen. Soviel Zeit, daß noch Zeit blieb für einen Schluck.
Langsam, Max, dachte Max und dankte dem Vodka, der ihn davor bewahrt hatte, so oberflächlich wie danebenliegend zu denken. Langsam. Laß dich nicht drausbringen. Bist zwar am Reichrieglerhof vorbeigefahren. Aber deswegen mußt dich noch lang nicht zum Vollidioten machen.
Gab es eben inzwischen noch einen Wallfahrtsort für Paranoiker mehr. Nach der Psairer Schmiede (Wieland der Schmied vor Stalingrad und sein treuer Eckard auf dem Sprung in die Klamm), dem polizeibewachtem Staubhaufen, der einmal das Siegesdenkmal gewesen war (L´avanguardia insanguinata della civiltà moderna) und dem Erlebnispark Franzensfeste (Nazi-Gold, Ustascha-Gold, Vatikan-Gold und demnächst wohl auch noch radioaktives Babyzahngold). Und dann der wallfahrende Paranoiker. Ein Runer, den er, Max, zum ersten mal in Bozner Schülerkreisen erlebt hatte, bartlos, ein Menetekel an der Wand. Dann, in Innsbruck, JES, oh ja, das Bärele in dem Jungmännerverein, auch Tonele genannt, BussiBussi, bis vor einem Jahr ein großer Redaktor, jetzt den Weg allen Fleischlichen, eben, und ein Verlust für die Geschichte, wenn man sich von Geschichte nichts erwartet als Schlagzeilen. Und schließlich der Reichrieglerhoferbe. Und als er, Max, ihn, den Erben, nach dreizehn Jahren wieder getroffen hatte, auf der sommernachtsoffenen Terasse eines Unterlandler Etablissements, legte der Erbe einen Arm auf seine Schulter, schwer, hob sein Glas, "gegen die Partei, zusammen", sagte der Erbe, und er, Max, sagte: "Maul. Und halten. Weil: hättest du vor dreizehn Jahren sagen müssen. Hat zu lange gedauert, bis du dahinter gestiegen bist. Und Prost." Und er, Max, hatte sein Glas gehoben, und der Erbe hatte seines gehoben, und sie hatten ihre Gläser geleert. Und jetzt war er schon seit fünf Jahren tot. Er, nicht Max.
Max hatte sich anstecken lassen. Das Virus hatte ihn am Schädel. Das Virus, das das Land verseuchte. Einen Landstrich, in dem schon vorher nicht unablässig nachgedacht worden war, bei Gott nicht, nein, noch nicht einmal bei dem. Jetzt aber, in diesen Viruszeiten der um sich greifenden Paranoia, standen die Hirne still, starb jeder Gedanke schon im Aufkeimen ab. Das Virus hatte Max am Schädel gehabt. Für Minuten. Damit war es jetzt aus. Keine Hektik, keine Panik and no sports. Erst mal eine Zigarette.
Der mini zündete, drückte ein paar Tropfen Öl rauchend durch den Auspuff und rollte dann entspannt in Richtung des neuen Stadtviertel, das seit 2000 offiziell La nuova Bolzano hieß, bei den unvermeidbaren Neidern und Spöttern allerdings nur Tosilopoli. Dieser gottbegnadete und connectiongesegnete Spekulant hatte es wieder einmal geschafft, fünfzehn palazzi zu bauen, die keiner wollte, um dann dreizehn davon zu fetten Preisen einer Provinzverwaltung zu verkaufen, die sie so schon gar und eigentlich überhaupt nicht brauchte. Unter anderem drei Hochhäuser, deren Fundamente inzwischen um eineinhalb Meter abgesunken waren. Baumeister Tosiloni und seine Ingenieure hatten schon eine Lösung parat. Warten, bis das Fundament um weitere zwei Meter abgesackt war, und dann die Knöpfe im Aufzug neu beschriften. Alles einen Stock tiefer. Das Konzept war ausbaufähig, und der Große Baumeister hielt sich zu Recht für den einzig legitimen Nachfolger des Buonarotti. Nur knabenliebende Gedichte waren von ihm noch nicht bekannt geworden. Man hoffte auf den Nachlaß.
In Nummer vierzehn von Tosilonis fünfzehn wankenden palazzis war bis auf Widerruf die Internetfirma untergebracht worden, der Max seit zwei Jahren sein Seelenheil opferte.
Max hackte sich durch zwei controlpanels, gab vier verschiedene Geheimcodes ein, verrammelte sich in seiner Hackerbude (offiziell hieß sie, um exakt zu sein, unter den Kollegen eigentlich Das Hackerbräu, von den Aufklebern an der Tür und wegen der Innereien des Kühlschrankes), fütterte das Eichhörnchen mit einer handvoll getrockneter Ahrntaler Psylos (wie bekannt eine haluzinogene Pilzsorte, sehr feine Sache für eine total wissenschaftliche Versuchsreihe zum Thema Bewußtseinserweiterung im world wide web) und loggte sich ein. Max hatte ein paar Fragen an das WeltWeiteNetz und noch mehr an sich selbst. Zuallererst aber mußte er eine e-mail an Mia loswerden. "bigmax@tyrnet to miamia@famnet: das war ein gespenst, das war nicht ich. leg dich hin und lieb mich oder setz dir eine deiner special gertsuppen auf und kuess mich bis ich wieder da bin. und natuerlich die kiddies auch. kuss, maeksi. ps.: wo du willst." maeksi war ein Geheimsignal, dessen sie sich bedienten, seit sie sich kannten. Also seit fünzehn Jahren. maeksi bedeutete: alles in Ordnung, nema problema. Wäre er nicht er gewesen, hätte es Ärger gegeben, er hätte mit maexi firmiert. Und Mia mit miao. So einfach war das. Es geht eben nichts über vorauseilende Organisation. Nachdem ihn seine Frau nunmehr in Sicherheit und mehr oder minder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte wußte, was nach der ultrasonischen Begegnung in ihrem Treppenhaus gar nicht so selbstverständlich war, machte sich Max an die Arbeit.
Legte sich einen frühphönizischen Bildschirmhintergrund auf den Monitor (konzentriert ungemein), klinkte sich aus dem hausinternen Telefonnetz aus und heizte den Samovar an. Der Samovar, um die Wahrheit zu sagen, war ein nur knapp zwölf Zentimeter großes, allerdings funktionstüchtiges Minimodell, das er vor fünfundzwanzig Jahren in Afghanistan erstanden hatte. Zusammen mit zwei Kilo handelsüblichen einheimischen Rohstoffes. Als Gratis-Draufgabe sozusagen. Er hatte damals gerade die Folgore verlassen (mein Gott, es gab sie schon seit zwei Jahren nicht mehr, diese Eliteabteilung italienischer Kriegskunst), und das aus zwei Gründen: erstens, weil er in diesem halbfaschistischen Verein nicht mehr mitmachen wollte, und zweitens, weil die Heroinversorgung in selbigem Verein, trotz aller Bemühungen seiner dealenden Vorgesetzten, zu wünschen übrig ließ. Was die Qualität betraf.
Max glitt auf Engelsflügeln durchs Internet, trank grünen Tee und wußte nach dem ersten Schluck, daß er einen Schritt weitergekommen war.
Konrad, dachte er, Zuccos Kollege, dieser volvofahrende Konrad, der Mann fürs Grobe in der Interethnischen Brigade Alexander Langer, sozusagen dem Xten Armeekorps, das im Niemandsland zwischen Schützt Tirol! und Italiani Per Sempre im Dreck lag und Granaten, Kopfschüsse auf kleine Kinder und Staub schluckte, dieser Konrad war, wenn er´s recht sah, bei Schützt Tirol! zu Besuch gewesen. Der Volvo in der Fagenstraße auf Kaffee und Kuchen beim Doktor.
2Halt!, sagte da Maxens analytisches Hirn, nicht zu schnell, jetzt hudelst du wie damals die Journaille und der dicke Tartufe im Fall Waldner/Rainer. Langsam, Max. Das, was du weißt, ist: Konrads alter, lettenversudelter gelber Volvo war bei Schützt Tirol! zu Besuch gewesen. Der ja.
"Und, mein lieber Max", sagte Max, "da hast du eine nette Homepage gefunden: AntiAntiFaschistischerKampf/FahndungsDienst/InfosBefreundeterKampfOrganisationen. Max gab ein paar Begriffe ein, die Suchmaske nahm ihm die Arbeit ab, nach dreißig Sekunden hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte. Auf seinem Monitor stand zu lesen: "Vorsicht: Volvo, gelb, zugehörig Inter.Ethn.Brig.Lang, Fahrer "Konrad" (siehe dort) und "Zucco" (siehe dort). Keine Aktion, aber umgehend Meldung an Leiter Gruppe II/Q SchüTi!"
"Was immer das zu bedeuten hat", sagte Max und speicherte die Datei ab.
41Sabine
Gruber
Max nahm einen letzten Schluck, drückte die Zigarette aus und wollte zur Tür, als das Telephon klingelte. Mia grußlos, Mia mit lauter Stimme: "Die Gerstsuppe kannst Du Dir im Gasthaus bestellen. Hol die Kinder ab, ich geh aus."
"Und was soll ich damit?"
"Sie küssen, wohin Du willst. In einer Viertel Stunde?"
"Ja", sagte Max, "aber -", da klickte es schon in der Leitung, und Max trottete zur Tür.
Else lag auf dem Diwan und sah zu, wie Schluder Geschirr wusch. Ab und zu schüttelte es sie. Von den Fingernägeln war nichts Weißes mehr zu sehen, am rechten Zeigefinger floß bereits Blut. Wenn sie mit dem Beißen aufhörte, riß sie Haare aus; sie nahm sie zwischen Daumen und Mittelfinger und betrachtete die Wurzeln, die kleinen schwarzen Punkte. Der blutige Zeigefinger ragte gespreizt in die Höhe wie das Ohr eines Schattentiers, eines Hasen, den sie Miriam vor dem Einschlafen öfters an die Wand projeziert hatte. Sie heulte los. Schluder trocknete die aufgeweichten Hände und setzte sich zu ihr, hielt ihre Schultern. Dann stand er auf, holte die Tranquilizer, ein Glas Wasser.
"Ich schluck das Zeug nicht." Else riß ihm die Tabletten aus der Hand und warf sie Richtung Küchentisch.
"Dann nimm zumindest das Valium."
"Nein."
"Bitte. Ich kann nicht zuschauen, wie du dich entstellst."
"Du wirst noch einiges mehr zu sehen kriegen." Sie erhob sich, ging zum Tisch, bückte sich und legte die Packung auf den Stuhl. "Ich gehe nach Deutschland zurück. Zu Ludger. Oder ich stehe morgen mit einem Maschinengewehr auf dem Walther-Platz. Hier drehe ich durch. Wann kommt Max?"
"Keine Ahnung." Schluder wußte nicht wohin mit den Händen, nahm den Tabak aus der Tasche und wuzelte vor sich hin.
"Ich brauche ein Auto und etwas Geld, gerade soviel, daß ich von hier wegkomme. Hilfst du mir?"
"Ja.", sagte Schluder und sah den Riß im Zigarettenpapier.
Max saß im Hof des Drescher-Kellers und schaute einem blonden Mädchen zu, das auf einer Stiege kniete und seine Barbie-Puppen frisierte. Sie mußte zum Haus gehören. Er war umgeben von bundesdeutschen Touristen, die meisten waren Paare. Vorne, in der Nähe des Tores, saß ein Bauer und rauchte, hinten, zum Garten hin, ein einzelner Mann mit Sonnenbrille und rötlichen Haaren. Er mußte ihn immer wieder anschauen, das Gesicht kam ihm bekannt vor. Hannah stand bei den Enten und rührte sich nicht. Max Junior hockte unterm Tisch und wälzte ihre Puppen im Staub, bedeckte sie mit Steinchen.
"Laß das. Gleich kommt Hannah, dann geht das Gebrüll los."
Die Flasche Bischofsleiten war bereits zur Hälfte geleert, und Max rieb sich die schweißnasse Stirn. Eigentlich wollte er zu Schluder und Else nach Jenesien fahren, aber Mia duldete keine Widerrede. An der Lautstärke ihrer Stimme konnte er gewöhnlich erkennen, wie weit er gehen durfte. Mia hatte ihm von Anfang an erklärt, daß man vom emotionalen Startkapital einer Beziehung nicht zuviel auf einmal aufbrauchen dürfe; beim bedenkenlosen Abbuchen rutschte das Konto in die roten Zahlen, die Liebe in die Krise. Also mußte er einzahlen, hatte die Kinder ins Auto gepackt und war hierher gefahren. Nein, ein Else-Schluder-Leben wollte er nicht, nicht diesen schonungslosen Umgang, diese Schickaniererei. Und die Kleinen liebte er ja. Er schnitt den Emmentaler in Streifen und rief Hannah. Sie aß zu wenig, war viel zu dünn. Max Junior kam hervorgekrochen und riß den Mund auf.
"Bitte", sagte Max Senior, und Max Junior wiederholte brav.
"Leg die Puppen auf den Stuhl."
Der rothaarige Mann bestellte das dritte Bier. In Max arbeitete es. Ehe er sich`s versah, waren die Käsestreifen verschwunden und mit ihnen Max Junior, der damit die Puppen verzierte. Max stand auf, um Hannah zu holen und den Rothaarigen aus der Nähe zu betrachten. "Zucco?" Er traute seinen Augen nicht. "Alle Achtung", sagte Max und nestelte an der Zigarettenschachtel, "Perücke?"
"Wie bitte?" Der Rothaarige fühlte sich sichtlich unwohl, hielt mit beiden Händen das Bier fest und beschloß schließlich doch, offensiv vorzugehen. "Max! Schön dich zu sehen. Ja, ich fühle mich, als hätte ich den Schädel im Backrohr. Setz Dich doch."
"Ich hab die Kinder dabei."
"Die können sich dazusetzen."
"Ich weiß nicht, ob das gut ist."
"Schau ich so furchterregend aus? Wo hast du sie hingebracht?"
"Wen?"
"Schluder, Else."
"Jenesien. Aber wohl ist mir nicht." Das hätte ich nicht sagen sollen, dachte Max und rief nach seiner Tochter, die einem Hahn hinterherrannte.
Zucco schüttelte nervös sein Kunsthaar. "Du wunderst dich über mein neues Outfit?" Er zog Max zu sich herunter. "Ich habe Angst. Sie haben mich auf der Liste. Als ich gestern in meine Wohnung kam, war die Tür aufgebrochen. Sie haben alles durcheinandergeworfen."
Das klingt wie auswendig gelernt, dachte Max. "Gestern? Wann gestern?"
"Na, gestern, als ich nach Hause kam. Salvatore und Ingrid sind auch abgehört worden, sonst hätte man sie nicht so leicht in die Luft jagen können, ohne eigene Leute zu gefährden."
"Verzeih, ich muß mich um die Kinder kümmern." Max versuchte ruhigen Schrittes auf Hannah zuzugehen, obwohl er es plötzlich eilig hatte.
42Sepp
Mall
"Wir, das brauchst du nicht mehr sagen, nie mehr", schnaubte Schluder, "schon gar nicht, wenn du diesen komischen Haufen von der IBAL meinst. Interethnische Brigade Alexander Langer, wenn ich das schon höre. Unbedingt Krieg spielen wollen, Südtiroler Berg-Guerilla, etwas Hirnverbrannteres ist denen wohl nicht eingefallen. Und ich gehör da garantiert nicht dazu, hab nie dazugehört, also spar dir das wir".
Else kam nicht mehr zu Wort, das war noch nie passiert. Was war denn in Schluder gefahren? Jetzt hatte er ihr gerade noch hoch und heilig versprochen, ihr zu helfen, nach Deutschland zu verschwinden, und jetzt das, diese Suada. Was hatte sie denn schon gesagt?
"Wir, wir", höhnte Schluder und bohrte seine Augen in ihre, "schau dich mal um, du hast ja selbst gesagt, daß dich einer von denen vergiften wollte. Schöne Freunde. Hör endlich auf mit diesem wir und werd´ vernünftig!"
Else schnappte nach Luft. Vernünftig, ja, das mußte gerade er sagen.
"Du mußt da raus", setzte Schluder nach, "raus aus diesem Verein, ist dir das endlich klar. Sonst hört das nie auf! Meinst etwa, in Deutschland bist du sicher?"
"Mann, was soll ich denn machen. Eine Anzeige in den Dolomiten schalten, daß ich aus der IBAL ausgestiegen bin?"
"Von mir aus," brummte Schluder, und in diesem Augenblick schrillte das Telefon.
"Das wird Max sein!"
Mit drei Schritten war Else beim Hörer.
"Nein", schrie der Schluder, "laß das! Nicht abnehmen!"
Aber schon hatte Else den Hörer am Ohr, wer weiß, wer das ist, wollte Schluder noch sagen, dann sah er, wie Else mit einem Schlag bleich wurde und ihre Züge erstarrten. Mit zwei Schritten war er bei ihr und riß ihr den Hörer aus der Hand: "... gestorben bin, tragt mich zum Friedhof hin, wo deutsche Eichen stehn, senkt mich hinab. Tirol, Tirol, Tirol, du bist mein..."
"Schweine, ihr Schweine!" schrie Schluder in den Gesang hinein, der aus dem Hörer klang. Und dann war nur mehr ein Knacksen da, aufgelegt.
"Die Stimme, die Stimme", hauchte Else.
"Kennst du sie, sag?"
Max zog den Mauszeiger über die Liste und dann klickte er auf das Symbol, das einen roten Adler mit altdeutschen Runen in seinen Fängen zeigte.
"Da haben wir euch ja", murmelte er, "und wenn ihr euch noch so unschuldig gebt".
Mia war gottseidank wieder vernünftig geworden und hatte, zurück von ihrem Ausgang, was immer das auch gewesen war, die Kinder zu Hause in Empfang genommen. Der Filius staubverschmiert von oben bis unten, Hannah untröstlich über ihre maltraitierte Lieblingspuppe, das emotionale Konto immer noch nicht auf gleich, aber Max würde schon noch einzahlen, später, später, wenn die Sache mit Else und Schluder vorüber war. Und bevor er sich auf den Weg nach Jenesien machte, wo die beiden versteckt waren, hatte er noch einen Umweg zu seiner Firma genommen. Nur kurz einmal im Net surfen, sich ablenken, bevor ...
Und über die Homepage des AntiAntifaschistischerKampf/Fahndungs-dienst/InfosBefreundeterKampforganisationen war er auf die der Deutschen Artgemeinschaft im World Wide Web gestoßen. Und mit den dort angeführten Adresskürzeln war es ein Leichtes gewesen, die Eigenwerbung all der komischen Vereine zu finden, die glaubten, auch im Internet ihre Blut- und Boden-Soße ausgießen zu müssen.
"Mal schauen", grummelte Max, und lud die Werbefotos herunter, die die Mannen der Gruppe Wotan e.V. bei einer Sonnwendfeier zeigte. Im Freien unter deutschen Bäumen bei Bier und Kampfspielen.
Nein, das konnte nicht sein. Er täuschte sich. Das waren sie nicht, konnten sie nicht sein. Zucco und der andere da im Bildhintergrund, Konrad, so hieß er doch, beide bei den Wotanjüngern, irgendwo im deutschen Wald, das ging nicht zusammen.
Aber da, auf dem dritten Bild, beide noch einmal. Das waren sie, kein Zweifel. Zucco, und da dieses üble Gesicht von Konrad, direkt vor der Linse.
Verdammt, er mußte sie anrufen, warnen, Else und Schluder, allerhöchste Eisenbahn. Wieso hatte er Zucco unbedingt sagen müssen, daß er sie nach Jenesien. Max, du blöder Arsch, hast alle Vorsicht fahren lassen.
Das Tuten im Hörer, das nicht mehr enden wollte. Komm, Schluder, mein alter Freund, beweg deinen Arsch. Verdammt, wieso gehen sie nicht ran? Gut, vielleicht sind sie so vorsichtig und ...
Schon war Max unten bei seinem Mini und ab durch die Stadt gen Jenesien. Klaren Kopf, Max, sagte er sich, das brauchen wir jetzt. Der Konrad, gut, ein unsicherer Genosse, er war ihm ja schon auf der Versammlung bei sich zu Hause am Grieserplatz aufgefallen. Aber Zucco. Erst diese komische Verkleidung und jetzt das. Und was hatten die beiden in dieser unsäglichen Wotangruppe zu suchen, die sich im Untertitel "Gesellschaft für biologische Anthropologie und Eugenik nannte"? Und was war das in Wirklichkeit für Organisation?
Die Abfahrt nach Jenesien nahm der Mini mit kreischenden Reifen. Knapp unter dem Reichriglerhof schaltete Max das Abblendlicht ein.
43Josef
Oberhollenzer
Scheiß tag, dachte max. "Scheiß köter", fluchte er. Irgendwo zwischen dem pichler und dem haflinger war der ihm vor die räder. Wie einer, der in den tod will, dachte max. "Idiot", fluchte er. Plötzlich war der vor ihm gewesen .. und im nächsten augenblick tot, dachte max. Und war wie ein knäuel über die straße, daß die haarbüschel flogen .. bis er im rückspiegel in der dämmerung nicht mehr auszumachen war. Wie schnell die nacht hereinbricht, dachte max. "Scheiß wetter scheiß herbst", fluchte er .. und drückte die zigarette aus und warf sie in den abend hinaus.
Als max in den hof einbog, sah er das licht hinter den fenstern. Sind also da, dachte er, die else und der schluder .. bonnie & clyde. Das ganze haus hell erleuchtet .. und wie dem einen im märchen fiel ihm ein mühlstein vom hals. Nur daß ich dabei nichts hör, daß er mir nicht die zehen zermalmt, dachte max und lachte. Erich, friedrich .. oder wie ging das noch, verdammt .. hatte er seiner hannah doch ein dutzendmal vorgelesen wenigstens. Heinrich, ja. Heinrich, der wagen bricht! Nein, herr, der wagen nicht, es ist ein .. band, ein stein von meinem herzen .. Wie hatte die hannah immer gelacht, als er dann mit tieferer, mit lauterer stimme als ihr eine fretsche wast deklamierte .. Wie oft hatte er diese zeile wiederholen müssen -
Verdammt, wie lange denn noch! Liegen im bett oder irgendwo und gehen ihrer lust nach .. und er fror sich den arsch ab, stand sich die beine in den bauch. Max ließ den daumen auf dem klingelknopf -
Da ging endlich das tor auf .. schluder. Und der stand eigenartig gerade da und das haar wirr ins gesicht und starrte den max groß an .. daß der seinen ärger begrub und die wörter & sätze, die er dem schluder, die er der else ins gesicht schleudern wollte, vor ein paar augenblicken noch -
"Schluder?"
Und schon fiel ihm der um den hals und hing wie ein mehlsack an ihm. Wie ein mühlstein, dachte max. Dann schüttelte es den schluder, dann brach es aus ihm: "Die else, max, die else ist weg, die else .. die else .. max!" Dann war der fluß schon brach und die worte aus .. und der schluder war still, ließ ab von max, stand schwankend vor ihm, schaute ihm starr ins gesicht, atmete schwer. Eine fahne wie tausend schützen, dachte max, legte einen arm um schluder, ging mit ihm ins haus.
Irgendwann, zwischen einem gekotze und dem nächsten, während schluders gesicht immer weißer geworden war und die klomuschel immer mehr einem pollock glich, wußte max dann doch, ungefähr, was geschehen war, warum der schluder, ja .. Sich immer wieder streitend haben der schluder und die else, die zwei rindviecher, die!, haben sie sich durch den tag gebracht, und die else hat mit dem abhaun nach deutschland gedroht .. und dann mußte da ein anruf gewesen sein von einem, der von tirolischen friedhöfen, von deutschen eichen geredet hatte .. immer wieder hatte der schluder mitten in einem satz gebrüllt: Tirol tirol .. tirolische friedhöfe, schwein .. deutsche eichen!, schluders gelall, sein kreuzundquergerede war derart noch unverständlicher gewesen .. Und auf alles einstechend mit einer schere, was ihr gerade im weg, wäre da die else dann wie eine furie durchs haus .. und da hat sich der schluder in der küche verbarrikadiert, hat sich vollaufen lassen mit allem, was ihm untergekommen ist .. ja .. Ja so, ungefähr, dachte max .. und dann ist der zucco gekommen, und dann ist die else mit zucco weg -
"Und du, schluder, säufst dir weiter dein hirn aus dem kopf .. hornochse, elendiger, statt ihr hinterher .. Wenn du wüßtest, mein alter!" Aber der schluder reagierte nicht mehr, lag auf der couch wie tot .. schnarchte nur noch. Max warf eine decke über ihn, brach eine neue zigarettenschachtel an, klopfte sich eine zigarette heraus .. und nach mehreren versuchen erst, sie sich anzuzünden, merkte er, daß er die zigarette verkehrt, daß der filter .. Ich muß die else finden, verdammt .. bevor -
Bevor .. bevor, dachte max, immer wieder nichts als bevor .. und brachte den satz nicht vom fleck .. und sprang ausm auto und ins nächste gasthaus hinein, ins nächste pub die nächste bar .. bevor bevor .. und schaute von tisch zu tisch, hetzte die gesichter ab, saugte hinterköpfe ein .. bevor .. und vom hirschen zum pockschien, vom saltenhof zum locherhof, bevor .. und in den mini hinein und ausm mini heraus, mit laufendem motor bevor -
Und saßen plötzlich da, die else und der zucco, und wie von der hölle ausgespuckt .. oder als säßen sie seit tagen schon da .. saßen da im edelweiß am banco und max wußte nicht mehr, wie ihm war -
"Else", sagte er, "komm, schnell", sagte er, "es ist was mitm schluder", sagte er, "komm, schnell", ihm fiel nichts besseres ein. "Ciao, zucco .. beim dritten mal zahlst du", sagte er dann. Ihm fiel nichts besseres ein.
44Kurt
Lanthaler
"Zahlen?" sagte Zucco und lehnte sich zurück, legte den Arm schwer auf die Banklehne, verdächtig nahe an Elses Rücken, "zahlen. Wer weiß, wann wer was zu zahlen hat. Am Ende jeder von uns das, was er verdient hat. Nicht wahr, Schatz", sagte Zucco und schob seine Hand um ein paar Zentimeter nach vorne und damit auf Elses Schulter.
"Ja", sagte Else.
"Der Schluder", wiederholte Max.
"Der was?" sagte Else.
"Tu nicht so."
"Was ist mit dem?"
"Es ist etwas mit dem, und es ist besser, du kommst mit", sagte Max.
Und dachte: Himmelherrgott, nimm dein Arsch hoch, Alte, bevor er dir hier weggeschossen wird. Irgendwas stimmte nicht mit Else. Nicht, daß sie sich nicht gern in Männerarme geworfen hätte, die letzten Jahre über, aber nicht so. So nicht. Andererseits: Schluder war bis in die Besinnungslosigkeit hinein besoffen. Else hatte offensichtlich eine andere Form von Rausch vorgezogen.
Else sah erst auf Max, dann auf Zucco. Sah sie beide an, und lachte dann.
"Else", sagte Max, "ich steh nicht im Edelweiß, weil ich sonst nichts zu tun hab. Tu mir den Gefallen, und komm mit."
"Gut" sagte Else, und stand auf.
Zucco griff nach ihrer Hand, hielt sie fest, und sagte: "Wann sehen wir uns wieder?"
"Bald, Kleiner", sagte Else, "ganz bald", und entwandt sich seinem Zugriff.
"Ciao, Max", sagte Zucco, "ruf mich an, wir müssen mal wieder einen Altherrenabend machen. So etwas seriöses, was man noch wochenlang in den Knochen spürt."
"Ich denk dran", sagte Max.
Und dann ging er Else hinterher, die vor ihm die Wirtsstube verließ.
"Was hast du dir dabei gedacht?" sagte Else.
"Nicht bös werden", sagte Max.
"Doch", sagte Else, "und wie. Ich sitz da mit dem..."
"...mit dem Zucco..."
"Richtig, mit dem Zucco, mit dem sitz ich da, und er faßt Zutrauen..."
"...und was sonst noch alles..."
"...wird sein, aber Zutrauen auch, und darum geht es, und dann kommst du und mandelst auf und ..."
"...und?"
"Vergiß es, Max. Bist dummer, als ich gedacht habe."
Inzwischen standen sie auf dem Parkplatz, direkt neben dem Traktor des Hausherrn. Zu so einem Traktor möchte ichs einmal bringen können, dachte Max, ich wüßte, was tun damit, aber Computerprogrammierer gelten eben nicht als Bergbauern. Und dann sah er in Elses Gesicht.
"Red, Max", sagte Else, als sie in seinem Auto saßen. "Sag, was du zu sagen hast, ich werd dir zuhören. Und dann steig ich wieder aus. Und bring mein Ding zu Ende."
"Wie du willst", sagte Max und wunderte sich. Wunderte sich über sich selbst und wunderte sich über Else. "Ich hab euch verraten, dich und Schluder. Hab eure Adresse ausgeplaudert."
"Ich weiß."
"An Zucco", sagte Max, "ich hab es erst zu spät gemerkt."
"Weiß ich", sagte Else, "da war ich, sei mir nicht bös, schneller."
"Du weißt nicht alles. Zucco ist..."
Else ging ihm dazwischen.
"...ein Schwein", sagte sie. "Weiß ich auch. Er ist ein Mann. Die Chancen standen also nicht schlecht."
"Und woher weißt du das?"
"Ein Gefühl", sagte Else.
"Das wird nicht reichen."
"Deswegen bin ich ja da. Und dazu bin ich eine Frau."
"Verstehe", sagte Max.
"Versteh mich", sagte Else und faßte nach Maxens Arm, "versteh mich richtig. Versuch du weiter, deine Beweise zu sammeln, die Fakten und die Daten. Und laß mich mein Ding tun."
Max lehnte sich in seinen Autositz zurück und schloß die Augen.
"Es gibt Hinweise, daß Zucco auf der anderen Seite steht. Es gibt Hinweise darauf, daß er dir gefährlich werden kann."
"Ja", sagte Else, "weiß ich. Im übrigen wird einem jeder Mann früher oder später gefährlich. Und wenns nur deswegen ist, weil er ein Langweiler ist."
Else öffnete die Autotür.
"Machs gut", sagte sie, "und grüß mir den Schluder. Trotz allem."
"Du weißt, was du tust?", sagte Max.
"Nein", sagte Else, "aber es ist zu tun."
"Ich will sterben", sagte Schluder.
"Tu es", sagte Max.
Die beiden, Schluder und Else konnten ihn den Allerwertesten... Wozu? Wozu hatte er sich durch die Gegend gejagt, wozu hatte er sich Sorgen gemacht, wozu hatte er gegraben in diesem Sumpf, der sich plötzlich vor ihm aufgetan hatte? Damit die beiden ihn im entscheidenden Moment, dann, als er drauf und dran war, alles ans Tageslicht zu bringen, was sie ihm als dunkle Geschichten auf den Tisch geknallt hatten, daß sie ihm dann in den Rücken fielen. Else, indem sie zu Zucco zurück ging, und Schluder, indem er den kranken Mann mimte.
"Dann verreck", sagte Max. "Ich wird dir allerdings nicht den Totengräber machen, damit du´s weißt."
"Totengräber brauch ich keinen", flüsterte Schluder, Wort für Wort, "ich werd so endgültig sterben, daß man nichts mehr finden wird von mir, wenn ich einmal tot bin."
"Ja!", sagte Max.
"Du glaubst mir nicht."
"Doch."
"Und wieso machst du dir dann keine Sorgen?"sagte Schluder.
"Weil ich dich kenne", sagte Max.
45Sabine
Gruber
Else stand an den Traktor gelehnt und starrte in den Himmel. Die Augen brannten noch immer von der Zitrone, die sie sich, bevor sie zu Zucco ins Auto gestiegen war, im Klo der Max-Hütte in die Augen getropft hatte, um sowohl Max als auch Zucco an der Nase herumzuführen. Wenn die wüßten. Sie hob die Augenbrauen, als Max in seinem Mini längst davon war. Irgendwo über dem Gasthausdach war ihr als leuchtete ein Stern, aber nein, seit Tagen wollten nicht einmal mehr blaue Flecken wachsen. Es dunkelte schon, herbstlich schnell verschwand das Licht, und die Feuchtigkeit kräuselte das Haar. Sie ging die einzelnen Schritte noch einmal durch, zupfte die Erde vom Reifen, die Grasbüschel. Wie in der Schule, sagte sich Else, diese Aufregung vor jeder Prüfung, und dann lief immer alles am Schnürchen - ein gutes Zeichen: das Herzklopfen, der Kreislauf auf Hochtouren. Noch ein Himmelsblick, ein lauter Schnaufer und ein leises "Actrapid MC" und schon betrat sie das "Edelweiß", näherte sich Zucco von hinten, packte ihn mit der Hand am Nacken und gesellte die Zunge dazu. "Da bin ich wieder. Mir dreht sich der Kopf. Mein Gott, wie sich mir der Kopf dreht, das Zeug war wohl nicht vom Besten. Verdammter Schluder!" Zucco grinste und war sich seiner Sache sicher. "Berliner-Kraut," sagte er "Germanen-Heu!," und zur Kellnerin: "Noch ein Bier!" Else zündete sich eine Zigarette an, fingerte an Zuccos Hose und schaute, daß der Rauch möglichst in die Augen stieg. Es brannte höllisch, aber Zucco glaubte ihr, Zucco sah sie abgehoben, unzurechnungsfähig; Zucco wühlte in ihren Haaren und leckte am Ansatz, bis der Wirt ein "Hei, hei!" über den Banco rief und: "Kaft`s enk a Wohnung!".
Dann sah sie Zucco zahlen, sah ihn aus den wässrigen Augen heraus den Schlüssel suchen, spürte seine Hand in der ihren und stolperte hinter ihm her, wie ein Kind, das gezogen wurde, das nicht so recht wußte, wie ihm geschah, stand einen Augenblick später wackelig vor seinem Wagen, holte noch einmal tief Luft und stieg ein. "Zu mir?" "Ja, zu Dir.", sagte Else und noch einmal, als wiederholte sie für sich den ersten Schritt: "Zu Dir."
Und schon dröhnte es aus den Boxen, schon waren sie stadtwärts unterwegs, und Else legte den Kopf auf die andere Seite unters Lenkrad, daß Zucco aufstöhnte und lachte. Schon hörten die Kurven auf, mehrten sich die Laternen und Geräusche, mehrten sich Zuccos Griffe der Rechten nach dem Beifahrersitz, auf dem sich Else mit Mühe immer wieder von einem steifen Stock in weiche Masse verwandelte, in die Rachemasse, die im Kopf, nur im Kopf, die Hände zum Himmel schickte, flehend, der Teufel möge schlafen und die Gerechtigkeit siegen.
"Kann ich kurz?" fragte Else ein zweites Mal, und Zucco antwortete süßlich: "Ja, natürlich, aber ich komme mit, ich begleite dich zur Tür." Else faßte es nicht, Else hielt sich am Handschuhfach und hielt sich wieder nicht, weil sie alle Hände voll zu tun hatte, den Teufel bei Laune zu halten: sie kraulte und streichelte, nestelte und knetete, und Zucco hatte nur noch Augen für das, was er neben, unter und über sich erahnte. "Du machst mich -", er atmete schneller, er bremste " - also spring hinauf, hol die Chianti Flaschen, aber schnell - ich bin verrrückt nach - ich - ach, Elselein -"
"Augen zu", sagte sich Else, als sie in ihre Wohnung gelangte, "Augen zu und jetzt auf, nein, wieder zu - da hing Miriams Mäntelchen - und wieder auf, hinein ins Bad, dritte Lade, zu - die lila Söckchen -, auf, die vierte Lade, hier, genau, 400 Einheiten, 10 Milliliter - Ludger, du kranker Engel, du Himmelsgeschenk von einem Bruder - Novo Actrapid MC, aufziehen, schnell, in die Toilettentasche, den Waschlappen drüber, die Watte, einen Stift, das Make-up, schnell, in die Küche, verdammt, keine einzige Flasche, nur Schnaps, dann eben Schnaps und einen Weißen, auch gut, zwei Weiße, noch besser - ".
Als Else die Treppen herunterkam, stand Zucco bereits in der Haustür: "Wo bleibst du nur?" Er drückte sie kurz gegen den Türrahmen und schob sie dann ins Auto. Else nahm das Make-up vorsichtig aus der Toilettentasche, klappte den Spiegel herunter, drückte auf das Licht über dem Rückspiegel, puderte Nase, Stirn und Wangen. "Für dich." Sie lächelte ruhig, grinste und fuhr sich sogleich ins Haar: "Mein Kopf, ach Zucco, was für eine schöne Nacht." Innerlich bebte sie, innerlich kämpfte sie gegen die Angst, innerlich ging sie ihre Schritte, die sich längst von selber gingen.
Er trank. Er trank, wie Else es sich vorgestellt hatte. Sie tranken alle beim ersten Mal. Sie tranken, um eine Entschuldigung zu haben, wenn es nicht klappte. Und selbst wenn es immer klappte, war die Angst, es könnte einmal, dieses eine Mal nicht klappen, so groß, daß sie tranken. Schluder hatte getrunken. Giramonti. Und Axel, die erste Liebe. Nur Torsten nicht. Torsten hatte die Nacht auf den Morgen verschoben. Else zählte die Schritte und war ruhig. Else goß ihren Schnaps neben die Toilettentasche auf den Teppich und griff über Zuccos Kopf hinweg zur Flasche auf dem Nachtkästchen, mimte Trunkenheit, küßte und lallte: "Prrrosstt!" Draußen war dunkle Nacht und Stille. Zucco atmete schwer. Er überhäufte sie mit Komplimenten, die aus dem Mund kamen als kaute er gleichzeitig an einem Schnitzel. Dann schlief er. Und Else stand breitbeinig über ihm, hüpfte leicht. Kein Mucks. Keine Regung. In den Fenstern spiegelte sich das Chaos seiner Wohnung. Der Schnaps war leer. Die Weißweinflaschen lagen ausgetrunken neben dem vollen Aschenbecher. Else zog die Spritze aus dem Täschchen, legte sich auf Zucco. Er rührte sich noch immer nicht , da stach sie zu, spritze die 400 Einheiten Insulin langsam in seinen Oberarm.
Dann ging alles ganz schnell. Disketten, Papiere, Kuverte - was Else finden konnte, stopfte sie in Taschen - Flaschen, Gläser und Kippen verschwanden im Nylon. Nur einmal zuckte Else zusammen, weil das Telephon klingelte, da war sie aber schon an der Tür, seine Geldtasche in der Hand, die Taschen in den Armbeugen. Sie sah das krampfartige Zucken seiner Muskeln, sah noch, wie er sich wand, sah die Perücke am unteren Ende des Bettes zu Boden rutschen. Schweißtropfen sammelten sich auf seiner Stirn. Else nahm den Autoschlüssel und ging.
46Sepp
Mall
Der kriegt keinen mehr hoch, nie mehr, sagte Else zu sich selbst und lachte. Sie lachte und zitterte, zitterte und lachte, dann stand sie auf der Straße vor Zuccos Wagen. Sie hatte es getan, und jetzt staunte sie über ihre Ruhe, mit der sie Schritt für Schritt vorgegangen war. Keinen winzigen Augenblick hatte er Verdacht geschöpft, so umsichtig hatte sie ihren Plan in die Tat umgesetzt. Erst jetzt kam das Zittern. Und die Gedanken, die sich drehten.
Miriam, Zucco, Miriam. Dieses Schwein, er hatte sich verraten, sie hatte es genau gehört. Daß auch Max ihr gesagt hatte, daß Zucco auf der anderen Seite stehe, war nur die letzte Bestätigung gewesen. Oder hatte Max gesagt: Er könnte auf der anderen Seite ... egal, da hatte sie es schon gewußt ... nein: gespürt. Genau. Das war mehr. Mochte Max auch noch so viele Beweise zusammentragen und Hintergründe ausleuchten mit seinem Verstand, ihr Gespür war mehr. Und das hatte sie noch nie im Stich gelassen. Fast nie.
Sie warf die Taschen mit dem zusammengerauften Material auf den Rücksitz. Als sie den Zündschlüssel umdrehte, fiel ihr ein, daß es vielleicht besser gewesen wäre zu warten, bis Zucco wirklich den letzten Schnaufer getan hätte. Aber 400 Einheiten Insulin, das mußte reichen. Auch für einen Brocken, wie es der Zucco war. Höchstens ... nein, nein, es war ja sonst niemand bei ihm, und auch dann wär´s praktisch unmöglich, ihn noch zurückzuholen...
Verrecke, du Schwein, sagte sie laut, und dann ließ sie den Fuß vom Bremspedal schnellen und die Reifen jaulten.
Max knallte die Tür hinter sich zu. Sollte der Schluder doch machen, was er wolle, seinen Rausch ausschlafen, sich umbringen, sich einen runterholen, wenn er´s noch zustandbrachte... Er war ganz nahe dran gewesen, Klarheit in die verworrene Geschichte zu bringen, zumindest war er auf dem richtigen Weg, wie es aussah, aber weder Schluder noch Else schien das groß zu interessieren. Sollten die doch selber schauen, wie sie weiterkommen.
Er stand schon vor dem Haus und kramte nach seinen Autoschlüsseln. Leck mich, Schluder, brummte er, kreuzweis kannst du mich... Dann ertastete er etwas Kaltes in seiner Jacke. Scheiße, das war die Patronenhülse, Schluders tolpatschiger Versuch, den Mörder seiner Tochter zu finden. Wie kam die in seine Tasche ... hatte Schluder etwa, der arme Hund... Und Max machte kehrt, ging zurück, ins Haus, in die Stube, wo sein alter Freund halb verdreht auf der Eckbank saß und ihn anstarrte.
"Du bist ein armes Schwein, weißt du das", schrie Max, "und ich bin ein
Arschloch, weil ich nicht einfach zu Mia fahre, mich zu ihr ins Bett lege und einfach meine Ruhe genieße. Oder ihren warmen Hintern."
"Genau", sagte Schluder.
Dann ließ er sich widerstandslos von Max auf das Kanapee betten, zog die Decke bis über seine Ohren, murmelte gute Nacht, du Arschloch, und schon war er hinüber. Max setzte sich daneben und überlegte.Vielleicht ist es besser so, sagte er sich, wenn er Schluder wirklich helfen wollte ... das ganze Aufklären einfach sein lassen und ab jetzt nur mehr schauen, seine Haut zu retten. Seine eigene und die Schluders.
Das Läuten der Türglocke riß Max aus seinen Gedanken. Und auch der Schluder regte sich und kroch halb aus seiner Decke heraus.
Draußen stand Else, wirres Haar, entschlossener Blick. "So", sagte sie und stürmte ins Zimmer, "ein Anfang ist gemacht. Und jetzt gehen wir weiter."
"Bist du nicht ...", begann Schluder, "du wolltest ja weg nach..."
Aber Else hörte gar nicht zu. "Was liegst du hier herum, nimm endlich deinen Arsch hoch", herrschte sie ihn an, "und du, Max, sieh dir diese Papiere an und die Disketten, und dann sag mir, wer kommt noch in Frage?" Sie warf ihm die Plastiktaschen mit Zuccos Zeug auf den Tisch.
"Wie", fragte Max, "jetzt, bist du verrückt?"
"Jetzt", sagte Else, "wann sonst."
Sie packte die beiden Taschen und schüttete ihren Inhalt auf die Tischplatte.
"Hab ich bei Zucco gefunden", sagte sie.
Max begann, in dem Durcheinander zu wühlen, kopfschüttelnd.
"Saubere Wirtschaft", brummte er. Und dann zog er das zerknitterte Fax heraus und das Kopfschütteln verstärkte sich.
"Adressiert an Zucco - und an zwei andere noch. Komisch. An diesen Konrad Kaltenbacher und an einen Hermann Zanon."
"Und was steht drauf, laß sehen!"
"Ist mir noch nicht klar, was das soll, sieht nach einer Einberufung einer Versammlung aus. Könnte aber auch eine verschlüsselte Message sein. Aber warum an diese drei? Okay, Zucco und Konrad, das wissen wir ... aber wer ist dieser Zanon?"
"Wart mal", sagte Else. "Das hab ich doch schon mal gesehen. Schluder, hilf mir ... verdammt ... ja, beim Doktor an der Tür. Beim Doktor, beim Bruder von der Oma Ochsenreiter!"
"Nein", echote Schluder, "beim Doktor?"
Else sprang auf: "Ich muß gehen!"
"Was, jetzt, warum?" stotterte Schluder.
"Frag nicht so blöd. Kapierst du denn gar nichts? Meinst du, ich geh zu ihm, um einen gemütlichen Espresso zu trinken?"
47Josef
Oberhollenzer
Was für eine nacht, dachte der schluder.
Was für eine nacht, dachte max.
Und während der schluder, den kopf in beide hände gestützt, mit den fingerkuppen seine schläfen massierte und dem nachrausch zu leibe ging, ging max, wie aufgezogen, im wohnzimmer auf & ab und zählte die parkettbodenquadrate, der länge nach. Und blieb dann stehn, als hätte sich da ein abgrund aufgetan, stand, mit einem mal, und starrte auf den schwarzbraunen fleck im parkett. Und da brannte sich wieder der tod in sein hirn, tauchte er in die kindheit ab, stand wieder jenes maßlose erschrecken in ihm - und ein ums andere mal kommt da der vater herein und küßt die mutter und fällt dann und die mutter auf ihn .. und immer von neuem steht er da wie gebannt und starrt auf die zigarette neben der hand .. und noch steigt der rauch auf und noch & noch .. dann hört er die mutter schrein. Und hört dann den schluder: "Was für eine nacht .."
Da drehte der max sich langsam um und schaute zum schluder hin, der da vornübergebeugt am tisch saß und seine schläfen rieb, und sagte dann beinah tonlos: "Steck dir die nacht in den arsch."
"Was", sagte der schluder irgendwann, als die worte endlich angekommen waren bei ihm .. aber da war der max schon weg
Vier, dachte der schluder nach dem letzten glockenschlag, und wühlte weiter im papier, das die else bei zucco organisiert, das sie vor ihnen ausgeleert hatte mit all dem anderen zeugs, als käme sie eben von der jagd, und las da ein paar zeilen und dort ein paar zahln .. Ein ungeheurer verdacht breitete sich allmählich aus in ihm -
Und dann las er sich fest: Nachricht aus der Quästur, daß der Schluderbach mit dem Zelger ins Geschäft kommen will. Weiß er, daß er die Autos für uns verschoben hat? Egal, muß so schnell wie möglich von der Bildfläche, ist in jedem Fall zu sehr in unsere Geschäfte involviert! Mach's gründlich und schnell - bevor die zu kombinieren beginnen und alles den Bach runter geht! Hermann .. Da war dem schluder, als bräche er heraus aus der nacht und als bräche sie gleichzeitig herein über ihn .. und versuchte erschreckt einer gewißheit zu entfliehn, die wie ein krebsgeschwür in ihm zu wachsen begann .. und stürzte nur immer tiefer in dieses blanke wissen hinein, mit jedem rettungsversuch, mit jedem neuen fakt: War vom 30. oktober, das fax .. 99, vor paar tagen also erst .. 4.37 uhr, in jener nacht, als er .. bevor die miriam -
Sie hatten es auf ihn abgesehen gehabt und hatten die miriam, mein gott! Und schon standen die bilder in ihm, sah er sich im petrarcapark sitzen und die miriam neben sich, schon hörte er, wie sie fragte: "Warum hat man den vogel totgemacht, tata?" Er sieht, wie er sie in die arme nimmt und wie sein mund sich schon öffnet zum kuß und wie ihr kopf -
"Mein gott", schrie da der schluder, "mein gott!" Und schlug mit beiden fäusten auf seinen schädel ein, daß die bilder verschwänden, daß dieser gedanke von ihm abfiele wie ein böser traum .. daß diese gewißheit doch stürbe, mein gott, und weg wär. Aber jenes krachen hört nicht auf in ihm und dringt in die knochen und dröhnt, und der schluder schreit: "Ich bin schuld, ich bin schuld!" Und er hämmert seinen kopf auf den tisch: "Ich hab die miriam umgebracht!"
Dann rennt er aus dem haus und rennt und rennt
Weil ich dich kenne, hatte der max gesagt, weil ich dich kenne .. und kannte ihn nicht, wie er sich selbst kaum mehr kannte .. wenn die nacht ihn doch aufnähme in sich, wenn er doch in ihr verschwände wie unterm leichentuch .. werd so endgültig sterben, daß man nichts mehr finden wird von mir, hatte er zu max gesagt -
Wie um sein leben rannte der schluder durch die nacht, die gedanken jagten wie furien in ihm .. und stolperten, stürzten, fielen übereinander her. Da fiel der schluder hin .. und lag eine weile, das gesicht im dreck .. und zog sich dann langsam hoch. Er lehnte sich gegen den mähdrescher, der seinen lauf jäh gestoppt .. ihm war heiß, ihm war kalt, das herz pochte wie wild. Eine kuhherde in seinem kopf, er zitterte. Und dann brach in ihm eine welt, sackte sein hirn in ein loch .. wurde der schluder ruhig, jenesien schlief. Irgendwo, weit weg, bellte ein hund -
Da stieg der schluder auf den mähdrescher hinauf, riß die kabel aus dem zündschloß und startete den motor, wie ers gelernt. Da fuhr der schluder in die stadt hinab, auf bozen zu, und dachte nichts als das, was er sah und tat, da war endlich alles im lot. Die nacht zog sich in die berge zurück, bozen wuchs & wuchs, der schluder fuhr. Er dachte nichts als das ende, die straße war leer
Dann war der schluder endlich da, war er angekommen, auf dem waltherplatz .. wo alles aus sein sollte, wo er verschwände von der welt, endgültig entsorgt. Und ordentlich zerstückelt gegen den walther geklatscht, daß der endlich dastünde in fleisch & blut .. und doch ein denkmal gegen all die erstarrung wär und ich ein denkmal meiner selbst und der miriam endlich nah und mein körper ein brei wie miriams hirn -
"Daß es dieses land endlich würgt, daß diese stadt endlich kotzt!" schrie der schluder in den anbrechenden tag .. und legte sich rücklings vor den messerbalken und schaute durch die haspel, die ratterte, greinte, schaute da durch in den himmel hinauf .. und schloß die augen, setzte zum ruck an ins ende hinein - da stottert der motor, setzt aus, stirbt ab. Eine unendliche stille bricht in die stadt
"Machs maul auf, du drecksau!" schrie die else den doktor an. Der faltete die gefesselten hände, rollte sich auf die seite, von else weg; er zog die beine an und lag aufm sofa wie zum einschlafen da.
Da schaute die else sich im zimmer um, und ihr blick fiel auf die tirol-karte auf der gegenüberliegenden wand. Sie zog ein paar von den verschiedenfarbigen stecknadeln heraus und ging langsam, ging irgendwie lächelnd zum doktor zurück. Dann erstarrte dieses lächeln in ihrem gesicht, dann stach sie mit einer stecknadel zu, stieß sie tief in seine wange; der doktor schrie.
"Machs maul auf, zanon", herrschte die else ihn an, "oder ich steck dir deine fresse mit stecknadeln voll!"
48Kurt
Lanthaler
"Nein", sagte Schluder. "Nicht jetzt. Jetzt nicht."
Er wollte es nicht glauben. Und er konnte nicht. Ein Mähdrescher hatte ihn im Stich gelassen. Große, wohlklingende deutsche Marke. Er sehnte sich nach den sibirischen Weiten und den unverwüstlichen Mähdreschern aus sowjetischer Produktion, die tagelang in eine Richtung arbeiten und fahren konnten, immer geradeaus.
Schluder holte tief Atem.
"Das werde ich nicht akzeptieren", rief er, schrie die Fassaden der Bank an, die Bürgerhäuser, den Dom, die neue Glasfassade des alten Hotels, den Walther von der Vogelweide. "Ich nicht", schrie er.
Und dann hatte er verstanden. Nie hatte er etwas zu Ende gebracht, nie war ihm, so gesehen, etwas gelungen, immer war er der Schluder gewesen, irgendwann hatte er im Duden nachgeschlagen und unter schludern was gefunden? nachlässig arbeiten. Es war an der Zeit, dem Duden zu zeigen, daß er nicht immer im Recht war. Und wenn er diesen Scheißmähdrescher mit seinem eigenen Blut zum Laufen bringen mußte.
Und dann kam die Polizei vorbei. Blauer Alfa.
"Problemi?", fragte der junge Mann in der Uniform der Straßenpolizei aus dem geöffenten Fenster heraus
"No, grazie", sagte Schluder.
Der junge Polizist dachte nach. Immerhin stand da ein Mähdrescher im absoluten Halteverbot. Andererseits waren die Abschleppwagen...
"Sto coso, che ci fà, quà?" sagte er dann.
"Erntedankfest", sagte Schluder und war fest entschlossen, diesesmal die Sache zu Ende zu bringen.
"Ah so", sagte der junge Polizist, "sags gleich, daß Deutsch kannst."
"Kann ich", sagte Schluder.
"Erntedank...", sagte der junge Polizist, "um diese Zeit?"
"Ja", sagte Schluder, "vorher haben wir von der Bauerjugend keine Zeit dafür, weil die Piffke noch da sind. Morgen ist hier Aufzug. Und mitten in der Nacht ist es am einfachsten, einen Mähdrescher auf den Waltherplatz zu stellen."
"Ho capito", sagte der junge Polizist. "Und so soll er stehenbleiben?"
"Nein", sagte Schluder und ergriff die Gelegenheit beim Schopf, griff zu, und war stolz auf sich, endlich einmal so schnell gewesen zu sein in dieser Welt, wie man es sein muß, um die Dinge zu Ende zu bringen, endlich einmal, "nein", sagte er, "zehn Meter, fünfzehn müßt er näher an den Walther ran. Aber er ist mir verreckt."
"Sprit?" sagte der junge Polizist.
"Nein", sagte Schluder, und sah die Tankuhr wieder vor sich. Jenesinger Bauern fahren nur mit vollem Tank aufs Feld.
"Schieben wird nicht gehen", sagte der junge Polizist, und lachte.
"Nein", sagte Schluder und dachte: Tepp, tamischer, wenns nur wegen dem Schieben wär, schieb ich mir den selbst, wohin ich will. Aber dann drehn die Messer nicht.
"Batterie?" sagte der junge Polizist und war schon ausgestiegen.
"Ja", sagte Schluder. "Zuerst hat er sich verschluckt. Und jetzt springt er nicht mehr an."
"Kein Problem", sagte der junge Polizist und drehte sich zu seinem Kollegen hinterm Steuer, "dai, aiutiamo sto povero cristo."
Und dann standen da zwei junge Exemplare der Polizia stradale und krempelten die Ärmel hoch.
"Und?" sagte Else, "stichts, ja? Tuts stechen?" Sie hatte sich Zeit gelassen. Von Oma Ochsenreiter erzählt, nach der ersten Stecknadel. Nichts wichtiges, einfach nur Oma Ochsenreiter. Und Miriam. Und dann hatte sie sich die nächste Nadel gegriffen und sich über den Doktor gebeugt.
"Was willst du?" hatte der gesagt, "bitte, was willst du, es tut weh."
"Ich habs mir überlegt", hatte Else gesagt, "die nächste Stunde will ich gar nichts von dir. Ich werde mich nur mit den Nadeln beschäftigen. Und wenns mir dann langweilig geworden ist, irgendwann, werde ich dir eine Frage stellen. Einmal. Verstanden?"
"Nein", hatte der Doktor gesagt.
"Dann, Hermann Zanon, kann dir auch Gott nicht mehr helfen", hatte Else gesagt. Und die zweite Stecknadel in sein Fleisch gedreht.
Inzischen sah der Doktor aus wie gespickter Rehbraten. Fünf Nadeln. Und jedesmal die Schreie. Jedesmal leiser. Bis da nur mehr ein kleines Häufchen lag und wimmerte.
Und Else sich überlegte, ob sie überhaupt an den Antworten auf ihre Fragen interessiert war. Und was schlimmer sein würde als Stecknadeln in Wangenfleisch zu drehen.
"Eigentlich", sagte sie, "eigentlich will ich es gar nicht wissen. Eigentlich will ich dir nur weh tun."
Der Doktor rührte sich nicht.
"Grazie", sagte Schluder, "danke."
War auch schon lange her, daß er das letzte Mal einem Bullen gedankt hatte. So lange, daß er sich gar nicht mehr daran erinnern konnte. Aber immerhin hatten die beiden Grünschnäbel in ihren lächerlichen Uniformen ihm zu einem Mähdrescher verholfen, dessen Motor wieder lief. Und dessen Messer.
"Der dritte November im Jahre des Herrn Zweitausendundeins", sagte Schluder, "vor sieben Tagen bist du aus Berlin kommend über den Brenner gefahren", sagte er, und "heute ist der dritte, und morgen werden sie auf den Trümmern des Siegesdenkmals ihren Kranz niederlegen als ob nichts gewesen ist, als ob nie etwas gewesen wäre, und jetzt", sagte er, "jetzt ist alles ganz anders und alles ist tot, alles, was es gab und was es geben wird, und du liegst hier" schrie er, schrie ein letztes Mal den Walther an auf seinem Sockel, den Dom und die gläserne Hotelfassade und die schweigenden Bürgerhäuser und hob den Blick und sah die Messer und sagte: "Jetzt" und schrie einen Laut aus sich heraus und drückte die Schuhsohlen auf den Asphalt und suchte nach Halt, dem Halt, der ihn auf seinen Weg schicken würde und sah noch einmal die gefräßigen Messer und stieß sich ab und schoß nach hinten, den Blick auf den sich drehenden Stahl gerichtet und sagte, zuallerletzt, leise: "Aus."
49Sabine
Gruber
Der Doktor hielt die Augen geschlossen und stöhnte. Else hatte sich hingesetzt, umklammerte ihre Knie, die ihr nicht mehr gehorchten. Wenn der Straßenlärm leiser wurde, hörte sie das Ticken der Pendeluhr. Die Ochsenreiterin hatte die gleiche Uhr in der Küche hängen.
"Ich habe alles nur für meine Schwester getan."
"Was?", schrie Else zurück.
"Sie haben sie ruiniert. Sie haben meine Schwester ruiniert." Der Doktor schluchzte, und Else stand auf, zog ihm die Nadeln heraus. Draußen quietschten Reifen; die beiden warteten angespannt auf den Aufprall.
"Das ist noch einmal gutgegangen."
"Nichts ist gutgegangen. Nichts."
"Ich meine die Reifen.", sagte der Doktor und noch einmal: "Die Reifen." als fürchtete er, Else könnte erneut zu den Nadeln greifen.
"Sie haben den Mann meiner Schwester auf der Seiser Alm erschossen. Sie haben ihn erschossen und sie ruiniert. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schön sie war. Sie war mein Ein und Alles. Dann ist sie aufgegangen wie Germteig, hat alles in sich hineingefressen. Ich habe mir Rache geschworen - ich habe -" Es schüttelte ihn, und der Satz verschwand in einem Heulkrampf.
Else fürchtete um ihre Fassung; sie stand auf, holte die Schnapsflasche aus dem Bücherregal, die noch immer zwischen den knalligen Krimiumschlägen stand und nahm einen Schluck.
"Und jetzt habt ihr mich ruiniert. M-I-C-H!!! Und deine Schwester hast du auch auf dem Gewissen und Miriam und -" Sie öffnete erneut den Verschluß, um zu trinken. "Was gehen mich die 60er Jahre an, mich Deutsche; was geht mich euer nationaler Schwachsinn an, M-I-C-H???" Sie drehte sich zum Fenster und weinte leise, daß es der Doktor nicht hören konnte. "Ich kann nicht mehr. Und ihr sollt auch alle nicht mehr können. Keiner soll noch irgendetwas können."
"Bitte," flehte der Doktor, "bitte, bind` mich los, laß mich leben. Ich habe doch den Schluder - ich hab ihn doch verarztet -"
"Und dann? Wer hat auf ihn geschossen und mein Kind getroffen? Wer? Sag schon
oder du übernimmst augenblicklich den Babysitterdienst im Jenseits. Wer? Du Feigling. Wer? Mach den Mund auf oder ich schneide dir die Kehle durch."
"Ich war`s. Ich. Aber - ich - es war - tu mir nichts, bitte - bitte -."
Else schüttete ihm den Schnaps ins Gesicht und schrie, hörte nicht auf zu schreien, warf die Stühle nach ihm, die Bücher, den Aschenbecher - was in Reichweite war. Dann ließ sie sich in den Sessel fallen, sah auf den Doktor, sah plötzlich Zucco vor sich und wieder den Doktor, dem der Schweiß auf der Stirn stand, der sich wand und keuchte, dem die Augen brannten.
"Und die Autos?" Sie hatte keine Kraft mehr in der Stimme. "Die Autos? Und General Malandò, wer hat den erledigt? Und Salvatore, Ingrid?"
"Von denen weiß ich nichts."
"W-I-E? Du weißt nichts von den Autos? Und was war das für eine Anspielung, als wir bei dir waren? Der Schluder solle aufpassen, wenn er in fremden Autos fahre oder so ähnlich. Wie war das? W-I-E?"
"Ich meine ja nicht die Autos, ich meine den Malandò und die beiden anderen. Da weiß ich auch nur das, was in der Zeitung stand."
"Ich glaub dir kein Wort. Red` oder ich - ich hol die Nadeln, ich - mach` dich zum Igel."
Der Doktor zitterte, der Doktor stotterte und faltete die Hände soweit sie sich falten ließen: "Ich schwö-schwö-schöre dir, ich weiß nichts über die drei To-to-toten, ich weiß wirklich nichts. Bitte, tu tu mir nichts. Warum sollte ich dich anlügen, wo ich dir das Schlimmste gestanden habe? Wo ich dir doch gestanden habe, daß ich schu-schuldig bin am Tod deiner Tochter. Was gibt es noch Schlimmeres?"
Das überzeugte Else. Sie setzte sich wieder, fragte tonlos: "Und die Autos? Für wen? Wie lange geht das schon?".
Der Doktor versuchte die Augen zu öffnen, ächzte und stöhnte.
"Red` endlich," sagte Else, "ich hab` nicht mehr viel Zeit."
"Die Autos wurden nach Polen gebracht und dafür haben wir entweder Geld oder Waffen bekommen. Es gab Abnehmer sowohl in Posen als auch in Frankfurt an der Oder und in Berlin, also noch auf deutscher Seite -"
"Die Details interessieren mich nicht. Komm` endlich zur Sache. Für wen?"
"Ich kann nicht mehr - die Augen -". Er versuchte seinen geschnürten Körper auf die andere Seite zu rollen.
Else stand auf, um Wasser zu holen. "Du bist ein Scheißkerl, aber du tust mir leid, im Unterschied zu den anderen tust du mir leid." Sie wusch ihm die Augen aus und lockerte das Seil.
"Ich wollte zu Geld kommen, ich wollte - später wollte ich mich rächen - ich bin ja ein Feigling - ich hab`es nicht einmal geschafft, Schluder - es ist ja alles - schon der erste Schuß ist danebengegangen - mein Gott, das Kind - ich -". Der Doktor weinte hemmungslos. Else wurde immer nervöser.
"Wir haben in die eigene Tasche gearbeitet; Zucco und der Kaltenbacher haben die IBAL nur benützt, das hat mich für sie eingenommen. Ich hasse dieses linke Pack, diese Anti-Bumser, die sich alle freuen, daß der Mann meiner Schwester abgeschossen wurde wie eine -"
"Und was hat der Schluder euch getan?"
"Der hat doch auch Autos - ich meine, das müßtest du doch wissen. Und als sie ihn verhaftet haben, hat er geredet - sie haben ein Geschäft gemacht, der Zelger und er; Zucco hat mich auf ihn angesetzt. Die Presse hat überall ihre Ohren. Ich habe solche Angst gehabt. Ich bin ein hervorragender Schütze, ich bin ja jede Woche auf dem Grieser Schießstand, aber auf Menschen - nein, ich kann`s nicht, ich habe gezittert wie ein schwerer Alkoholiker, wenn er nichts kriegt, und ich habe das Kind nicht gesehen, ich schör`s dir, ich hab`die Kleine nicht gesehen. Ich kann doch nicht einer Kleinen den Vater wegschießen, nein, nie könnte ich das -"
"Und dann hast du dem Vater das Kind weggeschossen." Von wegen Vater, dachte Else, ein Dreckskerl. Sie stand auf. "Und was mach`ich jetzt mit dir?"
Der Doktor blinzelte mit den Augen wie ein verängstigtes Kind, das auf eine Tracht Prügel wartete. Else schaute auf die Uhr, nahm die Tasche, packte das Schlafpulver ein, mit dem sie den Alten schnürfähig gemacht hatte und öffnete die Zimmertür. "Ich laß dich hier liegen und schicke dir die Herren von der Quästur." Sie drehte den Schlüssel der Wohnungstür um und legte ihn unter den Abstreifer.
"Alles.", schrie Else in den Hörer und hängte ein. Drei Espressi hatte sie der Zelger gekostet, bis sie ihn endlich in der Quästur erreicht hatte, und der erste Zug war bereits über alle Berge. Sie lief hinüber zum Bahnhof, hatte gerade noch zehn Minuten Zeit bis zur Abfahrt des nächsten Zuges, kaufte die Karte, verhedderte sich in den Trägern der Tasche - "Avanti, avanti, si sbrighi signora" - und eilte auf den Bahnsteig. Als sie die Tasche absetzte, wickelte sie in Gedanken Miriam den Schal um den Hals. Erst als sie das Wort "Paganini" vernahm, kehrte sie in den Vormittag zurück. In den Himmelsstreifen hatte sich die Sonne eingenistet. Sie hatte dem Zelger ihren Namen nicht gesagt. Nein. Niemals würde sie ihm ihren Namen sagen. Die haben mitgeschnitten, und das genügte. Die Stimme würde genügen. Soll doch der Schluder. Sollen sie doch alle.
Sie suchte nach einem Großraumwagen, setzte sich ans Fenster. Auf dem St. Magdalener Hügel stieg Rauch aus den Kaminen. Ihre Finger waren kalt. Jetzt wird der Zelger auf dem Weg zum Doktor sein. Er wird den Schlüssel unter dem Abstreifer hervorholen. Und morgen werden die Zeitungen voll sein. Sie werden Miriams Leiche ausgraben. Sie werden nach dem Kaltenbacher suchen. Sie werden Max verhören.
Vor ihr saßen zwei Frauen und redeten über einen Selbstmörder, der sich mit einem Mähdrescher auf dem Waltherplatz - sie zerschnitt das Bild mit einem angewiderten "Ekelhaft!" und suchte den Himmel. Sie schüttelte den Kopf über so viel Grauen und flüchtete ins Helle im Fenster.
Else rollte grenzwärts und döste. Else setzte sich in den Speisewagen und bestellte Kaffee, sah zu, wie das Geschirr zitterte, hie und da die Brühe über den Rand schwappte. Sie glättete die Tischtuchfalten mit dem Zeigefinger, dann wühlte sie in der Tasche, suchte nach dem restlichen Schlafpulver und leerte es in die flache Hand. Eine lange Weile hielt sie es in der Faust und starrte in den Kaffee. Sie spürte, wie es in der Schweißhand klumpte, wie es die Innenhandfläche zu verkleiden begann. Miriam, mein Liebling. Die Wangen wurden naß. Das Gesicht hing über der Tasse, und noch immer lag die Pulverfaust auf dem Oberschenkel, wartete darauf, geöffnet zu werden. Hinter ihr wurde gelacht. Hinter ihr bestellte einer Tortellini, ein anderer ein großes Bier, und der Kellner balancierte durch den Wagen. Die Himmelsstreifen wurden schmaler, und das Blau bedeckte sich mit dunklen Wolken.
Ick schaff`es nich, nee, ick kann nich. Sie rührte in der Tasse und leckte mit der Zunge das Salzwasser aus den Mundwinkeln. Miriam, mein Liebes, ick kann nich, nee. Nee, nee. Siehst du die Lichter draußen? Glühwürmchen? Ja, dat sind Glühschlangen, Riesenschlagen. Nein, die tun dir nichts, die leuchten den Wald aus.
"Passaporti!" Else hob den Kopf und strich mit dem Ärmel über das Gesicht. Das Pulver! Die werden doch nicht - mein Gott, wenn die glauben - sie spreizte die Schenkel, öffnete die Hand unter dem Tisch, schmierte die Klumpen gegen das Hosenbein und holte den Ausweis aus der Geldtasche.
"Prego." Elses Hand zitterte, Elses Gesicht zuckte. Als die Zöllner vorbeiwaren, legte sie das Geld neben die Tasse, nahm einen Schluck vom kaltgewordenen Kaffee und erhob sich. "Nee," sagte sie laut und zu den Herren, die sie fragend anschauten: "Nee. Die tun dir nichts." und verließ den Speisewagen.
