Espresso mortale
Ein Fortsetzungs-Roman in 49 Folgen
von
Sabine Gruber, Kurt Lanthaler, Sepp Mall, Josef Oberhollenzer
und
Anita Pichler
1996 © bei den Autoren
zuerst erschienen in Die Tageszeitung, Bozen
1Sepp
Mall
In der zunehmenden Dämmerung flogen die Bäume schneller vorbei und wurden rasch zu dunklen Klumpen, wenn er ihnen nachschaute. Ob sie auf ihn warten würde am Bahnhof? Wer weiß, vielleicht kam sie sogar allein, ohne ihre Bluthunde.
Er stellte sich vor, wie sich ihre zierliche Gestalt plötzlich aus der wurlenden Masse am Bahnsteig löste und wie sie auf ihn zukam. Er nahm sich vor, einfach stehenzubleiben und abzuwarten, was passieren würde auf diesem Bozner Bahnhof, der für ihn immer schon der abstoßendste auf der Welt gewesen war.
Er hatte keine Ahnung, warum sie ihn angerufen hatte. Monatelang hatte er nichts von ihr gehört, und jetzt sollte er plötzlich von einem Tag auf den anderen antanzen. "Komm bitte", hatte sie gesagt, und dieses "bitte" hatte ihn mehr überrascht als alles andere. Er starrte auf den Kaffee, der vor ihm auf dem Tisch stand. Das Rütteln des Waggons ließ die braune Flüssigkeit über den Rand der kleinen Plastikschale schwappen, und langsam verteilte sie sich in der Untertasse.
Der Speisewagenkellner hatte den Kaffee einfach vor ihm hingestellt, wortlos, und war wieder in seinem Verschlag verschwunden. Dabei hatte er gar keinen angeschafft, und er sah sich um, ob er für jemand anderen bestimmt gewesen war und der Kellner sich vertan hatte. Aber außer ihm war niemand im Speisewagen. Vielleicht war es in den internationalen Zügen jetzt Brauch, zum Menü gleich den Kaffee dazuzuservieren.
Schon seit Jahren trank er keinen Kaffee mehr. Seit der Arzt ihm gesagt
hatte, daß er Gift für seinen Magen sei. Das reinste Gift, hatte der Doktor auf der
medizinischen Ambulanz den Kopf geschüttelt, nachdem er ihm den ganzen Bauch abgetastet
und ihn anschließend nach seinen Eßgewohnheiten ausgefratschelt hatte. Und sonst?
Kaffee, Schnaps, Zigaretten? Er war sich vorgekommen wie im Zollamt.
Und dann hatte er die Espressomaschine in das hinterste Eck seines Küchenregals gestellt
und sich das Kaffeetrinken einfach abgewöhnt. Er hatte Milch gekauft, alle möglichen
Teesorten quer durch die Teehausregale, und nach dem Essen, wenn ein kleiner Mokka
unumgänglich schien, stand er auf, um seine Pillen zu schlucken. Aber es hatte alles
nichts geholfen. Das brennende Drücken in der Magengegend, das über die Rippen nach
außen zog, war geblieben. Nach jeder Mahlzeit, nach jedem kleinen Bissen, den er zu sich
nahm. Am liebsten hätte er sich auch noch das Essen abgewöhnt, nur um den Schmerzen
nachher auszuweichen.
Wir fahren in Kürze im Bahnhof Brenner ein, sagte die Chris-Lohner-Tonbandstimme, zuerst auf Deutsch und nachher in allen anderen bekannten Fremdsprachen. We wish you a pleasant journey.
Thanks. Er hatte sein Gepäck im Abteil gelassen, und vielleicht würden sich gerade in diesem Augenblick die italienischen Zöllner über die geöffneten Koffer beugen und ihre Drogenhunde mit der Nase in seine Sachen stoßen. Aber das war ihm egal. Sollten sie doch in seiner schmutzigen Wäsche wühlen, solange sie wollten, er saß weit davon entfernt und wartete auf die erste Schmerzwelle in seinem Magen. In seinen Koffern würden sie nichts finden, was sie interessierte.
Jetzt stieg der Kellner wieder aus einem Verschlag. Vielleicht hatte er bemerkt, daß er den Kaffee einem Falschen hingestellt hatte. Er kam auf ihn zu mit breiter Freundlichkeit im Gesicht. Die Spitzen seines schwarzen Schnurrbarts schienen fast die Ohrläppchen zu berühren. "Pella tschornata, no?" sagte er und setzte sich dem Reisenden gegenüber auf den Sessel. Ein italienisch sprechender Nordtiroler, das hatte ihm gerade noch gefehlt.
"Es geht", antwortete er und schaute zum Fenster hinaus.
"Ta tove viene?" setzte der Kellner hartnäckig nach.
Er sprach ein passables Italienisch für einen Tiroler, wenngleich die harten Verschlußlaute die Wörter wie vom Hackstock fallen ließen.
"Was geht Sie das an?" wollte er dem neugierigen Menschen antworten, aber schon sein erstes Wort ging im Kreischen der Bremsen unter. Jetzt waren sie am Brenner, und in knapp zwei Stunden würde er wissen, was ihn in diesem Südtirol erwartete.
2Josef
Oberhollenzer
Er war es nicht mehr gewohnt, gefilzt zu werden.
Früher ja, als er noch mit dem studium beschäftigt war: Damals wäre er überrascht gewesen, hätten sich die zöllner (und die polizei im allgemeinen) einmal nicht näher auseinandergesetzt mit ihm, hätte man nicht an jeder grenze und zunehmend auch anderswo alles von oben nach unten und ihn von kopf bis fuß, wie man sagt, und hin & wieder auch bis auf die haut: Er hatte sich nie nackter gefühlt. Nicht einmal als flanierender wartender auf den nächsten zug war er sicher gewesen vor den nachstellungen der ordnungskräfte - denn: Wer wartet, wartet.
So war er ein experte für rang & uniform geworden mit der zeit; und ein zwei mal hatte er dann auch gefragt, warum gerade er, aber man war seiner frage immer ausgewichen: "Sa, signore .."/ Er war es nicht mehr gewohnt, gefilzt zu werden: Teilnahmslos und mit einem gewissen interesse hätte er den "brenner" hingenommen damals - jetzt nicht ..
"No! Stia attento .."
"Ma che vuoi? Zitto .. stai zitto!"
" Ma sono lenti a contatto, le rovina!"
Aber schon hatte der finanzer, hatte der eine große teiggesichtige dieser grenzmeute, die inzwischen zu fünft sich hermachte über ihn & sein gepäck in diesem engen zeit- & gesichtslosen raum mit metallschrank & tisch und paar stühlen, in welchen man ihn vor etwa einer halben stunde geführt oder besser abgeführt hatte, als er dem speisewagenkellner - am ende unter zuhilfenahme des nicht bestellten espresso - endlich beigebracht gehabt, daß er nicht in den speisewagen sich gesetzt hatte, um einen tiroler italienisch radebrechen zu hören, sondern um, wie er dem speisewagenkellner zuerst in der ihm eigenen höflichkeit, bald aber immer gereizter und irgendwann nur noch wort für wort dem speisewagenkellner entgegenschleudernd zu erklären versucht hatte, sondern um inmitten von leuten, welche essend & trinkend von einem punkt dieser gottverlassenen erde zu einem anderen sich bewegten, einem glück nachjagend vielleicht oder vielleicht auch, um dem ganzen sinnlosen tun einen sinn aufzusetzen und vielleicht auch nur aus gewohnheit, im gleichmäßig auf- & abebbenden gelärme seine ruhe zu haben vor den leuten, wären denn solche leute dagewesen: Denn für sich selbst konnte er schon längst nicht mehr sein, er hielt die einmal über alles geliebte, diese ohrenbetäubende stille nicht mehr aus .. -, schon hatte der große teiggesichtige den einen deckel abgeschraubt und war schon im begriff, seinen rechten zeigefinger in die die kontaktlinsen schützende flüssigkeit -
Wie lange hatte er da gestikuliert & geredet, um das und also eine achthunderttausendlirekatastrophe zu verhindern, um dem großen teiggesichtigen klarzumachen, was denn um himmels willen "lenti a contatto" waren: Verfluchter idiot, scheiß bulle, arschwichser und wasweißich und am ende immer wieder terrone terrone war ihm dabei durch den kopf, und irgendwann war ihm der bossisch-padanische sezessionsgedanke gar nicht mehr so abartig vorgekommen und die bumser der 60er eine logische konsequenz -: "Am brenner wußte man, man war in italien und also endlich wieder in der fremde daheim." Wer hatte das gesagt?
Es war nacht geworden, und der zug war längst abgefahren, aber man gab noch immer nicht auf: Sie wühlten & wendeten und kehrten von unten nach oben, schnüffelnd immer wieder wie eine meute kokssüchtiger hunde, als gälte es, mir die sinnlosigkeit allen seins quasi burgtheaterreif vor augen zu führen - oder als wäre dieses besessene suchen tatsächlich der einzig verbliebene sinn und der strohhalm, an dem man sich hält, wenn einen nichts hält.
Dies tun auf die bühne zu bringen, einen abend lang, dachte er irgendwann und erinnerte sich an jenen oktobernachmittag vor nunmehr elf jahren vielleicht: Es war in innichen gewesen, als er, was ihm sonst nicht mehr geschah, tatsächlich vollkommen überrascht gewesen war, als man ihn plötzlich buchstäblich weg von der straße in jenen anderen zeit- & gesichtslosen raum mit metallschrank & tisch und paar stühlen geführt oder besser abgeführt hatte nach längerem observieren seiner schritte kreuz & quer durch das dorf, wie es ihm plötzlich wie schuppen von den augen, als ein eben erst gleich ihm flanierender sich zu den beiden andern gesetzt und sofort gleich denen über ihn & seine zeit verfügte: Er war ohne ziel gewesen, war die stunde des wartens auf den nächsten zug nach lienz ziellos das dorf abgegangen: Ziellos zu sein, hatte er da die erfahrung gemacht, war zuallererst in höchstem maße verdächtig und in den augen der ordnung im grunde delikt.
"Warum wieder ich", ging es ihm durch den kopf, als er jetzt
aufgefordert wurde, den linken ärmel zurückzustülpen: Einen der finanzer zu fragen oder
einen der beiden carabinieri, die irgendwann dazugekommen waren, hatte nicht den
geringsten sinn, das wußte er: Ob in uniform oder in zivil, schon damals war man seiner
frage immer ausgewichen: "Abbiamo le nostre istruzioni ..", hatte einmal einer
geantwortet, es war kurz nach bruneck gewesen und er eben erst zugestiegen, er hatte sich
gerade hingesetzt; allerdings hatte man da ziemlich schnell abgelassen von seinem koffer
& ihm: Die dreckwäsche obenauf, wieder einmal hatte die die gewünschte wirkung
getan.
"Warum jetzt wieder ich ..", immer wieder & bohrender, in den letzten jahren
hatte man ihn in ruhe gelassen: War er vielleicht dem, der er gewesen war, wieder so
ähnlich geworden?/ Damals wäre er irgendwie stolz gewesen oder hätte den
"brenner" einfach hingenommen, teilnahmslos oder mit einem gewissen interesse
vielleicht .., beinah schon eine stunde lang dauerte er jetzt .., der zug war längst
abgefahren .. -
Da kam der große teiggesichtige zurück und stellte einen espresso auf das fensterbrett neben ihm: "Beva .." - Else würde auf ihn warten müssen.
3Anita
Pichler
Bozen war nicht gerade die Stadt ihrer Träume. Else war in einem kleinen Nest der Brandenburgisches Streusandlandschaft aufgewachsen und hatte es bis Berlin geschafft. Das hätte ihr als Welt und als Fremde eine Weile gereicht, wäre sie nichts arbeitslos geworden und dem jungen Carlo Siegfried Schluderbach, von seinen Freunden liebevoll Schluder genannt, in die Arme gelaufen. Nein, er war kein Kopfjäger, er hatte mit Else nur Privates im Sinn, sehr Privates. Es passierte im Pressecafe. Sie war gerade dabei, die Arbeitsangebote in der Berliner Morgenpost zu studieren, als der junge Mann sie ziemlich ungehalten darauf aufmerksam machte, daß sie seinen Espresso trank. Ob das nun Absicht gewesen war oder nicht, erfuhr Carlo nie. Er brauchte es auch nicht zu erfahren: er war der Grund, warum Else nach Bozen zog, an einen Ort, von dessen Existenz sie bis dahin nichts gewußt hatte. Bozen, Italien, hatte Carlo gesagt.
Oh, Italien, war es Else entfahren, und sie willigte ein, Carlo ins eine Heimat, wie er sich ausdrückte, zu folgen. Was Else also bewogen hatte, nach Bozen zu ziehen, war einzig die Liebe gewesen.
In Bozen fand sich Else bald zurecht: sie fand Arbeit, Carlo nicht. Sie fand eine Wohnung, Carlo zog bei seinen Eltern aus und bei ihr ein. Sie fand Freunde, Carlo konnte sie nicht leiden, er hatte seinen eigenen Kreis. Während also Else immer mehr in die Hauptstadt Südtirols einwanderte und sich mit Bräuchen und Gewohnheiten, mit Land, Leuten und Langsamkeiten (letztere waren ihr aus dem eigenen Nest bekannt) vertraut machte, während sie beide Sprachen gleichzeitig lernte, den Dialekt und das Italienische, wanderte Carlo allmählich aber gründlich wieder aus: ein Mann braucht Arbeit, und dieses Land hier kannte er ohnehin in- und auswendig, er hätte hier nichts Neues mehr lernen können. Ein Mann aber muß sich entfalten. Und schließlich liebte sie das südliche Klima, die Wärme der Atmosphäre und der menschen, während all das dem Schluder egal war.
Der Schluder freilich machte sich nicht sofort an die Arbeit. Er gedachte erst sein Studium in Berlin fortzusetzen und eventuell zu Ende zu bringen. In Berlin, da wollte er sich schon irgendwie durchschlagen, mit kleinen Jobs, etwas gab es immer. Doch zwischen München und Nürnberg sprach ihn dieser Typ im Speisewagen an, ein weizenblonder, langer Lulatsch, dessen Akzent er anfangs nicht ausmachen konnte. Sie quatschten eine ganze Weile bis sich herausstellte, daß er so etwas wie ein Autohändler sein mußte, der ab und zu jemanden brauchte, der ihm für gute, für sehr gute Bezahlung, einen Wagen von Verona hochfuhr, vielleicht auch die paar Kilometer weiter bis Polen.
Dann begann die Zeit der Besuche. Carlo kam mitten in der Woche, wenn Else ohnehin alle Hände voll zu kellnern hatte und er blieb selten übers Wochenende. Einmal nahm er sie Weihnachten zu seinen Eltern mit.
Else hatte sich eingelebt. Wenn Else jetzt auf dem Schild vor dem großen Haus "Achtung vor dem Hund" las, geriet sie nicht mehr in Panik, sie übersetzte einfach zurück ins Italienische und das ergab meistens einen Sinn. Einzig das Wörtchen alm, das lernte sie als letztes und zwar durch Deduktion. Da keine Alm gemeint sein konnte, und das nette Mädchen meinte, es ginge alm auf der anderen Straßenseite, versuchte sie es mit Fragen:
Warum denn nicht? hakt Else nach.
Wieso nicht? fragt das Mädchen.
Else: Selten?
Mädchen: Alm.
Else: Oft?
Mädchen: Alm
Da kapierte endlich auch Else.
Jetzt zog sie das Kind an, wickelte ihm noch einen warmen Schal um den Hals, der Süden hier war nicht mehr so südlich für Else und schon gar nicht für das Kind, das zu Erkältungen neigte. Sie stapften auf den Bahnsteig zu. Nachts warfen die einzelnen Gehöfte seltsame Sternbilder an die Hänge über der Stadt, auf den Streifen, der in weniger gebirgigen Gegenden schon Himmel gewesen wäre.
Sie stand mit dem Kind an der Hand vor dem abfahrenden Zug, die paar Fuguren, die ihm entstiegen waren, hatten sich verlaufen, kein Mensch mehr in Sicht, und das Kind begann zu weinen: Papa nein? Papa Carlo nein, Mami?
Schluder, zischte Else, du Dreckskerl.
4Kurt
Lanthaler
"Schluder", wird sie sagen, "du Dreckskerl."
Er war sich da ganz sicher. Ohne daß sie Dreckskerl zu ihm sagte, ging es schon eine ganze Weile nicht mehr ab. Das Schönste daran war: Er konnte es ihr nicht einmal verübeln.
Schluder stellte den Koffer für einen Augenblick ab. Atem holen. Wieso hatte er es sich auch in den Kopf gesetzt, der guten Else unbedingt ein paar Mitbringsel auf den Tisch packen zu müssen. Als ob dadurch etwas anders geworden wäre. Einen Augenblick lang dachte er daran, den Koffer zu öffnen, und alles, was nicht Wäsche war, in den Straßengraben zu schmeißen.
"Hau weg den Scheiß. Und hau ab", sagte Schluder.
Dann bückte er sich stöhnend zum Koffer, hob ihn an und marschierte trotzig weiter.
"Bist ein saublöder Dreckskerl", sagte Schluder.
Brenner bei Nacht. Die Dunkelheit war gnädig zu dem Scheißkaff. Die Ramschläden hatten Feierabend gemacht. Die Finanzer und die Piffkes hatten sich in ihre Löcher zurückgezogen, die Innsbrucker waren längst schon besoffen nach Hause unterwegs. Der konfinierte Dorfpfarrer nutzte die Ruhe, um die Mauer seiner neuen Kapelle zu streichen. Tagsüber hätten sie ihn totgefahren.
Zwei Stunden lang war Schluder amtlicherseits festgehalten worden. Ergebnislos, was die öffentliche Sicherheit betraf. Durchaus mit Ergebnis und Folgen, was ihn anging. Sein Zug war weg, der darauf folgende auch. Der nächste ging in eineinhalb Stunden. Und brauchte zwei Stunden bis Bozen. Deswegen stand Schluder jetzt an der Staatsstraße und hoffte.
Sie hatte sich erst einen Cynar, dann einen Fernet und schließlich einen Stravecchio genehmigt. Dem Kind jeweils eine Yoga. Ihre drei Gläser standen leer in Reih und Glied, die Saftgläser, unterschiedlich voll, auf einem Haufen. Das Kind hatte seinen Kopf auf die Tischplatte gelegt und schlief.
Sie war sich nicht sicher, was sie tun sollte. Der nächste Zug, sagte der Monitor an der Wand der Bahnhofsbar, der nächste Zug, bei dem eine Chance bestand, daß er den Schluder, diesen Dreckskerl, ausspuckte, der nächste Zug kam in knapp eineinhalb Stunden. Sie wollte nicht schon wieder auf Schluder, diesen Dreckskerl, warten, eigentlich. Aber diesmal war es wichtig, andererseits.
Schluder bekreuzigte sich. "Herrgott", sagte er, "Gottseidank."
"Gern geschehen", sagte der LKW-Fahrer.
"Hab gedacht, hier komm ich im Leben nicht mehr weg."
"Kann einem am Brenner leicht passieren", sagte der LKW-Fahrer und grinste. "Und, wohin gehts?"
"Bozen", sagte Schluder, immer noch außer Atem. Der scheiß Koffer war kaum auf die Zugmaschine zu stemmen gewesen.
"Bozen?" sagte der LKW-Fahrer. "Mit dem Koffer? Weltreise?"
"Neenee", sagte Schluder, "ich komm aus Berlin. Hier habens mich nur aus dem Zug geholt."
"Aha", sagte der LKW-Fahrer.
Und dann sagte er nichts mehr. Schluder beeilte sich, die Sache klarzustellen.
"Und nix gefunden", sagte er.
"Etwas dabeigehabt?" sagte der LKW-Fahrer.
"Wie mans nimmt", sagte Schluder.
Die Bahnhofspolizei könnt ich ihm auf den Hals hetzen, dachte Else. Oder gleich alle. Polizei, Finanzer, Carabinieri.
Dabei konnte es gut sein, daß Schluder jetzt in Berlin in seiner Stammkneipe saß und sich einen lachte. Eigentlich hatte sie ja geglaubt, daß er verstanden hatte. Sie war sich ziemlich sicher gewesen, daß er sich auch wirklich in den Zug gesetzt hatte. Auch noch, als er sie angerufen hatte, um die Ankunftszeit durchzugeben. Aber dieser Dreckskerl war wirklich im Stande, in Berlin-Wannsee wieder aus dem Intercity auszusteigen. Weil er sichs anders überlegt hatte. Oder ganz einfach, weil er die Hosen voll hatte.
"Tutto a posto, Signora?"
Else drehte ihren Kopf nach rechts und sah Uniformstoff, männlichen. Dann schaute sie höher, in ein kritisch abwartendes Gesicht. Bahnpolizei. Wer sagts denn. Den Schluder, nicht mich, dachte sie.
"Si", sagte Else", nahm den Zeigefinger an die Lippen und zeigte mit einer Kopfbewegung auf das Kind und dann auf den Monitor. "Aspetto", sagte sie.
Und damit hatte sie sich entschlossen. Den nächsten Zug wollte sie noch abwarten. Schluder, der Drecksack, hatte es wieder einmal geschafft.
5Sabine
Gruber
"Jetzt versucht er`s schon wieder", dachte Schluder und schlüpfte in die Schuhe. Beim Schnürsenkelzubinden drückte die Sicherheitsgurte derart gegen den Magen, daß ihm schlecht wurde. Er drehte ein Stück die Scheibe hinunter.
"Sehen Sie nicht, daß ich telephoniere?"
"Sie telephonieren nicht," sagte Schluder, "sie probieren zu telephonieren. Das ist ein Unterschied." Der LKW-Fahrer klappte wütend das Telephon zu, und Schluder schloß, obwohl ihm vorkam, er müsse das Speisewagenmenü sogleich gegen die Windschutzscheibe kotzen, folgsam das Fenster. Beide schwiegen.
"Blödes Teiggesicht", dachte Schluder, und: "Schon wieder ein Teiggesicht, lauter Wohlstandsfratzen. Aber dieser Fettsack hat zumindest die nächste Autobahnauffahrt genommen, da muß ich ihm ja dankbar sein." Er versuchte sich auf das Semperitmännchen zu konzentrieren. Das Poster der nackten Blondine verschwamm vor seinen Augen.
"Sie hat das Handy ausgeschaltet."
"Wer?", fragte Schluder.
"Seit zwei Stunden ist es ausgeschaltet. Ich hab` ihr gesagt, sie soll es eingeschaltet lassen. Sie wird schon ihre Gründe haben."
"Vielleicht kriegen Sie keinen Funkkontakt?"
"Nein, nein. Die hat ihren Grund. Das können Sie mir glauben. Wenn ich nicht die Schweine hinten drinnen hätte - ich meine das Fleisch -, ich würde glatt zurückfahren."
Schluder, der das Tachometer auf 100 Km/h ansteigen sah, krallte die Finger in seine Jeans als säße er mit weit geöffnetem Mund auf dem Zahnarztstuhl.
"Das darf doch alles nicht wahr sein", sagte er zu sich selbst, als er an der Seite dieses LKW fahrenden Othello mit toten Schweinen im Rücken aus dem Tusch-Tunnel raste. Die Berge kippten einmal nach links, dann wieder nach rechts. Er schloß die Augen.
"Und Sie, sind Sie ihr treu?", fragte Schluder, während er sich an Charlotte erinnerte, in deren Armen er vergangene Nacht eingeschlafen war. Else ahnte nichts davon, doch er wußte schließlich auch nicht, ob er der Vater dieser frechen Göre war oder ob es nicht doch Giramonti war. Die Kleine sah jedenfalls aus als sei sie bei Olbia aus dem Meer gestiegen und nicht unterhalb des Tschöggelbergs in dieses verdammte Leben gerutscht.
"Luder", zischte Schluder und knöpfte, als er die Ausfahrt BOZEN NORD erblickte, umständlich seine Lederjacke zu. Der LKW-Fahrer schwieg beharrlich, hielt schließlich an einer übersichtlichen Stelle, reichte ihm den Koffer hinunter und gab Gas.
Über dem Schlern braute sich ein Gewitter zusammen, und Schluder fluchte laut in die autoleere Staatsstraße hinein.
"Eigenartig", dachte Else, "um diese Jahreszeit ein Gewitter". Das Mädchen lief schlaftrunken neben ihr her, sie hielt es fest an der Hand, obwohl sie selbst leicht schwankte. Auf dem Bahnsteig standen drei Männer von der Post neben ihrem Wägelchen und weiter oben ging einer unruhig auf und ab. Sie beobachtete ihn ängstlich.
"Ja, du kriegst deine Gummibärchen. Morgen kauf`` ich dir welche. Komm, geh jetzt, ich hab` nicht mehr die Kraft, dich zu tragen." In diesem Augenblick fuhr der Zug ein. Else stellte sich zur Unterführung.
"Nicht jetzt. Sei still." Das Kind zog an ihrer Tasche. "Ich hab` keine Gummibärchen, hör` endlich auf, an mir herumzuzerren." Die Kleine setzte sich auf den Boden und heulte los. Einige Fahrgäste drehten sich nach ihr um. Als alle vom Bahnsteig verschwunden waren, packte Else das Kind und eilte mit ihm die Treppen hinunter.
Schluder saß auf seinem Koffer im Regen und wuzelte sich halb unter der Lederjacke eine Zigarette. "Wenn das nächste Auto kommt, stell` ich mich in die Mitte der Straße. Fährt man mich nieder, auch gut. Geld müßte man haben. Geld. Mit so einem Handy wäre vieles leichter." Hie und da zeichneten sich im Licht der Blitze die Bergspitzen ab. Er dachte an Else, und daß sie ihm die Geschichte am Brenner und diese Horrorfahrt im LKW nicht abkaufen werde. Sie glaubte ihm nie etwas. Das mit den Prüfungen war tatsächlich gelogen, aber sonst. Charlotte, gut, aber er verschwieg ja nur und log nicht. Else, die Mißtrauische, hatte keinen blassen Schimmer. Schluder grinste und stellte sich Charlotte unter der Dusche vor. Sie hatte das Cognac-Glas auf die Seifenablage gestellt und ihn hineingezogen samt Hemd und Hose. Da war was los, in ihrer Nähe.
"Ich muß sie anrufen, morgen schon. Damit sie nicht das Gefühl bekommt, ich ließe sie fallen."
"Ma sei pazzo?!" Schluder hatte noch das Quietschen in den Ohren, als er sich zum Fahrer beugte. "No, ma sto diventando matto." Er bemühte sich freundlich verzweifelt um einen Lagebericht. Der Alte, der aus dem Mund roch, hatte Mitleid und ließ ihn einsteigen. Er fuhr in seinem Opel Record als sei jeden Tag Sonntag. Schluder wetzte auf dem Sessel und rieb sich die Hände. Zwischendurch klapperte er mit den Zähnen. Als sie an der Talstation der Rittnerbahn vorbeikamen, schüttelte er nur noch den Kopf.
6Sepp
Mall
Alles war schwarz, tiefschwarz. Und es war ein Fallen, tief hinunter in einen Strudel aus Dunkelheit. Irgendwann mischte sich von weit her ein Summen in das sich drehende Dunkel, es kam näher und näher, direkt auf ihn zu, aber dann wurde auch das von der schlingernden Schwärze verschlungen.
Vergeblich versuchte Carlo Siegfried Schluderbach, die Augen zu öffnen. Was war los, verdammt?
Langsam, langsam tauchten die ersten verworrenen Bilder an die Oberfläche. Bildfetzen, abgerissene Szenen, Gesichter. Der Alte mit dem Mundgeruch, die Bullen am Brenner, ein Espresso, der vor ihm über den Rand der Tasse schwappte, nein, in der Tasse gegenüber, Charlotte in der Berliner Dusche. Scheiße, es kam alles durcheinander, das mit Charlotte war vorher gewesen. Und schön.
Jetzt kam der Schmerz. Vom hinteren Teil des Schädels schoß er nach vorne und breitete sich aus. Es war ein dumpfes Dröhnen vom Nacken bis in die Stirn, ein LKW-Zug direkt hinter seinen Augen, der schneller wurde von Sekunde zu Sekunde, gleich wird der Schädel platzen, und dann adieu.
Mit seinen Händen versuchte Schluder zu ertasten, wo es war. Das war sein Bein, und daneben stieß er auf etwas Kaltes, Metallenes, das sich bewegte. Jetzt riß er die Augen auf und eine weitere wilde Welle von Schmerz schlug gegen seine Schädeldecke.
Wo war er? Irgendwo über ihm brannte eine Straßenlaterne, und er lag da, halb auf der Straße, mit seinem Rücken gegen die Kante des Gehsteigs gedrückt. So gut es ging, stütze er sich mit einem Ellbogen ab und hob er seinen Kopf.
Alles noch dran, Schluder, sagte er halblaut zu sich selbst, und beinahe hätte er gelacht.
Wenn da nicht dieses feuchte Rinnsal gewesen wäre, das an seiner Schläfe aus den Haaren sickerte, dieser Geruch nach Blut. Und diese Gestalt, die vor seiner Nase über dem Lenkrad des Autos hing.
Das mußte der Alte sein, den er auf der Eisacktaler Straße aufgehalten hatte.
Langsam kam Schluder auf die Beine. Es war eine ziemlich wackelige Angelegenheit, aber wenn er sich an der offenen Autotür festhielt, ging's.
Der Balg schlief, und Else lehnte sich auf der Couch zurück. Aber sie fand keine Ruhe. Dieser Dreckskerl, mindestens anrufen könnte er jetzt. Das war wieder typisch für ihn. Wenn man ihn brauchte, war Schluder nirgendwo. Wo wird er diesmal hängengeblieben sein? Wo sie ihn extra gebeten hatte, rechtzeitig zu kommen. Nicht erst in zwei Tagen. Denn dann wäre es zu spät gewesen.
Sie hätte es sich denken können. Wie oft hatte er sie warten lassen, um dann zwei Täge später aufzutauchen, mit irgendwelchen Geschenken in der Hand und eine Koffer voller Rechtfertigungen. So war das immer gewesen, und so wird's auch diesmal sein.
Aber diesmal kannst du mir gestohlen bleiben, sagte Else vor sich hin, du Drecksack, diesmal werde ich meine Freunde um Hilfe bitten. Angelo, oder den Giramonti, auch wenn du den auf's Blut nicht ausstehen kannst. Diesmal nicht, Schluder.
Der Alte war tot, toter ging's nicht mehr. In das Loch in seinem Schädel hätte mindestens eine Faust hineingepaßt. Da hätte auch der Königsrainer nichts mehr machen können, oder wie der hieß.
Schluder ahnte, daß er von hier weg mußte, aber zuerst drehte er noch den Autospiegel so, daß er sein Gesicht sah. Nicht gerade ein hübscher Anblick. Ungünstiges Licht, das von Straßenlaternen, dachte er. Auf Brautschau konnte er heute so nicht mehr gehen.
Er tastete mit seinen Händen über seinen Kopf, dahin, wo's am meisten wehtat. Jetzt denk nach, Alter, sagte er sich, streng dein Gehirn ein bißchen an. Du mußt doch noch wissen, wie du zu diesem Zustand gekommen bist, schließlich hast du's ja nicht geträumt!
Der Alte, der Sonntagsfahrer mit dem Mundgeruch - helfihmgott - war über Rentsch in die Stadt herein, das wußte er noch, aber dann?
Einen Schock, sagte Schluder halblaut zu sich selbst, ich habe einen Schock, und deshalb weiß ich gar nichts mehr. Totaler Bildausfall. Das ist eindeutig der Schock, nichts anderes.
7Josef
Oberhollenzer
Schluder wußte, daß er von hier wegmußte: Neben einem toten mit einem loch im schädel so groß wie eine faust aufzuwachen und von nichts mehr zu wissen, war noch nie von vorteil gewesen, schon gar nicht für ihn.
"Hau ab", hatten ihm mit toten erfahrenere immer wieder eingebleut, "bevor du zu denken anfängst, hau ab!" Und so war er dann abgehaut, auch wenn kein toter in der nähe war, war möglichen schwierigkeiten immer so schnell wie möglich aus dem weg - bis auf ein mal: Wie gesteinigt war er sich vorgekommen nach dem verhör; bevor er auch nur den mund aufzumachen imstande gewesen war, hatten sie ihm schon die nächste und immer die nächste und wieder die nächste frage an den kopf geworfen gehabt, und wie ein krebsgeschwür hatten die fragen dann gewuchert in ihm: Er wußte bescheid, er haute ab - und blieb schon nach ein paar schritten wieder stehn: Nein, nicht wieder die brennerstraße zurück, in die andere richtung, in die thuilestraße, zu else.
Else war an allem schuld, ihr anruf hatte ihn in diese lage gebracht .. sie sollte ihm endlich erklären, was da lief in diesem scheißBozen, in diesem scheißLand .. Ein mann mit einem loch im schädel so groß wie eine .. nein, die lauben waren zu belebt, auch mitten in der nacht .. ein loch so groß wie eine faust, ausgerechnet vor der SVP-zentrale .. Und wenn man es auf ihn .. - Schon brach aus schluder der schweiß -: Nein .. nein! Kein mensch zu sehen, lange konnte er nicht bewußtlos gewesen sein .. Um ein haar, tatsächlich vielleicht um ein haar .. - Schluder strich sich das blutverklebte haar aus der stirn und hörte dann plötzlich sirenengeheul näher kommen aus allen richtungen und begann zu rennen.
Langsam, langsam .. nicht auffallen, um himmels willen! Schon war er an diesem bräunlichen haus vorbei, in dem die eva klotz jetzt, endlich heimgekehrt in den schoß der partei, kultur & brauchtum verwalten durfte, schon hatte er die andreas-hofer-straße hinter sich, schon hatte er die vintlerstraße -
Als schluder dann auf dem marienplatz nicht nur die üblichen gestalten herumlungern sah, die zu pater markus wollten auch noch mitten in der nacht, roch er scherereien, roch er gefahr: Er mußte weg, weg von der straße .. hatte nicht angelo in der nähe seine bude? Also am fränzi vorbei, dieser opfermaschinerie & lustaustreibungsanstalt, wo man ihn vernichtet hatte beinah, in die franziskanergasse hinein, hinauf zu angelo./ Was für ein einfallsloser deckname eigentlich, dachte er wie auf der stelle tretend ein um das andere mal, als er dieses ENGL G. endlich gefunden gehabt hatte und dann den klingelknopf drückte, tatsächlich sturm läutend irgendwann. Schluder waren die paar minuten, bis angelo dann doch heruntergekommen war und ihm aufgemacht hatte, wie stunden vorgekommen.
Nur noch ein heilloses durcheinander war in seinem kopf, als schluder dann im bett lag und sich dem schlaf entgegendachte: Ein gedanke jagte den anderen, auf jedes bild folgte sofort das nächste, vor allem aber waren da die fragen, kirchturmhoch: Was hatte else derart in panik versetzt, daß sie angelo angerufen hatte mitten in der nacht, daß sie den um hilfe gebeten .. nein, schier angefleht habe sie ihn, sobald als möglich .. Warum hatte sie dann aber nur andeutungen gemacht, hatte nicht klartext geredet? Und was hatten die schützen mit allem zu tun .. was hatte else schon mit den schützen zu tun, was wollten die von else? Wußte angelo mehr, als er zu wissen vorgab .. und was wäre in zwei tagen zu spät? Hatte else scheiße gebaut?/ Die fragen häuften, die bilder überstürzten sich -: Giftspritze, vermaledeite! ging ihm noch durch den kopf, dann schlief er endlich ein; er ahnte nicht, welche bedeutung diese worte noch bekommen sollten.
Als schluder, ein paar von angelos ausrangierten textilien auf der haut und dessen einzigen hut auf dem bandagierten, dem noch immer dröhnenden schädel, nach einem frühstück in form zweier tassen orange pekoe und einer dusche, die er wie noch kaum eine genossen & ausgekostet hatte, als carlo siegfried schluderbach an diesem letzten schönen herbsttag des jahres 2001 angelos wohnung verließ, hatte er im grunde nur eines im kopf: In die thuilestraße, zu else, auf schnellstem weg. Den dreckskerl und die dazugehörige tirade von flüchen & verfluchungen würde er dieses eine mal über sich ergehen lassen, ohne auch nur ein einziges mal den mund aufzutun; dann allerdings würde er reinen wein verlangen.
Während sich schluder durch das morgendliche menschengewühl der museumstraße zwängt und der wendung mit dem reinen wein nachhängt, fällt ihm plötzlich der aufmacher der Tageszeitung in die augen und gewissermaßen auf den kopf: MYSTERIÖSER MORD IN ZWÖLFMALGREIN./ Schluder kauft sich das blatt; und überfliegt, während er mehr gestoßen & geschoben als selbst sich weiterbewegend richtung talferbrücke vorwärts zu kommen versucht, die aufmache; und liest von mutmaßungen, daß die gruppe SCHÜTZT TIROL! (Konnte man die nicht mittlerweile ungestraft als "bewaffneten arm der schützen" bezeichnen?), daß SCHÜTZT TIROL! etwas mit dem mord am alten zu tun haben könnte; und liest, daß sein alter, möglicherweise, und wie man aus informierten kreisen erfahren habe, zur geheimdienstszene gehört habe -
Auf der talferbrücke klemmte schluder die zeitung unter den rechten arm und beschleunigte seine schritte, warf dann im vorüberhasten einen kurzen blick auf die noch immer nicht weggeräumten trümmer des siegesdenkmals und überquerte den viale venezia: Bald würde er bei else und der kleinen miriam sein./ Die giftspritze! Else würde ihm erklären müssen.
8Kurt
Lanthaler
Else würde ihm noch viel mehr erklären müssen. Zum Beispiel, wieso sie ihm in der Tuchbleichgasse, keine hundertfünfzig Meter von ihrer verdammten Wohnung entfernt, die drei finsteren Gestalten in Bauarbeiterklamotten in den Weg gestellt hatte. Um genau zu sein: zwei vor ihn und einen hinter ihn. Jetzt standen sie, alle viere, in der engen Gasse, und der Dicke vor ihm schaute ihn mürrisch an und sagte: "Else will, daß du mitkommst."
Halsüberkopf war er aus Berlin abgereist, sozusagen noch naß von Charlottes Duscherei, hatte alles auf sich genommen: die Deutsche Bahn, österreichische Speisewagenkellner, italienische Carabinieri, zwei espressi, einen verliebten LKWler, und einen Toten, dem man kaum mehr ins Gesicht schauen konnte, weil eine Kugel die Hälfte mitgenommen hatte. Nur, weil Else gesagt hatte: "Komm bitte". Hatte sich durch die Stadt geschlichen. Lief in Angelos Klamotten herum, die ihm paßten wie ein Erdäpfelsack. Ignorierte die Rasierklingen, die in seinem Magen Polka tanzten. Nur, um endlich in Elses Wohnung zu stehen. Und eine Erklärung für das alles zu bekommen.
Stattdessen ließ sie ihm hier auflauern von Burschen, denen er´s nicht einmal gewesen wäre, wenn sie ihm einzeln untergekommen wären. Aus der Tuchbleichgasse gab es kein Entrinnen.
"Los, mitkommen", sagte der Dicke noch einmal und zeigte in die Richtung, aus der Schluder gerade gekommen war.
"Aber...", sagte Schluder.
Und noch bevor er angefangen hatte, sich zu wehren, gab er wieder auf. Verstummte, schüttelte den Kopf. Drehte sich um, und trottete los.
Es war eine eigenartige, frühmorgentliche Prozession. Drei stämmige junge Männer, dazwischen Schluder, das schmale Hemd. Mit eingezogenem Kopf und einer Hand auf dem Magen.
Als sie wieder auf die Quireinerstraße kamen, ging alles ziemlich schnell. Ein dunkler furgoncino hielt quietschend an, seine Begleiter zwängten erst ihn und dann sich selbst in den Laderaum, der furgoncino fuhr wieder los. Das Ganze hatte keine zehn Sekunden gedauert.
Schluder saß auf dem Boden und versuchte, sich irgendwo festzuhalten, um nicht umzufallen. Die nächste Kurve brachte ihn zum Liegen. Dem Dicken schien das nichts auszumachen. Er drückte Schluder einen Bauarbeiterhelm in die Hand.
"Aufsetzen", sagte er, "und das hier anziehen", und setzte sich auch einen Helm auf.
Das hier war, wenn er das im Halbdunkel des schlingernden furgoncinos richtig erkannt hatte, ein Toni.
"Nein", sagte Schluder.
Irgendwann einmal mußte Schluß sein. Und jetzt war Schluß. Bevor er nicht wußte, was gespielt wurde, war von ihm nichts mehr zu erwarten. Er spielte Totes Mandl. Der Dicke ließ sich davon nicht abhalten, hab seinen Kollegen ein Zeichen, die hoben Schluder an, der Dicke streifte ihm den Toni über die Beine, sie stellten ihn auf die Füße, sodaß sein Kopf gegen die Decke schlug, der Dicke zog ihm den Toni über den Oberkörper, setzte ihm den Helm auf, klopfte drauf und sagte: "Warum nicht gleich?" Und dann setzten sie ihn in die vordere linke Ecke.
"Gleich werden wir aussteigen", sagte der Dicke. "Sei so gut, und mach keinen Aufstand. Die Else will es so. Verstanden?"
Else. Was hatte er sich bloß dabei gedacht, als er sie im Pressecafe in Berlin angebaggert hatte. Er wußte es noch: haben wollte er sie. Gleich und sofort. Es war dann auch ziemlich schnell gegangen. Und jetzt, schien es, bezahlte er dafür.
Dann hielt der furgoncino an, die Tür ging auf und der Dicke schob ihn aus dem Wagen. Hatte sich unter Schluders Arm untergehakt und turnte mit ihm über Trümmer und Steinhaufen auf eine schmale, etwas tiefer liegende Tür zu. Klopfte zweimal dagegen, sah sich kurz um, dann ging die Tür auf, der Dicke schob Schluder in die Dunkelheit hinein, die Tür schloß sich wieder und Schluder hörte, wie der Dicke von außen abschloß.
Schluder wußte, wo er war. Aber nicht wieso. Daß das Siegesdenkmal gesprengt worden war, hatte auch in den Berliner Zeitungen auf Seite eins gestanden. Daß es rechte Italiener gewesen waren, die eine Umwidmung ihres Siegesdenkmals in ein antifaschistisches Mahnmal nicht so einfach hinnehmen wollten, war schon nur mehr eine journalistische Vermutung gewesen. Daß die Räume unter dem Siegesdenkmal nicht so einfach zu sprengen waren, wußte Schluder spätestens, seit es nicht einmal einem Göflaner gelungen war. Aber wieso Else jetzt vor ihm stand und ihn mit einer Taschenlampe blendete, darauf hatte er keine Antwort.
9Sabine
Gruber
Schluder sah nichts, nur das Licht. Die Augen brannten.
"Was willst du?", zischte er. "Wenn du Gedanken lesen willst, mußt du schon etwas näher kommen und mir den Helm abnehmen." Es roch nach Moder. Else holte Luft und begann sogleich mit ihrer Suada. Das Wort "Dreckskerl", das sie zwischendurch einflocht, war ein Kosewort verglichen mit den anderen. Schluder konnte sich nicht die Ohren zuhalten, weil er bei jeder Bewegung, die seine Arme machten, das Gleichgewicht zu verlieren schien. "Ich muß ziemlich viel Blut verloren haben", dachte Schluder und nützte Elses erneutes Atemholen für ein lautes "Basta!" und: "Ich bin unschuldig!" Sie hörte zwar nicht mit ihren Flüchen und Beschimpfungen auf, ließ aber das Licht der Taschenlampe an ihm herunter wandern. Er hatte das Glitzern am Boden kaum registriert, da wechselte der Lichtkegel schon wieder die Richtung. "Was willst du?", dieses Mal schrie er`s aus sich heraus, daß es hallte. Else brach in Gelächter aus, und je öfter sie das Licht an ihm hinauf- und wieder hinunterjagte, desto lauter und hingebungsvoller lachte sie. "Wie - sie konnte sich nicht beruhigen -, wie - hahahahaha - schaust Du denn - hahahahaha -; hast du dich schon - hahahahahaha - ..."
"Angeguckt. Ja, ich habe mich an-je-kuckt." Das saß, zumindest im Moment. Das brachte sie zum Schweigen. Er mußte nur piefkisch reden, dann verstand sie. Vielleicht hörte sie dann ihre Mutter oder ihren Vater, jedenfalls wurde sie ernst, so ernst, daß sie - wenn auch nur für Sekunden, im besten Fall für ein paar Minuten - aufnahmefähig schien.
Schluder legte los. Daß der Toni doch ihre Idee, daß er nicht absichtlich, daß die Finanzer, daß er den Zug - weiter kam er nicht. Er sackte zusammen.
"Schnell, schnell", rief Else, "beeilt euch. Wir müssen ihn irgendwo hinbringen, wo man zur Not die Rettung rufen kann. Es muß ein unverfänglicher Ort sein. Hier können wir ihn unmöglich lassen. Bringt ihn raus." Der Dicke mühte sich ab, er hatte bereits Schweißperlen auf der Stirne, bevor er die Tür erreichte. Es war leichter, Schluder in einen Toni zu stecken, als ihn irgendwo hinzubringen, ohne gesehen zu werden. "Erst hat er die Figur eines Erdäpfelsacks, jetzt das Gewicht", brummte der Dicke in sein Doppelkinn, als ihn Else mit Schluder über der Schulter in den furgoncino stieß. "Da waren wir schon", hörte ihn Else nachhaken. "Halt die Schnauze!" Der Dicke grinste und verneigte sich kurz, nachdem Schluder auf den Boden geglitten war, sprach aber auf der folgenden Fahrt keine Silbe mehr.
Else kauerte in einer Ecke des Laderaumes und schaute auf Schluder. Er rührte sich nicht, auch dann nicht, als einer der Begleiter an ihm herumzupfte und "Aufwachen!" rief. Immer wenn das Fahrzeug eine scharfe Kurve machte, ging der Kopf mit.
Die Begleiter hatten sich wieder umgezogen, Tonis und Helme verstaut. Als sie sich an Schluder zu schaffen machten, fauchte Else: "Nein!" Das wollte sie selbst besorgen. Sie leuchtete ihm in die Augen, tätschelte kurz seine Wange und nahm den Helm ab. Else erschrak. Die Bandage war durchtränkt von Blut, der Helm mußte zu klein gewesen und gegen eine frische Wunde gedrückt haben. Jetzt geriet sie außer sich, schrie erst den Dicken an, dann den Fahrer, der aber nur ihre Fäuste hörte, die sie gegen das kleine Fenster hämmerte, welches Laderaum und Fahrerkabine trennte. "Ich hab` keine Zeit mehr", fuhr es ihr durch den Kopf, das Unternehmen in den "Katakomben" unter dem gesprengten Siegesdenkmal war gescheitert, Schluder dämmerte dem Himmel entgegen und der Fahrer lenkte den furgoncino als hätte er leere Kisten geladen. "Zieht ihm den Toni aus!"
Else zog sich wieder in die hinterste Ecke zurück und vergrub ihr Gesicht in den Händen. "Haltung bewahren", dachte sie, "Haltung, Haltung, Haltung..." Sie wiederholte das Wort so oft, bis sie das Gefühl hatte, das Wort selbst sei Halt.
"Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen, aber zu wem." Etwas schien ihr nicht ganz koscher an der Geschichte. Wer hatte Carlo Siegfried Schluderbach so zugerichtet? Er hatte ihr doch beim letzten Essen im "Ristorante Thiulle" versprochen, den Kontakt mit dem Autohändler abzubrechen, keine Autos mehr "hinaufzufahren". War dieses Loch im Kopf der Preis für den Ausstieg?
"Ich hab` gesagt, er soll Richtung Krankenhaus fahren. Wo fährt er jetzt hin?" Else deutete mit der Hand Richtung Fahrer. Der Dicke hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Im Türfenster war die geschlossene Eisdiele "Dolomiti" zu sehen.
"Der weiß schon, was er tut." Der Schnurrbärtige, der immer in der Nähe des Dicken blieb, zeigte nicht die geringste Unruhe. Er brachte Schluder in die Seitenlage, der Dicke sah weg.
"Schluderle", versuchte es Else. Sie untersuchte seine Augen, die Kontaktlinsen waren noch da, wenngleich verrutscht. "Schluderle, wach auf."
11Sepp
Mall
Carlo Siegfried Schluderbach lag da, im Laderaum des klapprigen Furgoncino, der durch die Bozner Fagenstraße raste, und wollte nicht mehr aufwachen.
Else beugte sich über ihn und rüttelte an seinen Schultern.
"Na komm schon, Schluder, wach auf!"
"Der kratzt uns ab", sagte der Dicke, "von mir aus."
"Schluderle", versuchte es Else jetzt und tätschelte seine Wange, "hörst du mich, mein Süßer, ick bin et. Wach doch endlich auf!"
Aber Schluder machte keine mossa mehr.
Der Dicke und der Schnauzer schleppten den leblosen Körper schnaufend über den Hinterhof und dann die Stiegen hinauf.
Else lief hintendrein und betete, daß der Gesuchte da war. Der, den sie "Doktor" nannten.
Als sie in den letzten Stock kamen, stand der Doktor schon in der geöffneten Wohnungstür und winkte sie herein. Über seinem Steirer-Anzug trug er einen weißen Metzgerkittel.
Er dirigierte die kleine Prozession in eine Kammer, wo ein altes Sofa stand. Schluder wurde hingelegt, und dann verschickte der Doktor die beiden Träger mit einer unwirschen Handbewegung.
In kurzer Zeit hatte er sein Handwerk erledigt, Schluders Platzwunde am Kopf gereinigt und ihm einen frischen Verband angelegt.
"Der wird schon wieder", sagte er, zu Else gewandt, die neben dem Sofa kauerte, wischte seine Hände am Schurz ab und griff nach der Schnapsflasche im Bücherregal, die zwischen den knalligen Umschlägen irgendwelcher Romane stand. Tschonnie irgendwas, las Else aus den Augenwinkeln, und dann sah sie wieder auf den Doktor, der gurgelnd den letzten Rest des Trebers leerte.
"Und sag ihm, er soll etwas besser auf sich aufpassen, besonders, wenn er in fremden Autos fährt."
"In fremden Autos..", wiederholte Else, und mit einem Schlag wurde das Durcheinander in ihrem Kopf noch ärger. Was wußte der Doktor von Schluders Autoschieberei? Hatte sie sich etwa an die falschen Leute gewandt, in ihrer Not? Oder hatte sie zuviel geplaudert im Suff?
"Wie meinen Sie das, in fremden Autos?" fragte Else.
"Der weiß schon, wie das gemeint ist", lachte der Metzger und zeigte auf Schluder, der mit seinem weißen Turban aussah wie ein indischer Fakir.
Und dann war er weg, flüsterte draußen vor der Tür mit den beiden, die sich als Freunde ausgegeben hatten, als Else schon am Morgen in der Corso-Bar hinter einem doppelten Stravecchio gesessen hatte. "Ach, der Schluder", hatten sie gesagt, "der alte Weiberer, den bringen wir dir auf der Stelle. Der ändert seine Gewohnheiten nicht, laß uns nur machen. Wir wissen genau, wo der zu finden ist."
Schöne Freunde waren das, so wie der Schluder aussah. Und dann noch das komische Versteckspiel in den Katakomben des gesprengten Siegesdenkmals.
Jetzt regte sich der Fakir. "Schluderle!", rief Else.
Dieser legte seinen Zeigefinger auf seine Lippen: "Leise!"
Manchmal nützt es doch, den toten Mann zu spielen. Eine alte Gewohnheit. Meistens kriegt man dann mehr von der Welt mit, als wenn man quicklebendig ist. Und manchmal kommt auch die fortgespülte Erinnerung zurück, wenn man so daliegt und keinen einzigen Finger rühren muß.
Beispielsweise an den letzten Abend. Die zwei uniformierten Gestalten hatten mitten auf der Straße gestanden, wollten was von ihnen. Bullen, hatte Schluder zuerst gedacht. Rissen die Autotür auf, hatten es direkt auf ihn abgesehen. Und dann hatte der Sonntagsfahrer mit dem Mundgeruch wohl die falsche Bewegung gemacht. Mit den Fingern ins Handschuhfach. Das sollte man nie machen in so einer Situation.
"Und das ist für den Mercedes, du Schwein!" Irgendjemand mußte denen gesagt haben, daß er im Anrollen auf Bozen war. Dann hatte er nur noch das Krachen in seinem Schädel gespürt.
Und jetzt hörte er den komischen Doktor hier was von ihm und fremden Autos sagen, das konnte kein Zufall sein.
"Wir müssen hier verschwinden, auf der Stelle", flüsterte er Else zu. Oder war sie etwa gar nicht auf seiner Seite?
11Josef
Oberhollenzer
Noch bevor else auf schluders aufforderung auch nur irgendwie reagieren kann und sein verdacht tatsächlich fuß faßt im hirn, schlägt die uhr. Elf, denkt schluder, da fällt sein blick auf die tirol-karte mit den verschiedenfarbigen stecknadeln: SCHÜTZT TIROL!, in den üblichen lettern. - Als hätte der himmel sich aufgetan, mit einem mal weiß schluder bescheid: "Wir müssen weg, else! Hörst du? Weg!"
"Nein", sagt else .. nein, alles zu seiner zeit .. nur nichts überstürzen, nicht mehr .. Sie mußte das heft endlich wieder selbst in die hand nehmen, wieder das tun, was sie wollte .. Das schlamassel, in welchem sie nun schon seit tagen steckte, seitdem das letzte ding elendig mißglückt und der rainer überlebt hatte .. Ich bin schlampig geworden, immer sicherer & schlampiger von mal zu mal: Schlamperei ist des henkers tod, hatte schon ihre großmutter immer wieder gesagt, hatte else zu miriam gesagt, gestern, nachdem sie sie in den schlaf gesungen gehabt hatte .. das schlamassel hatte sich zu einer katastrophe ausgewachsen, mittlerweile, hatte sich in den letzten paar stunden ins unüberschaubar chaotische gewandelt .. und ganz eigentlich, seitdem sie den beiden zugehört hatte in der corso-bar heute früh, mitgegangen war mit irgendwelchen fremden im grund .. nur weil die ihre sprache geredet hatten, wie freunde ihr zugehört und ein paar abfällige bemerkungen über die schützen wie einen köder ihr hingeworfen hatten .. und irgendwann noch ein zwei sätze über einen in der luft liegenden bürgerkrieg, shit .. Komm, wir sind auch dabei, hatten sie gesagt und dann: Geh du vor!
Wie oft hätte sie aufwachen müssen in den letzten stunden .. aber es war ihr wohl alles über den kopf gewachsen .. Die paar stravecchio auf jeden fall hatten ihr den verstand noch nie ausgelöscht .. so vollkommen .. oder hatten die ihr etwas hinein .. Nein .. dieselbe methode, ihr copyright! Vollkommener irrsinn .. nein!
Aber verflucht, welcher deutsche hätte sich derart abfälliges sonst zu sagen getraut, heute? Wem geht denn heute, offen & ungeschützt, derart ketzerisch volksfremdes über die lippen .. wo jeder nichts als auf der hut ist im grund und SCHÜTZT TIROL! in allen stuben überall .. Das sind nicht mehr die paar bumser der 60er .. die da haben ihre leute überall .. die paar toten sind nichts als ein vorgeplänkel, ein scharmützel & probegalopp zum auftakt .. die haben das land tatsächlich schon zur gänze in der hand .. du wirst sehen, wenn die endlich ordentlich losschlagen .. die haben aus den 60ern und in bosnien gelernt, hatte giramonti, ihr lover in mageren zeiten, ihr schon vor wochen einzutrichtern, einzuschärfen versucht und dabei auch einen satz mit seit jahren organisierten kroatienfahrten fallenlassen .. und war dann gewaltig ins schleudern geraten und ins politisch dilettierende & stammtischgespreche und hatte tatsächlich mit beinah sich überschagender stimme behauptet .. Miriam schläft!, war sie ihm da dazwischengefahren .. hatte tatsächich behauptet, daß auch der alte zoderer in wahrheit nur ausgenutzt worden sei, schützenhalber, und allein schon durch seinen versuch eines öffentlichen & offenen, eines wahrhaftigen gesprächs mit denen für die nichts als ein politisches feigenblatt, ein liberaler anstrich gewesen sei, vor paar jahren, eine falsche spur, ein nützlicher idiot .. Wie hatte giramonti, von dem sie ja wußte, wie sehr er den zoderer schätzte und ganz eigentlich liebte, sich da erregt .. Wenn der zoderer gewußt hätte!, hatte er dann, als er längst in ihr war, noch gestöhnt -
Sie hätte inzwischen gewußt, ja .. und hätte in der corso-bar ahnen müssen, auf was sie sich da einließ .. Gerade ich! .. Man vertraut sich nicht fremden leuten an, nur weil die einem nach dem munde reden .. das war doch eine binsenweisheit, verdammt .. wie viel mehr galt die in diesem land, in dieser nun wahrhaftig & buchstäblich explosiven 99er situation .. Sie mußte tatsächlich von sinnen und von allen guten geistern verlassen gewesen sein, daß sie sich darauf hatte einlassen können .. daß sie mitgemacht hatte und im grunde nichts, aber schon gar nichts durchschaut hatte die längste zeit .. Bis sie schluder .. und auch da hatte sie zuerst .. der verstand abgeschaltet, alles denken aus .. In die hosen, nichts als in die hosen!
Welcher teufel hatte sie geritten, daß sie das mit denen .. Hätte sie nicht vollkommen debil & mit sicherheit angenommen, daß die auf ihrer seite waren, als sie mit denen da hinein unter die trümmer des siegesdenkmals, sie hätte alles schnarrend verraten wie die gänse auf dem kapitol .. Aber was hatten die da gewollt? Tatsächlich nichts als ein versteckspiel all das? .. Madonna, warum war ihr erst jetzt ein licht auf?
Ein den schluder verarztender steireranzug als rettung .. lächerlich! .. Sie hoffte, miriam davon erzählen zu können irgendwann .. Dann, im rückblick, und in einem ohrensessel vielleicht, würde alles klarer sein. - "Dann ist alles klarer", sagte sie zu schluder, der immer noch einredete, einflüsterte auf sie.
Schluder hatte sein "Was?" noch nicht über die lippen gebracht, da stand wieder der doktor in der tür - und hinter ihm der dicke und der schnauzer; halb lächelnd, halb grinsend alle drei, kamen sie ins zimmer zurück, auf else, auf schluder zu .. Kaum sah else die zehn meter wäscheleine in den händen des schnauzers, schon rannte sie los, rannte gleichzeitig schluder - als hätten sie sich abgesprochen gehabt .. und schluder war plötzlich so lebendig & schnell wie vielleicht in seinem leben noch nie: Er, schluder, der das abhaun im blut hatte. Und bevor die drei auch nur ansatzweise begriffen hatten, daß die situation längst eine andere und weiß sozusagen schwarz oder der tag nacht geworden war, hatte else den schlüssel längst umgedreht, abgezogen, eingesteckt. - "Weg, nichts wie weg!" schrien sich schluder und else, synchron quasi, an - und schon stürzten sie die stiege hinunter wie vom leibhaftigen gejagt.
Als schluder dann das tor zum hinterhof aufriß und hinausstürmen wollte - standen da der fahrer und der lange, und noch zwei .. Schluder warf das tor zu, schaute else an, keuchte: "Die zwei bullen!"
12Kurt
Lanthaler
Else hatte den schweren, eisernen Riegel vorgeschoben.
Die zwei Bullen traten von draußen gegen das Tor, fluchten, verlangten von Else und Schluder, daß sie aufmachten. Dann sagte einer von den Vieren, Schluder meinte, den Langen erkannt zu haben: "Gemeinsam! Auf mein Kommando! Und mit Schwung" und es wurde still.
Schluder lehnte sich erschöpft und verzweifelt mit dem Rücken gegen das Tor. Else schaute sich um. "Paß auf den Kopf auf", sagte sie dann zu Schluder und zeigte mit einer Kopfbewegung auf das Tor, "und außerdem hilfts eh nichts." Schluder sah das ein. Es war das erstemal in ihrer langen und bis auf die paar ersten Male doch eher unglücklichen Liebe, daß er ihr sofort und aufs Wort glaubte. "Die Fässer", sagte Else, Schluder verstand, setzte sich in Bewegung, keine Sekunde zu früh, das Tor erbebte und quietschte und zitterte nach: die Vier mußten wie Nashörner gleichzeitig und ungebremst dagegengelaufen sein. Noch einmal hält das das Tor nicht aus, dachte Schluder und lief, lief um sein Leben, während hinten am Tor wieder diese gefährliche Stille sich breitmachte.
Als Schluder mit dem Fuß gegen das erstbeste der Fässer trat und es nicht hohl klang, sagte er ein lautes und ehrliches Avemaria. Mit leeren Fässern hätten sie nichts anfangen können. "Das hier", sagte er zu Else, die neben ihm stand, und bückte sich, um das Faß auf die lange Seite zu werfen. "Wart, daß ich dir helf", sagte Else, "allein bist es ihm nie."
In diesem Augenblick waren die Nashörner wieder auf das Tor geknallt, Schluder rechnete fest damit, gleich den zwei Polizisten, an die er nichts als schlechte Erinnerungen hatte und dem Fahren und dem Langen, die ihm auch nicht lieber waren, gegenüberzustehen. Das Tor war so windschief und alt, daß es ewig wirklich nicht mehr halten konnte. Einmal noch, zweimal, bettelte Schluder.
"Schleindi, Schluder", sagte Else, "sunscht sein Kua und Kolb verlorn." Jetzt ist sie erst die paar Jahre lang da, die Piffkische, und schon red sie schlauer als ein alter Bauer, dachte Schluder und wieder dachte er: aber recht hat sie, faßte an, schob und zog, und Else schob und zog, das Faß bewegte sich erst nur millimeterweise, kam ins wackeln, Schluder stöhnte kurz auf und stemmte weiter, Else stöhnte auch, wann hatten sie das letzte Mal zusammen gestöhnt?, und Schluder vergaß den Hammer in seinem Kopf und für eine Sekunde vergaß er die Nashörner, aber nur für eine Sekunde und dann schrie Else laut und berlinerisch "Scheiße!", bäumte sich auf, sah aus wie ein Ranggler vorm Wurf, mit Unterarmen, die er so an Else nie gesehen hatte, adrige, muskulöse, und das Faß kam in Bewegung und dann ins Fallen, fiel zur Seite und rollte gleich los Richtung Tor und Else machte sich über das zweite Faß her: "Das auch noch, los, Schluder!", und diesmal hatten sie den Vortl heraußen und das Faß lag und rollte nach einem Viertel der Zeit, aber wieder Dank Elses muskulöser Unterarme, die er so noch nie gesehen hatte. Sie liefen den Fässern hinterher, traten sie, trieben sie, die Nashörner hatten wieder Anlauf genommen, das Tor hielt, Schluder warf einen besorgten Blick auf die Angeln, die erbärmlich quietschten, Else hatte sich schon an das erste Faß herangemacht, Schluder sprang dazu, sie stöhnten wieder synchron und: das Faß stand.
Sekunden später hatten sie auch das zweite Faß wieder aufgestellt und an das Tor herangeschoben. Schluder atmete durch, Else wischte sich den Schweiß von der Stirn und lächelte. "Ein paar Minuten lang müßte das halten. Bis sie auf die Idee kommen, das Auto zu nehmen statt den Kopf."
"Und jetzt?" sagte Schluder.
"Hinterausgang", sagte Else und sah sich um.
Natürlich, klar, dachte Schluder und zeigte auf die Mauer am Ende des Hofes und auf die Loan, die an dem Nußbaum lehnte. Noch bevor Else nicken konnte, hörten sie, wie draußen, vor dem Tor, ein Auto gestartet wurde. Konnte natürlich ein Zufall sein oder eine treue Mutter, die mit dem Zweitwagen zur Schule fuhr, um das Liebste abzuholen. Trotzdem, Schluder bekam es eilig. Und Else auch.
Sie waren beide noch vollkommen außer Atem, als sie sich an die kalte Eisentür lehnten. Der Betonboden war schmutzig und feucht, in der Luft hing der typische Heizraumgeruch.
"Mit ein bißchen Glück kommen sie uns nicht drauf, daß ich die Reservehausmeisterin hier im Kondominium bin", sagte Else. "Zur Sicherheit sperr ich von innen ab."
"Und wie lang wollen wir hier bleiben?"
"Bis alles vorbei ist."
Schluder lachte, griff sich an den Kopf, und hörte sofort wieder mit dem Lachen auf.
"Das kann Jahre dauern", sagte er. "Ich versteh zwar schon lang nicht mehr, was eigentlich los ist, aber ungeschoren kommen wir aus der Geschichte nicht so schnell raus."
"Dabei ist es eigentlich ganz einfach", sagte Else. "Ich habs inzwischen begriffen."
"Nicht wahr."
"Doch", sagte Else und begutachtete die Lackschäden an ihren neuen Schuhen. "Ich weiß ja nicht, wieviel du in Berlin von dem mitbekommen hast, was hier los ist."
"Genug. Ihr spinnt." Er hatte ihr gesagt. Seis drum.
Else lachte. "Kann sein", sagte sie, "aber das interessiert längst schon niemanden mehr. Nicht, seit hier die Armeen gegeneinander losgehen."
"Und in welcher bist du?"
"In der dritten", sagte Else. "Nicht bei Schützt Tirol und nicht bei Italiani per sempre. Nachdem die sich jahrelang immer mehr und härter und mit immer größeren Hämmern gegenseitig auf den Kopf gehaun haben und nachdem klar war, daß es auf einen Bürgerkrieg hinausläuft und daß das Interethnische keine Chance hat und daß sie dir, wenn du mit Friedlichem Zusammenleben kommst, sofort den Schädel abreißen..."
"...Loch hineinschlagen", sagte Schluder.
"...von mir aus", sagte Else, "auf Jeden Fall haben dann ein paar von den Gemischten und Zusammenleblern irgendwann genug gehabt und keine Chance mehr gesehen, keinen anderen Ausweg, als sich auch zu bewaffnen. Damit das Volk auch einen Arm hat."
"Und ihr heißt?"
"Interethnische Brigade Alex Langer."
"Was?" schrie Schluder.
"Tu nicht so entsetzt. Ist nicht mir eingefallen. War einer von den Erzgrünen, der das vorgeschlagen hat."
"Servus", sagte Schluder. "Und was hab ich damit zu tun?"
"Du hast die Daimlers und die Porsches und die Ferraris, die wir geklaut haben, um unsere Kriegskasse aufzubessern, für uns nach Polen gefahren."
13Sabine
Gruber
"Alles für die IBAL", setzte Else nach, "verstehst Du jetzt?"
Schluder schüttelte den Kopf, hörte aber sogleich damit auf, weil es in ihm wieder zu pochen begann. "Und wer sind die Anführer?" Er saß zusammengekauert in der hinteren Heizraumecke und strich mit der flachen Hand über den Boden.
"Die üblichen Langer-Epigonen und ein paar Verrückte wie dieser langhaarige Journalist, der über die Bumser gearbeitet hat. Der Name ist mir entfallen."
"Zucco", sagte Schluder, "Zucco. Es wäre gescheiter, er bliebe bei seiner Gitarre als sich zwischen die Fronten zu schieben. Wer noch?"
"Ein paar Radikale der SAV".
"Was? Die auch noch? Wenn sie so schießen, wie sie schreiben ... Prost, Mahlzeit! - Sag, wird hier nicht geheizt? Der Boden müßte doch trocken sein, ich meine, ein Heizraum mit feuchtem Boden..."
Else drückte, wie um sich zu vergewissern, die Spitze des Zeigefingers auf den Boden und rieb sie dann am Daumen. "Seltsam." Sie roch am Finger. "Nichts Auffälliges. Vielleicht haben sie gerade heute die Putzfrau heruntergeschickt?"
"In den Heizraum?"
Else zuckte mit den Achseln. "Du siehst Gespenster, wo gar keine sind."
"Wenn ich an draußen denke..."
"Schöne Gespenster, haben sich als Nashörner verkleidet, wie?"
"Pst, sei still!" Schluder griff nach Elses Arm. Über der Heizraumluke waren Schritte zu hören. Er spürte ihre Muskeln, tastete sie sorgfältig ab. Else blieb ruhig, sah zur Luke hin und begann erst vorsichtig, dann mit einer gewissen Leidenschaft seinen Rücken zu kratzen.
"Nicht hier, bist Du verrückt?"
Sie grinste und lockerte seinen Gürtel.
"Hör` zu", Schluder umfaßte mit beiden Händen Elses Kopf, " ich bin ein Wrack, unrasiert, übernächtig, mit einem demolierten Kopf..."
"Pst! Da sind sie; da, über uns."
Schluder duckte sich instinktiv und hielt die Hände gegen seine Schläfen, doch das "Wäre ich nur in Berlin geblieben" war noch nicht zu Ende gedacht, da gab Else bereits Entwarnung.
"Wer sieht hier Gespenster", sagte Schluder und schnallte den Gürtel enger.
"Laß ihn offen", Else fuhr mit dem kleinen Finger in die Schnalle und rüttelte daran, "ich will jetzt."
"Aber ich kann nicht. Schau` mich doch an; und dann dieser Boden. Ich meine - "
Else schubste ihn weg und fauchte mit von ihm abgewandtem Gesicht:: "Wer auswärts ißt, hat zuhause keinen Appetit, stimmt`s?"
"Laß mich in Ruh`."
"Wo warst Du in der Nacht vor Deiner Abreise? Jedenfalls nicht in der Hagenauerstraße. Mach` mir bloß nichts vor, sonst laß ich Dich hier verrecken."
"Hast Du keine anderen Probleme?" Schluder sprang aus dem Schneidersitz in die Höhe und begann nervös auf und ab zu gehen. Ich war im Torpedokäfer. Kellnern."
"Ach."
"Ach, ach, ach. Was sonst?"
"Du warst nicht im Torpedokäfer. Ich habe dort angerufen."
Schluder war sich nicht sicher, ob sie spielte oder wußte. Er zog es vor, das Gespräch auf ein anderes und - wie ihm schien - wichtigeres Thema zu lenken. "Seit wann weißt Du, daß ich die Blechkisten für eure Interethnische Brigade nach Polen gefahren habe? Erst seit Kurzem, stimmt`s? Man hat uns beide im Dunkeln gelassen. "
"Aus Sicherheitsgründen;", antwortete Else und Schluder atmete auf, "einiges ist mir allerdings noch immer suspekt: Welche Rolle der weizenblonde Lulatsch spielt, der Dich damals im Zug angesprochen hat. Ich glaube nicht, daß er von der IBAL weiß. Die Autos, die Du für ihn hochgefahren hast, müssen auf ein anderes Konto gegangen sein. Daher fürchtete ich auch, daß es einer von Ihnen war, der Dich so zugerichtet - "Völliger Blödsinn." Schluder tippte sich dabei an die Stirne.
"Warum?"
"Ich weiß auch nicht, aber es erscheint mir nicht schlüssig. Im übrigen glaube ich, daß die IBAL ohnehin zum Scheitern verurteilt ist. Schießende Dichter, daß ich nicht lache. Wer ist denn auf diese Idee gekommen? Hahahahahaha."
"Was hast Du gegen sie? Jetzt packt Dich wieder mal der Schreibneid, wie?"
"Wie, wie, wie - kannst Du Dir das nicht abgewöhnen?"
"Nun halt mal an, wir sind noch nicht fertig miteinander. Wo warst Du in der Nacht vor Deiner Abreise?" Else stand breitbeinig vor Schluder und ließ ihn nicht aus den Augen.
"Ach, und Giramonti, dieser Giradonne?"
"Der tut nichts zur Sache. Du hast mich hierher verschleppt. Dir verdanke ich meinen Aufenthalt in diesem explosiven Nest, in dieser älpisch vertrottelten Krisenzone. Hast Dich ja wieder einmal fein verkrochen in Deinem Berlin. Schwängern, verschleppen und dann abhauen, das kannst Du."
"Nicht so laut!"
"Sei froh, daß ich nur laut bin." Else packte Schluder an der Schulter. "Du warst nicht im Torpedokäfer, es hat nämlich ein gewisser Hugo abgehoben; Du hattest die Nacht vorher Bardienst. Also, wo warst Du?"
14Sepp
Mall
"Wo warst du, verdammt nochmal?" schrie Else und fixierte ihn mit ihren blauen deutschen Augen.
Jetzt laß dir eine gute Antwort einfallen, Schluder. Draußen irgendwo die Schützt-Tiroler, die sie vielleicht jeden Moment entdecken konnten in diesem Heizraum - und hier Else, die drohend über ihm stand und nichts Gescheiteres wußte als ihn auszuquetschen, wo er in der Nacht vor seiner Abreise gewesen war.
"Ach, Elselein", versuchte es Schluder. Aber das zog nicht. Diesmal nicht.
"Ich bin nicht dein Elselein", zischte sie. "Und jetzt red endlich!"
Wenigstens schrie sie nicht mehr. Aber er kannte sie zu gut. Hier aus diesem Kellerloch würde er nicht mehr herauskommen, bevor er nicht ihre Frage beantwortet hätte. Und zwar so, daß sie ihm glaubte.
"Die Polen", sagte Schluder, und es sollte beiläufig klingen, "na du weißt schon."
"Eine Polin, willst du sagen. Wie heißt sie?"
"Nein, Else, hör mir doch zu. Die Polen, denen ich die Autos übergebe, für eure komische Interbrigade oder wie sie heißt, die haben plötzlich Schwierigkeiten gemacht, sie haben mich angerufen und da mußte ich mitten in der Nacht.."
"Schwachsinn", unterbrach ihn Else, "nicht einmal richtig lügen kannst du."
Sie spuckte vor ihm zu Boden, verschränkte ihre Arme vor der Brust und jetzt schrie sie wieder. "Zum letzten Mal: In welchem Bett hast du dich herumgetrieben?"
Jetzt blieb nur noch die Hoffnung, daß die "Schützt-Tirol"-Leute gleich durch die Heizraumluke herunterstürmten oder die Kellertür eintraten und damit seiner Bedrängnis ein Ende bereiteten. Aber nichts rührte sich. Keine Schritte, kein Rütteln an der Tür, nur das leise Summen in den Röhren, die aus den Heizkesseln nach oben führten. Wenn man einmal im Leben die Verfolger dringend braucht, sind sie nicht mehr da. Schluder schluckte.
"Charlotte", sagte Else jetzt, "ich weiß es." Sie sagte das so ruhig und mit einem resignierten Unterton, daß es Schluder ganz heiß wurde. "Ich hätte es nur gerne von dir gehört."
Sie wandte sich ab und ging schnurstracks auf die Kellertür zu. Sie blufft, Schluder, sie blufft, das verdammte Weibsstück, sie kann das mit Charlotte doch gar nicht wissen. Jetzt paß auf, was du sagst, denn jetzt ist es ganz kritisch.
Aber Carlo Siegfried Schluderbach kam gar nicht mehr dazu, etwas zu sagen. Else schien es plötzlich ganz eilig zu haben, schon hatte sie den Schlüssel umgedreht und war durch die Tür.
Schluder schloß seinen Gürtel und machte sich schwankend hinterdrein. Wenn schon die Schützt-Tiroler auf der Lauer lagen, sollten sie nicht nur ihn allein erwischen.
Sie kamen durch den Stiegenaufgang nach oben bis zur Haustür. Auf jedem Treppenabsatz drehte sich Schluder um, um sich zu vergewissern, daß sie nicht von hinten kamen. Doch nirgends eine Spur mehr von der Viererbande, den zwei Bullen, dem Langen und dem Dicken. Else warf einen Blick durch die Glastür auf die Straße. Auch da schien alles in Ordnung.
Draußen im Freien explodierte die Helligkeit in Schluders Augen. Er mußte sich einige Minuten an die Hausmauer lehnen, bis der Schwindel in seinem Kopf erträglich wurde. Else packte ihn am Ärmel und zog ihn hinter sich her.
Hier unter den Passanten, am hellichten Tag, würden sie sich wohl nicht getrauen. Herrgott, dachte Schluder, wo bin ich da hineingeraten. Sein Koffer weg, ein Loch im Kopf, ein furchtbares Brennen im Magen, nichts mehr zum Wuzeln im Sack, dafür aber mittendrin im Untergrundkrieg der Volksgruppen. Schöne Aussichten. Und Else war ihm auch nicht gerade freundlich gesinnt. Wenn er wenigstens fähig gewesen wäre, mit ihr zu vögeln. Aber auf dem kalten und nassen Betonboden des Heizraumes, da konnte er sich was Schöneres vorstellen.
Sie rannten durch die Guntschnastraße auf die Talfer zu. Else hatte es verdammt eilig, Schluder vermochte ihr kaum zu folgen. An der Ampel zur Cadornastraße drehte sie sich plötzlich um.
"Miriam", sagte sie, "ich hab die Kleine bei denen gelassen. Bei der Schwester des Doktors."
15Josef
Oberhollenzer
"Miriamle! Sputzile!" ruft emilie ochsenreiter ein ums andere mal und von mal zu mal lauter und schleppt ihren hundertzwanzigkilokörper aus der küche ins wohnzimmer und vom wohnzimmer ins schlafzimmer und setzt sich da keuchend aufs bett, daß die federn quietschen & plärrn, und während sie sich mit der rechten hand aufstützt, abstützt vom bett, wischt sie sich mit der linken den schweiß aus der stirn und den speichel vom mund: So sitzt sie einige zeit und verschnauft. - "Sputzile .. miriamle", versucht sie es dann halb fordernd halb lockend und beugt sich nach vorne und horcht -
"Verfluchter fratz! Bastard, vermaledeiter!" schreit sie dann, und richtet sich auf, und brüllt: "Hundsfott, elendiger!" Mit blutunterlaufenen augen und rot im gesicht steht sie da wie ein fels in der brandung und schwankt, und an den schläfen am hals treten die adern hervor wie an den eutern der milchkühe neuerdings - als lösten sie sich vom fleische im nächsten moment und zerplatzten. "Komm endlich! Jetzt, sofort! Oder ich versohl dir den arsch .. pflaumenblau!"
Nach luft schnappend wie ein fisch, bevor man ihm den finger ins maul steckt oder seinen schädel zertrümmert, elefantengleich bewegt emilie ochsenreiter dann ihren körper von raum zu raum und brüllt und droht und flucht -
Als ihr blick dann hinaus auf die quireinerstraße fiel, als sie sah, wie die leute stehenblieben und hinaufstarrten zu ihr, schloß sie krachend das fenster .. und war still, beruhigte sich allmählich, nach & nach./ Wie hatte sie sich nur so gehenlassen, derart aufregen können? Für nichts und wieder nichts .. die eine zerbrochene tasse? Gerade sie, die mit kindern doch so gut umgehen konnte .. wie ein jeder, wie eine jede ihr immer wieder bestätigte .. und zu den kindern so nett war .. so freundlich und lieb und verständnisvoll?
Sie setzte sich auf die im alten tiroler stil gepolsterte eckbank in der küche, beugte sich, mit den ellbogen sich aufstützend, über den küchentisch, nahm ihren kopf in beide hände, weinte./ Wie sehr der mann ihr doch fehlte, immer noch, immer mehr .. kam nicht mehr zurecht mit diesem leben und allem, allein .. Niemand, der ihr half, mit rat & tat .. sie unterstützte, aufmunterte .. Aber die anderen sahen ja nicht .. sahen nur, wie sie aufging wie ein hefeteig, alles irgendwie eßbare hineinstopfte in sich .. Nichts mehr da von der einstigen schönheit .. und der bewunderung den pfiffen, dem geilen blick auf titten & arsch .. Nur noch dieses staunen, wo immer .. und dieses erschrecken die verachtung in den augen, über den tatsächlich immer monströseren leib, das aufquellende, das aus jeglicher form & fasson brechende fleisch, wenn sie heut durch die lauben .. Wo man sich einstens umgedreht hatte, ihr nachgeschaut hatte voller verlangen & neid, blieb man jetzt nur noch grinsend stehn, übers ganze gesicht, schaute ihr kopfschüttelnd nach .. Nur noch ekel & abscheu in den gesichtern, wo einstens blanke geilheit, wo unübersehbarer neid gewesen war .. Und ihr bruder, der doktor der arzt .. auch er nutzte sie ja nichts als aus .. Da versteckte er alles mögliche in ihren kommoden & schränken und zog dann die schlüssel ab .. Falott! .. Nicht einmal mehr herr im eigenen haus, den eigenen vier wänden .. ach, wenn ihr mann noch lebte! .. Buchstäblich vor den augen weggeschossen, abgeschossen hatte man ihr den auf der seiser alm .. Schweine! Verfluchte schweine! .. Und die polizei hatte natürlich wieder einmal überhaupt nichts geschnallt .. Wenn sie den in ihre hände bekäme .. zerquetschen, zermalmen, alle knochen brechen mit diesen händen da würde sie dem! Zweiteilen, häuten wie eine sau! - Aber wo blieb die else denn .. sie wollte doch vor zwölf zurück sein .. war noch immer pünktlich gewesen bisher -
Emilie ochsenreiter stand auf, wischte sich mit beiden händen die tränen aus den augen und also die wimperntusche und den lidschatten ins gesicht .. Hilft auch nichts mehr, der ganze krempel .. sündteuer, überflüssiger verschönerungsputz .. - Da stand plötzlich miriam vor ihr, lächelte verschreckt.
"Ach kleines .. liebes .. mein sputz!" Emilie ochsenreiter hob miriam hoch, nahm sie in ihre arme, drückte sie an sich, küßte sie auf wangen & stirn, mehrmals. Da legte miriam ihren kopf auf emilie ochsenreiters rechte schulter .. und beugte sich dann zurück, weit nach hinten .. und schaute emilie ochsenreiter halb gllücklich halb traurig in die verweinten, die geröteten augen, hauchte: "Omi .. nicht mehr bös sein, omi!"
Emilie ochsenreiter lachte: "Aber nein, meine süße miriam, nein .. Doch verrat mir, wo hast du dich denn versteckt, miriam .. miriam kußmaul!"/ Wie hatte sie sich nicht halten können damals, vor lachen, als die else sich als else kußmaul vorgestellt hatte .. - "Unterm bett, omi, unter deinem bett .." - "Ach", seufzte emilie ochsenreiter und strich miriam ein paarmal übers haar. "Wenn deine mami nicht kommt, werden wir etwas essen müssen .. nicht, kleines?" - "Ja."
Emilie ochsenreiter stellte miriam ein bananenjoghurt auf den tisch: "Da, laß dirs schmecken .. Und ich probier den kaffee, den deine mami mir heute mitgebracht hat .. auch wenn mein bruder immer sagt, kaffee .."/ Sie öffnete die schwarze dose, roch, roch ein weiteres mal: "Eigenartig, der geruch .. Na ja!"
Während sie den kaffee in sich hineinschüttet .. da, plötzlich: wird der emilie ochsenreiter heiß wie in ihrem leben noch nie, da bricht der schweiß aus allen poren, bricht wie in strömen aus ihr, da verkrampfen sich die muskeln, zittern, zucken, da ist dieses fleisch da der körper nichts als ein gewaltiges beben, schaum vor dem mund, da brennt diese hitze in ihr .. Nach luft schnappend, röchelnd, wie ein weidwundes tier, mit weit aufgerissenen augen fährt emilie ochsenreiter hoch, wirft dabei den küchentisch um, steht .. und fällt dann auf den rücken, kracht auf den boden, ein gefällter baum .. Die augen stieren ins leere -
Miriam schreit, wirft sich auf sie .. "Omi, omi!" .. Miriam rüttelt & zerrt .. Das telefon läutet, lang./ Miriam weint, weint sich augen & seele aus .. schluchzt, schluchzt .. und liegt dann still wie emilie ochsenreiter .. wie omi, totenstill.
Da läutet es an der tür - einmal, zweimal .. Miriam schrak hoch.
"Frau ochsenreiter, sind Sie da? Frau ochsenreiter!"
"Mami, mami!" Miriam rannte zur tür -
16Kurt
Lanthaler
Else saß am Boden, an die offene Wohnungstür gelehnt, hielt Miriam im Arm, streichelte ihren Kopf, und weinte. Miriam schaute verwundert und sprachlos aus großen Augen zu ihr hoch.
Alles falsch, dachte Else, ich habe alles falsch gemacht. Das war ihr klargeworden, als sie die tote Oma Ochsenreiter am Boden liegen gesehen hatte, ein regungsloser Fleischberg, eine leere Kaffeedose in der verkrampften Hand. Else hatte Miriam gepackt, hatte sie sich unter den Arm geklemmt, Miriam hatte es für ein Spiel gehalten und gelacht, Else war drauflos gerannt, aber nur bis zur Wohnungstür gekommen. Dann waren ihr die Knie schwach geworden, ein Schreikrampf war in ihr hochgestiegen, und als er sich endlich Platz machte, war sie zusammengesunken, Miriam fest in ihre Arme geschlungen. Miriam hatte aufgehört zu lachen.
Alles falsch, dachte Else, und dann sagte sie, kaum hörbar: "Weg hier. Wir müssen weg."
"Nicht weinen, Mami", sagte Miriam.
Nie mehr wieder", sagte Else und fuhr ihrer Tochter übers Haar, "Mami wird nie mehr weinen, ich versprechs dir."
Die zwei Frauen saßen auf einer Parkbank und hielten sich an der Hand.
"Was heißt das, Mami?" sagte Miriam, "was heißt: du wirst nie mehr weinen. Geht das denn überhaupt?"
Else mußte, ob sie wollte oder nicht, lachen. Ihre Tochter schien weit und breit die einzige zu sein, die noch mit einem Rest von Hausverstand im Kopf durch die Welt lief.
"Ich werds versuchen", sagte Else. "Ich will nicht mehr."
"Was willst du nicht mehr?"
Was? Else dachte nach.
Wie erklärt man das seinem Kind, daß man eine Vollidiotin ist? Daß man sich in Dinge einmischt, die man gut und gern anderen überlassen kann. Und wie erklärt man seinem Kind, daß man Oma Ochsenreiter auf dem Gewissen hat? Umgebracht hat?
"Weißt du, Miriam ...", sagte Else, zuckte mit den Kaumuskeln und dachte: Alte, wird nicht sozialpädagogisch. Damit hat der ganze Scheiß ja eigentlich angefangen. Und jetzt stehst du zwischen Toten und Bomben herum, schwingst barbusig das Schwert, willst einen Louter (das Wort Louter war ihr das Liebste am Südtiroler Dialekt, diese klingende Bezeichnung für einen ebenso nichtsnutzigen wie zerlumpten Menschen), einen Louter also auf den Kellerboden niedervögeln, obwohls ein Schlappschwanz ist, und will das alles nicht genug ist, hättest du auch bald noch deine Tochter umgebracht, das Kind.
"Tochter", sagte Else, "ich habe vergessen, daß Kaffee nicht gesund ist. Für Kinder nicht und für die Großen auch nicht."
"Nichts für Kinder ist der Tüüürkensaft, schwächt die Nerven, macht dich schwaaach und krank. Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann", sang Miriam.
Else lachte.
"Eben", sagte sie und drückte ihrer Tochter einen Kuß auf die Stirn. "Sag ich´s ja, du weißt es eh besser als ich."
Else hatte für sich und die Kleine ein Eclair zum Mitnehmen bestellt.
"Negerschwanz", sagte Miriam. "Das ist ein Negerschwanz."
"Wer sagt das?"
"Die Oma."
Miriam biß in das Eclair und schaute, vanillecremeverschmiert, zu Else hoch. "Ist die Oma tot?"
Was sagt man da? Kinder!
"Ja", sagte Else, "ist sie. Aber man sagt trotzdem nicht Negerschwanz. Eclair heißt das, oder Liebsknochen."
"Wieso Liebesknochen?"
Else mußte sich zusammenreißen, um nicht laut heruszulachen.
"Deswegen", sagte sie, und zeigte auf Miriams Gesicht.
"Versteh ich nicht", sagte Miriam, "wieso?"
"Sag, wie du willst", sagte Else, und haßte sich, weil ihr der Schluder durchs Hirn ging. Keine halbe Stunde, dachte sie, ist es her, daß es deine Tochter überlebt hat, und du bist schon wieder ganz woanders. Schlampe.
Immerhin: beinahe hätte sie außer Oma Ochsenreiter auch ihre eigene Tochter umgebracht. Nur weil sie alles, was wichtig ist, vergessen hatte. Und sich eingebildet hatte, in die Weltläufe eingreifen zu müssen. Indem sie ein Kilo dunkles, leicht glänzendes Pulver in ihrer Wohnung versteckt hatte, in der leeren Kaffeedose. Schließlich trank sie keinen, die Kleine sowieso nicht, also war das Pulver im Küchenschrank sicher aufbewahrt und gut versteckt. Drei Monate war es her, daß sie ihr das Pulver gebracht hatten.
"Versteck es für uns", hatten sie gesagt.
"Was ist es?"
Keine Antwort.
Und sie hatte nicht weiter nachgefragt. Hatte das Pulver verstaut und versteckt und es dabei belassen. Und dann mußte sie die Dosen verwechselt haben, als sie Oma Ochsenreiter Kaffee mitbrachte. Und fast hätte sie ihre Tochter damit umgebracht. Und nicht nur Oma Ochsenreiter.
17Sabine
Gruber
Schluder saß im "Laurin" und nippte seit einer Stunde am selben Glas Rotwein. Die paar zerknitterten Tausender, die er vor Betreten der Bar auf dem Gehsteig gezählt hatte, reichten wahrscheinlich nicht einmal dafür. Und keiner kam zur Tür herein. Keiner jedenfalls, von dem er glauben konnte, er sei ein Sympathisant der IBAL, ein alter Freund, der für ihn in die Tasche greifen würde. Seine Finger wuzelten nervös ins Leere, und im Magen rumorte es, daß er sich genierte. Er hüstelte gegen die inneren Geräusche an, beugte sich vor und lehnte sich wieder zurück, den Geschäftsmann an der Theke im Auge oder die Tür, die nicht aufgehen wollte, obwohl er sich nichts sehnsüchtiger wünschte, als daß endlich einer hereinkäme, daß einer mit ihm redete, ihn für ein paar Minuten zerstreute.
Ich muß Charlotte anrufen, jetzt. Aber wie. Carlotta, marmotta. Er übte im Kopf, säuselte, beruhigte.
Schluder, der in seiner Ecke mehr lag als saß, schoß plötzlich hoch, daß sogar ins Piano-Gesicht, welches an Fadheit alles übertraf, was er bisher gesehen hatte, Bewegung kam. Es war eine Andeutung von einem Stirnrunzeln, ein Naserümpfen, ein kurzes Zucken um den Mund.
Man nimmt mich wahr, das ist schlecht, dachte Schluder und versank erneut im Sessel. Das Geklimper intensivierte die Wuzelbewegungen seiner Finger, ließ ihn die Knie gegeneinanderschlagen, immer wieder die Augen schließen. Carlotta, marmotta. Sie ist nie aus dem Bett zu kriegen. So eine ist mir noch nie über den Weg gelaufen. So eine hat mir gefehlt. Eine, die mittags Kaffee macht und damit wieder im Bett verschwindet. Eine, die nachmittags ihre Suppe wärmt und sie liegend löffelt. Und das Dazwischen. Schluder griff sich in den Schritt. Das Dazwischen übertrifft alle Erwartungen. Ganze zwei Wochen kenn` ich sie und bin ihr schon hörig. Carlotta, marmotta.
Ich brauche Geld, sagte sich Schluder, Geld zum Telephonieren oder besser zum Abhauen. Die Else-Geschichte ist ohnehin zu Ende. Der Heizraum ist der Beweis. Und da Else Bescheid weiß, werd` ich auch gar nicht mehr an sie rankommen. Immer hat sie das Maul offen. Immer bestimmt sie, was zu tun ist. Und gerät von einer Katastrophe in die nächste. Und reißt mich mit.
Der Pianist hatte aufgehört zu spielen und stellte sich zum Geschäftsmann an die Theke, der sein Handy neben dem Aktenkoffer abgelegt hatte und den Prosecco in sich hineinschüttete. Schluder beneidete ihn. Schluder sog mit seiner Nase den Nikotingeruch aus der Jacke und träumte halb von Charlottes Eskapaden, halb von einer frisch angezündeten Zigarette. Ich muß Charlotte anrufen. Er gab sich einen Ruck, ging zur Theke, legte die zerknitterten Tausender hin, schnorrte. Während der Geschäftsmann dem Pianisten zugewandt nach dem Feuerzeug suchte, griff Schluder blitzschnell nach dem Handy und ließ es in der Jackentasche verschwinden. Als er die Zigarette angesteckt hatte, bedankte er sich höflich und ging ruhigen Schrittes dem Ausgang zu.
Draußen angekommen, lief er in die hinterste Ecke des gegenüberliegenden Parkplatzes und ging in die Hocke. Er kam sich vor wie seine pinkelnde Tochter, für die Else immer Autos suchte, wenn` s dringend war. Schluder tippte grinsend Charlottes Nummer ein, aber es war keine Verbindung herstellbar. "Insert Card" las er zum x-ten Male, dann "SIM-Karte prüfen". Er drückte auf die "OK-Taste", auf das "C", fluchte zwischen rotem und schwarzem Blech, daß eine Taube davonflog, ein vorbeifahrendes Auto beinahe stehengeblieben wäre. Das Gerät machte keinen Mucks. Er zog gierig am letzten Rest der Zigarette und probierte es noch einmal, aber außer dem Wort "Menü-Optionen", das seine ganze Aufmerksamkeit auf den leeren Magen lenkte, war nichts zu lesen und erst recht nichts zu hören. Merda, merda, merda. Er knallte das Gerät mit voller Wucht gegen die Mauer, daß das Plastik splitterte und ging Richtung Waltherhaus. Weiter kam er nicht, das Piano-Gesicht verstellte ihm den Weg.
"Wo ist's?"
"Was?" Schluder drückte mit der Schuhspitze die Zigarette aus und schaute wie ein Hund.
"Na, was schon. Du hast`s doch mitgehen lassen."
"Ich habe gar nichts."
"Hör` zu, er hat die Polizei gerufen, mach` Dich wenigstens aus dem Staub." Das Piano-Gesicht schüttelte den Kopf.
"Ich weiß nicht, wovon du sprichst."
"Jetzt reicht`s aber, ich hab`doch gesehen, wie du`s in die Jackentasche gesteckt hast."
"Okay, okay." Schluder hob beschwichtigend die Hand und wich zurück, als er sah, daß der andere die Hand in die Brusttasche schob.
"Da - ", das Piano-Gesicht fischte einen 50.000-Lire-Schein heraus und drückte ihn Schluder in die Hand. "Ich hasse ihn, er pfuscht mir seit Monaten ins Handwerk. Keine Sonate, die nicht unterbrochen wurde, keine Chopin-Ballade, die ich ohne Sirenengeheul zu Ende spielen konnte. Dieses Handy zerreißt mir jedes Stück. Gib`s her."
"Ich hab`s gegen die Wand gedonnert."
"Was???" Das Piano-Gesicht drückte Schluder einen Kuß auf die Stirn, daß er beinahe gegen die Schranke gefallen wäre. "Du mußt Musiker sein", er hielt ihn an den Schultern, "nicht wahr, du bist Musiker?"
Schluder nickte, verneigte sich und stotterte ein leises "Na, d-dann geh` ich jetzt w- wohl besser."
18Sepp
Mall
"Und der sitzt hier seelenruhig und frißt! Sag mal, bist du noch zu retten?"
Schluder zuckte zusammen. Das war Elses Stimme. Die konnte einem auch das einzige Vergnügen, das noch blieb, gründlich verderben.
Er hatte furchtbaren Hunger gehabt, und der 50.000er, den ihm das Pianogesicht aus reiner Dankbarkeit zugesteckt hatte, war wie vom Himmel gekommen. Wie von IHM oben persönlich überreicht.
Das Wort "Menü-Optionen" blinkte immer noch in seinem Hirn, als er ins "Fink" stürmte. Unten im Klo machte er sich ein bißchen zurecht, kämmte vorsichtig die Haare über die höllisch schmerzende und blutverkrustete Stelle am Schädel und wusch sich, damit er wieder wie ein Mensch aussah. Daß sie ihn so in die noble Laurin-Bar gelassen hatten, wunderte ihn immer noch. Haben es wohl nötig, sagte er zu sich.
Während er sein Wasser abschlug, rechnete er: Wenn er 15.000 Lire fürs Essen ausgab, blieben immer noch 35 Mille. Oder 38, mit dem, was er noch im Sack hatte. Und damit würde er ein gutes Stück vorankommen, Richtung Berlin. Direzione Carlotta. In ein warmes Bett, wo Charlotte ihn zudecken würde mit ihrem Körper ..
Aber jetzt stand Else vor ihm und dem auf dem Teller aufgetürmten Selchkarre. Mitsamt der Kleinen. Und die Leute im Lokal starrten schon herüber.
Auf der Parkbank war es Else plötzlich geschossen. Wie konnte sie nur so blöd sein, so hirnverbrannt. Die würden weiter hinter ihr her sein.
Sie konnte froh sein, daß sie sie nicht schon in der Ochsenreiterschen Wohnung geschnappt hatten. Und wenn sie erst entdecken würden, daß die Schwester des Doktors. Sie würden sie sicher als erste verdächtigen, von irgendwoher mußten die wissen, daß sie bei der IBAL. Es war höchste Eisenbahn, von hier zu verschwinden. Raus aus Bozen, irgendwohin, wo sie sich für eine Weile verstecken konnten. Sie und Miriam. Und der Schluder auch. Der Dreckskerl sollte endlich einmal Verantwortung übernehmen. Für sie, seine Tochter und nicht zuletzt für sich selbst. Schließlich war er es gewesen, der sie hierher nach Südtirol verfrachtet und mitten unter all den verrückten Volkstumskämpfern alleingelassen hatte. Ja, Verantwortung, das war das rechte Wort.
Diesmal fand sie ihn gleich. Durch das Fenster beim "Fink" sah sie seinen Kopf im vollen Teller versinken. Typisch Schluder. Wenn er etwas zum Essen vor sich hatte, vergaß er alles um sich herum. Auch sein Magenleiden. Und nachher würde er sich krümmen vor Schmerz und dem Koch die Schuld geben. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie ihn schon längst zur Magenspiegelung geschickt.
Mit Charlottes Bett würde nichts werden. Vorerst. Else wollte sich nicht einmal setzen.
Wir gehen, sagte sie.
Setzt euch doch hin, laßt mich wenigsten fertig essen, versuchte es Schluder, und zu Miriam: Du kriegst eine Cola, wenn du willst.
Coca Cola ist nicht gut für den Magen, sagte die Kleine mit dem Blick einer Gouvernante, die kommt aus Amerika. Woher sie das wohl hatte?
Es verging keine Minute, da hatte Else den Kellner herbeigewinkt, das Selchkarree und das Bier bezahlt, gerade gelang es Schluder noch, ein Stück Fleisch vom Teller zu fischen, bevor ihn der Kellner unter seinen Händen wegzog, und dann waren sie schon auf dem Waltherplatz. Wenigstens war sein 50.000er heil geblieben, dachte Schluder. Aber das war auch schon alles.
Genau auf der Höhe des taubenverschissenen Waltherdenkmals sagte Else das mit dem Verantwortung-Übernehmen. Sie redete und redete und zog ihn und Miriam mit sich fort hinunter zur Südtirolerstraße. Das erste Mal, seit er sie kannte, sah Schluder, daß sie Angst hatte. Als sie in das Gebäude des Autobahnhofs eintraten, blickte aber auch er sich um. Vielleicht hatte Else recht, und die Kerle von "Schützt-Tirol" waren schon hinter ihnen.
Der Bus ins Sarntal stand auf Bahnsteig fünf. Bei der Nina sind wir sicher, hatte Else gesagt, lieber Gott, laß sie da sein.
Schluder ergriff die Verantwortung und bezahlte die Tickets mit seinem himmlischen 50.000-Lire-Schein.
19Josef
Oberhollenzer
Der bus fuhr um fünfzehnuhrfünfzehn.
"Noch zwanzig minuten", sagte else, "zeit für einen stravecchio." Und ohne schluder auch nur die möglichkeit einer widerrede, eines aber zu geben, nahm sie miriam wieder an der hand und war schon in der bahnhofsbar verschwunden.
Schluder bündelte, noch am schalter, in aller eile den rest des fünfzigtausendlirescheins, wie immer der größe nach; er steckte das bündel in die rechte hosentasche und folgte else nach. Schluder war zahm geworden - auch vielleicht auch nur müde, fertig, ausgepowert: Die letzten zwanzig stunden hatten es in sich gehabt; die 24 stunden von le mans konnten nicht anstrengender sein, auf jeden fall waren sie vorhersehbarer.
Else und miriam saßen schon. Schluder fragte: "Stravecchio?" - "Ja .. und für miriam ein yoga." - "Will eine cola, mami!" - "Eine cola?" fragte else erstaunt. "Okay, eine cola."
Schluder stellte sich an den banco, bestellte stravecchio und cola .. "E un bianco, buono però!" .. setzte sich zu else, zu miriam. Wie ein mann mit einer verantwortung kam er sich jetzt vor, mit einem mal; wie ein mann, der familie hatte, wie man so sagt. Wie schnell man da hineinwächst, dachte er sich. Dann drehte er sich eine zigarette, er hatte kaum geraucht an diesem tag.
Zu nina also, die er kaum kannte, ins sarntal, ans ende der welt. Das ende der welt .. vom ende der welt aus betrachtet, dachte schluder und stierte auf den samsonlöwen, ist deren mittelpunkt .. Oh shit, jetzt wurde er schon philosophisch .. scheiß verantwortung! Er tat einen großen schluck, ja .. nein, das philosophieren war ihm noch nie bekommen./ Und else und miriam redeten, redeten .. redend schlossen sie ihn aus, sie hatten ihn schon immer ausgeschlossen, im grund .. Frauen!
Ein einziges mal war er nina begegnet, in der bar, in der else damals gekellnert hatte .. Nina war nicht sein typ gewesen, er erinnerte sich .. und im übrigen schien sie treu zu sein, war schon seit paar jahren mit einem zusammen .. Ein schriftsteller, hatte else ihm gesagt .. lang & langhaarig. Schluder hatte mit der treue noch nie etwas anzufangen gewußt; treue war unbequem, engte ein. Charlotte fiel ihm wieder ein.
Dann plötzlich war schluder hellwach - Mord .. SVP-zentrale .. geheimdienst .. eine angesagte pressekonferenz, dem chef der fahndungsabteilung .. Man berichtete über seinen, schluders fall, über den mord am alten, das schlamassel letzte nacht: Das "Nachmittagsmagazin" des senders bozen, eines der neuen deutschsprachigen "RAI-Fenster", wie man diese sendungen auf RAI 3 nannte im journalistenjargon .. der braitenberg war ihm auf der spur.
"Else", sagte schluder halblaut, "else, schau!"
Auch alle anderen in der bar, eine ganze menge, wie er plötzlich bemerkte, starrten gespannt in die glotze, hörten zu: Das beruhigende gerede, dieses einlullende, auf- & abebbende wörtergelärme, in welchem schluder sich immer wohlgefühlt hatte und vor verletzungen sicher, in das er immer geflüchtet war nach jeder auseinandersetzung mit else oder sabine oder .. petra auch, shit .. und schon mit vierzehn fünfzehn vor dem gebrülle des vaters der mutter, daheim .. - Die leute hatten zu reden aufgehört, hörten nur noch zu: Es war beunruhigend still geworden, unbehaglich irgendwie .. es war laut geworden.
Der mord am alten, der offensichtlich ein pensionierter geheimdienstgeneral gewesen war und in den er, carlo siegfried schluderbach, hineingeraten war wie das kind in die jungfrau, schien ein faß zum überlaufen gebracht zu haben in diesem land, wenn man volkes stimme, eingefangen von braitenbergs "Nachmittagsmagazin" .. wenn man von den leuten auf der straße und also aufm waltherplatz und auf dem obstmarkt auf die stimmung im land .. - Von der gefahr eines bürgerkriegs war die rede immer wieder, manch einer redete ganz offen von dessen notwendigkeit .. Hysterie, angst, wut allenthalben, in den sätzen den stimmen dem ton .. Haß, es brodelte.
Dann plock contra gisparra .. im studio, face to face.
Der eine, plock, SVP-obmann seit der verheerenden niederlage der volkspartei bei den letzten landtagswahlen .. auf den höchsten stuhl getan, um die immere größere zerstrittenheit, das facelifting & facepunching, die schläge in die eingeweide zu beenden, ein für alle mal .. all das machtgepoker und endlich die abspaltung der arbeitnehmer und deren kandidatur als SozialLiberale ArbeitnehmerPartei Südtirols .. SLAPS .. hatte alles beigetragen naturgemäß zum verlust der mehrheit im land -
Der andere, gisparra, vor jahren heraufbeordert aus rom .. um zu retten, was da noch zu retten war .. um den zerstrittenen haufen der italiener endlich unter einen hut zu bringen, wie in den alten zeiten .. war ihm auch innerhalb kürzester zeit gelungen, dem mann, hatte Unitalia zur bei weitem stärksten & schlagkräftigsten partei unter den italienischen gemacht -
Plocks und gisparras stellungnahmen, dachte schluder, waren auch nicht dazu angetan, land & leute und also die politische lage zu beruhigen, hier .. Bei gott, nein, dachte schluder, im gegenteil -
Beide immer wieder und von mal zu mal lauter redeten sie von dem im grunde seit jahren schon heraufbeschworenen todesmarsch, der gestoppt werden müsse, mit allen mitteln und koste es was es wolle .. es müsse endlich schluß sein mit der ausblutung, der schleichenden vernichtung der jeweils eigenen volksgruppe .. die italienische minderheit müsse, sie werde mit aller härte zu reagieren wissen auf die in letzter zeit sich häufenden, die zunehmend infameren morde, auf offener straße schon, mitten in der stadt .. seit letzter nacht mordete man doch tatsächlich offen & unverschämt und ohne jegliche zurückhaltung direkt vor der haustür, das volk in südtirol ließe sich eine derartige provokation nicht länger gefallen, nein .. die geheimdienste in diesem staat hätten lange genug deutsche für ihre eigenen verbrechen verantwortlich gemacht und vollkommen unschuldige landsleute in den italienischen kerkern elendiglich zugrunde gehen lassen, der mord letzte nacht habe dem faß endgültig & unwiderruflich den boden ausgeschlagen .. einen pensionierten general, der, wie er, plock, jetzt öffentlich kundtun wolle, ein durch & durch anständiger mensch gewesen sei, habe ihm und der partei in den letzten monaten reichlich material & hinweise geliefert, woraus ganz eindeutig & unmißverständlich geschlossen werden könne, daß eine politik der spannung & provokation, nichts anderes .. die deutschen hätten das siegesdenkmal dem erdboden gleichgemacht, die italiener hätten es in grund & boden gebombt .. die verwicklung der geheimdienste in beinah alle anschläge der letzten jahre und auch in den freiheitskampf .. Terrorismus! .. in den abwehrkampf der 60er jahre sei aufgrund der dokumente, die der auf die heimtückischste art & weise ermordete, ja abgeschlachtete general malandò ihm ausgehändigt habe, eindeutig bewiesen .. einen ehemaligen kollegen & kameraden hinterhältigst niederzumachen und dem südtiroler volke gewissermaßen vor die tore zu werfen wie ein schwein .. man werde sich wappnen, man sei auf alles gefaßt & vorbereitet, man werde sich standhaft zu wehren wissen .. es sei an der zeit, flagge zu zeigen .. man werde die sache in die eigene hand nehmen, in die fäuste, bei gott .. zu viel zeit unnütz verstrichen .. kein schaf auf der schlachtbank mehr, nie wieder .. zu viel blut geflossen .. jetzt endlich, verdammt -
Braitenberg war die auseinandersetzung längst aus der hand, mitten in das immer heftigere, wortgewaltigere wortgefecht hinein kündigte er die pressekonferenz zelgers, des chefs der fahndungsabteilung an, live; es wurde umgeschaltet.
Und plötzlich sah schluder im fernsehen sich, sah sein gesicht auf dem bildschirm, groß .. "Else", flüsterte er, "weg, weg!"/ Sie saßen günstig, saßen im rücken der anderen; noch immer beinahe stumm, gebannt starrten die in die glotze. Nur ein zwei mal hatte einer die deutschen verflucht, halblaut, hatte einer die italiener verdammt: Noch hielt das geschehen im fernsehen die leute in bann, noch war man nicht zurückgeworfen auf sich, in der bar.
Schluder voraus, else und miriam hinterher, schon war man im freien, aus der bar, war hinten, querte den platz .. "In den billardsaal", sagte else und rannte die stufen hinunter .. und schluder und miriam, die beinahe hinfiel, hinterher .. Else öffnete die tür: "Langsam, ruhig .. nur nicht auffallen, um himmels willen!" - "Aber was sollen wir hier?" fragte schluder. - "Konrad anrufen", sagte else, "er soll uns hier rausholn .. im parkhaus nebenan .." Ihre stimme zitterte, in ihren augen war angst, nichts als angst.
20Kurt
Lanthaler
"Konrad?" dachte Schluder, und erst als ihn Else groß anschaute, bemerkte er, daß er laut gedacht hatte. Lauter, als er wollte. Er kannte nur einen Konrad, maximal zwei. Und den vom Consorzio Agrario. Aber an den durfte Else wohl kaum gedacht haben in ihrer Verzweiflung, die, je mehr er darüber nachdachte, ganz die seine war. "Konrad."
"Ich ruf ihn an", sagte Else, und drehte sich schon um, "bleibt hier. Miriam sei brav, ja. Bin gleich wieder da."
Dabei ist Miriam die einzige, die brav geblieben ist, dachte Schluder, nahm ein Queue und kratzte sich damit in den Kniekehlen. Sollte mich mal wieder waschen, dachte er und lachte laut auf.
Probleme hast du, Schluder. Und was für welche. Obwohl. Wie war das immer gewesen, vor Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten? "Hast du dir die Füße gewaschen und frische Unterhosen an?" hatte Mutter gefragt, jedesmal, wenn er mit seiner Sporttasche das Haus verließ, um sie um mehr als 25 Kilometer zu verlassen. Bis er einmal gefragt hatte: "Wieso?" "Stell dir vor, du hast einen Unfall und kommst ins Spital, bist bewußtlos und die müssen dir die Hosen vom Leib schneiden", hatte sie ernst gesagt, "stell dir das dann vor."
Ach Mutter, dachte Schluder, griff sich ein Stück Kreide und machte sich an der Queue-Spitze zu schaffen, wär das schön, dachte Schluder, wenn man bewußtlos ins Krankenhaus kommen würde, Erste-Hilfe, Reanimation, Luftröhrenschnitt, Flebo links, Flebo rechts, Herzmassage, Blutbild, und dann sagt der Oberarzt: "Das einzige, was der braucht, ist ein Besuch auf der Entlausungsstation und ein Vollbad." Schön wär das, dachte Schluder, schöner jedenfalls, als mit dieser Geschichte am Hals durch die Welt laufen zu müssen, auf der Flucht vor Mördern, Totschlägern und Nashörnern, Schützen, Journalisten und anderen Leichen, Polizisten und Finanzern, und Frauen. Egal, ob sie Miriam oder Else heißen.
"Und wenn wir schon dabei sind, Charlotte auch dazu", sagte Schluder.
"Wer ist das?" sagte Miriam.
"Wer wer?" sagte er.
"Charlotte...", sagte sie, und er fragte sich, wieviel man in ihrem Alter schon von der Welt wissen konnte.
Und dann sah er Miriam dabei zu, wie sie ihm das Queue aus der Hand nahm und die Kreide und ihn anschaute und hörte wie sie "Laß mich auch mal" sagte, tat einen Schnaufer und dachte: "Schluder, du bist zu alt für diese Welt. Lange schon."
"Ich will nicht sterben", dachte Schluder und sah Miriam dabei zu, wie sie versuchte, eine Billardkugel zu erwischen.
Dabei war er, das fühlte er, langsam an der Reihe. Der nächste, das konnte nur er sein. Zu oft hatte er Glück gehabt, zu oft war er noch einmal von der Schaufel gesprungen, zu oft hatte er überlebt, ohne es sich verdient zu haben. So richtig verdient wenigstens nicht.
Was hatte er schon getan, um zu überleben? Geatmet, ja, richtig. Meistens in ziemlich regelmäßigen Abständen. Aber mehr auch nicht. Das Herz ging von alleine, bis auf die paar Minuten die zu Stunden wurden, nachts, wenn sein Herz über sich selbst stolperte und sich überschlug, ins Stolpern kam und dann ins Stocken, und dann schlagartig ein Tempo vorlegte, dem sein Körper nicht mehr folgen konnte, als ob das Versäumte eingeholt werden müßte, und Schluder lag da, griff sich ans Herz und an den Sack und wartete und hoffte, daß die Nacht vorbeigehen und das Herz ein Einsehen haben würde. Und draußen wurde es hell und heller und die Arbeitsamen gingen zur Arbeit und er schrie nach Schlaf und stand auf und sehnte sich nach Kaffee und braute sich einen Tee, den er dann doch nicht trank, und griff zur Mineralwasserflasche.
Wieso trinkt man abends nicht dasselbe wie morgens, dachte Schluder und dachte: das ist dein Problem nicht, Alter, dein Problem ist es, zu überleben, jetzt. Ob du willst oder nicht. Und wenn du zehnmal nicht willst. Mußt du. Trotzdem. Weil es nicht sein kann, daß nur, weil man an der Reihe ist, man stirbt. Du hast zu tun, Schluder. Miriam das Billardspielen beizubringen, zum Beispiel. Und da ist ein Loch im Kopf nicht hilfreich. Zum Beispiel.
General Malandò war tot. Die fette Oma auch. Und Else rief Konrad an.
Schluder ging zu Miriam an den Billardtisch, stellte sich hinter sie und half ihr dabei, das für sie überdimensionale Queue in Position zu bringen. "Durchatmen", sagte er, "ganz in Ruhe durchatmen und an nichts denken. Nur schauen. Auf das Ziel. Und einatmen, und stoßen. Und treffen."
Fünf zu eins, dachte Schluder, daß es der falsche Konrad ist, den die gute Else anruft. Zehn zu eins. Und fünf zu eins, daß die Kleine die Kugel nicht trifft.
"Und einatmen", sagte Schluder.
Miriam gab dem Queue einen Stoß. Und hatte getroffen.
21Sabine
Gruber
Else kam und kam nicht. Und Miriam war es leid, mit dem Queue, das sie ohne Schluders Hilfe nicht in die richtige Position zu bringen vermochte, den Kugeln einen Stoß zu versetzen. Sie rollte sie, warf sie mit bloßen Händen, kegelte sie Richtung Stuhlbeine und lachte, wenn sie gegen das Holz krachten.
"Hör` auf!" Schluder griff sich ans Herz, es flatterte, deutete ein Stolpern an, setzte tatsächlich einen Augenblick aus, als wär`s irgendwo hängengeblieben, um sich dann wieder einen Stoß zu versetzen, erst nur einen, dann einen zweiten, einen dritten - immer mehr unregelmäßige Stöße verebbten in der Halsgegend, bis sie unter wellenartig daherkommenden Hitzeschüben ihren Rhythmus wiedergefunden hatten.
"Ich will zu Mami", plärrte Miriam und lief zur Tür, Else nach, die seit mehr als zwanzig Minuten verschwunden blieb. Schluder erwischte sie gerade noch am Jackenende.
"Bist du verrückt?" Miriam plärrte nicht mehr, sie schrie und stampfte, daß ihr Schluder in seiner Verzweiflung den Mund zuzuhalten versuchte. "Wenn sie uns hören, nehmen sie mich fest." Und im selben Moment dachte Schluder: Jetzt bringe ich sie um. Natürlich bringe ich sie nicht um. Sie wird keine Luft mehr kriegen.
"Sei ruhig, mein Veilchen, ich erzähl` dir eine Geschichte." Und Miriam hielt den Mund, als habe sie verstanden.
Es war still über ihnen. Schluder horchte. Miriam horchte. Man hat die Bar geschlossen, überlegte Schluder. Als Miriam ihren Schuh gegen das Stuhlbein baumeln ließ, zuckte Schluder zusammen.
Nein. Nein. Else schlug mit der Hand gegen den Apparat. Kein Konrad. Niemand zuhause. Auch Angelo nicht. Keine Menschenseele. Petra fiel ihr noch ein, aber die kannte sie kaum, die gehörte zu den Vorgängerinnen, die sie lieber nicht in Schluders Nähe holte, auch jetzt nicht. Aufgewärmtes hat er immer am liebsten gefressen. Die in der Butter herumgeschupften Knödelstücke. Abgeröstete Penne, an denen man sich beinahe die Zähne ausbiß. Verbrannte Polentascheiben -
Else erschrak. Jetzt haben sie mich. Sie spürte zwei Hände, die sie an den Schultern festhielten und wagte nicht, sich umzudrehen. Jetzt führen sie mich ab. Und Schluder, das Luder, ist frei. Und Schluder wird wieder davonkommen. Aber dieses Mal nicht ohne seine Tochter. Dieses Mal hat er sie am Hals für den Rest seiner freien Tage.
Else hielt den Kopf gesenkt. Else dachte an all die Filme, in denen die Verhafteten erhobenen Hauptes die Menge hinter sich ließen, um ins Polizeiauto zu steigen. Sie gab sich einen Ruck und war sogleich zehn Zentimeter größer. Sie vermißte das Blitzlicht. Das Raunen im Rücken. Das Klicken der aufschnappenden Handschellen. Die feste Stimme eines Kriminalbeamten -
"Nein. Du?" Elses Körper löste sich aus der Erstarrung, er sank wieder auf seine normale Größe zusammen. Erleichtert fuhr sie sich ins Haar. Zucco packte sie aber, er zwickte sie, schüttelte sie. "Du gehst jetzt hinter mir her, aber so als kennten wir uns nicht, verstanden? Und du hältst ausreichend Abstand." Else schien es, als flüsterten die Leute, als stünden sie still, im Boden verwurzelt, mit schlaff herabhängenden Armen. Es war kaum Bewegung in ihnen. Keine Lautstärke. Kein Lachen.
"Setz` die Brille auf." Der kurzgeschorene Zucco im Anzug hatte sich an seinem charmanten Grinsen zu erkennen gegeben. "Wo hast du deine Haare gelassen?", grinste Else zurück und hatte ihre Hand bereits auf seinem Kopf, wie um sich zu vergewissern, daß da nichts mehr war.
"Geh` jetzt," Zucco stieß Else von sich fort, "und halt`endlich das Maul. Du hast schon zuviel Unsinn geredet. Nicht nur geredet."
"Und Schluder? Miriam? Nein, ich bleibe hier."
"Wenn du deinen Schluder noch sehen willst, dann ist es besser, du kommst jetzt mit."
"Aber er wartet. Ich hab`doch - Ich wollte doch nur Konrad - Ich -"
Zucco riß die Geduld, er drückte Elses Arm, daß diese kurz aufschrie und unsanft zurückboxte.
"Von mir aus. Macht, was ihr wollt." Zucco steuerte dem Ausgang zu. Und Else ging ihm nach.
Miriam schlief auf mehreren Tischdecken unter dem hintersten Billardtisch. Sie schlief fest. In ihrem Traum wurde sie auf einem roten Schlitten durch den Schnee gezogen. Und Großmutter sang. Und Mama lachte. Ein dunkles männliches Lachen, daß Miriam erschrak. Daß Miriam die Augen öffnete, um nach Mama zu schauen. "Mama", flüsterte Miriam, aber sie sah nur Männerbeine in schwarzen Hosen mit einem roten Längsstreifen. Sie roch nur Hunde, ihren Schweiß und Speichel. Und sie sah Papa neben der Tür mit aneinander geketteten Händen. "Papa!!!"
22Sepp
Mall
Jetzt hatten sie ihn. Sie führten ihn zu einem ihrer himmelblauen Autos, die drüben vor dem hellerleuchteten Eingang zum Autobahnhof eine Barriere bildeten, und schoben ihn auf den Rücksitz.
Das würde in sein Hirn eingebrannt bleiben für immer: Das verzweifelte Weinen des Kindes unter dem Billardtisch. Und er mit aneinandergeketteten Händen, der ihr nicht helfen konnte. "Papa, Papa, was machen die?" hatte Miriam geschrien und ihre Arme ausgestreckt, Schluder stand knappe drei Meter entfernt, aber sie hatten ihn nicht mehr zu seiner Tochter gelassen.
"Ich komme gleich zurück", hatte er ihr noch zugerufen, bevor sie ihn hinausführten, "wart' auf mich!"
Sonst war ihm nichts eingefallen. Nichts Blöderes. Und das gerade jetzt, wo er begonnen hatte, sich irgendwie als Vater zu fühlen, Verantwortung zu tragen, sozusagen. Auch wenn er nicht der wirkliche Vater wäre, sondern Giramonti vielleicht oder sonst jemand.
Es war alles verdammt plötzlich gegangen. Er hatte sich zu Miriam hinuntergebeugt, um zu sehen, ob sie noch schlafe, er hatte ihr die eine Haarsträhne aus dem Mundwinkel gestrichen, und als er hochkam, waren sie schon dagewesen über ihm: "Venga!"
Das war ein Versprechen, das du der Kleinen gegeben hat, Schluder, sagte er sich, ein richtiges Versprechen. Aber so, wie es schien, würde er einige Schwierigkeiten haben, es einzulösen. Die zwei, die neben ihm im Fond des Wagens saßen, sahen nicht danach aus, als würden sie ihm gleich alles Gute fürs weitere Leben wünschen und ihn in die gerade angebrochene Bozner Nacht verabschieden wollen. Und als sie ihn über die Stufen zur Quästur hinaufschoben, mit eisernem Griff an seinen Oberarmen, verabschiedete er sich. Von der Welt, der freien. Von der Wahl, wohin es gehen sollte, nach Berlin oder nach Rimini. Von einem Bett, das er mit jemanden teilen konnte, jemanden wie Charlotte. Oder Sabine. Oder Petra. Ade, murmelte er vor sich hin, als das Tor hinter ihm zuschlug, ade du schnöde Welt...
Den Zelger kannte er schon. Aus dem Fernsehen. Oder hieß er Zwerger, der geschniegelte Leiter der Fahndungsabteilung? Er saß Schluder gegenüber und trommelte mit seinen Fingern auf der Tischplatte.
"Wir wissen alles über Sie", sagte er und schob seine Nase nach oben.
"Ist mir recht", antwortete Schluder, "dann kann ich ja gehen."
Er versuchte, auf die Füße zu kommen, aber die zwei hinter ihm drückten ihn wieder in den Sessel.
"Wir wissen alles", sagte der Zwergerzelger noch einmal, diesmal schärfer, und sah Schluder erwartungsvoll ins Gesicht. Vielleicht hieß das, daß man jetzt ein Geständnis ablegen sollte, sein Gewissen erleichtern, daß man zu reden beginne sollte, wer weiß.
"Und ich", entgegnete Schluder, "ich weiß, daß ich nichts weiß. Ist aber nicht von mir. Sokrates, sollten Sie von ihm gehört haben."
Er wußte wirklich nichts. Nichts, was zusammenpaßte. Außer das, was er vor viereinhalb Stunden zufällig im Fernsehen gesehen hatte. Daß der Alte, der Malandó, den man umgebracht hatte, ein pensionierter Geheimer gewesen war, SISMI, SISDE, er kannte sich da nicht so genau aus. Und daß irgendwelche Schläger von SCHÜTZT TIROL hinter ihnen her waren, hinter Else und ihm. Und daß Else sich dummerweise eingelassen hatte mit dieser IBAL. Und Oma Ochsenreiter tot ... Was er am besten wußte, war, daß er hätte in Berlin bleiben sollen.
Der Fahndungsleiter lehnte sich in seinem Sessel zurück. "Das werden wir ja sehen, mein lieber Schluderbach, was Sie alles wissen. Wir haben Zeit, unendlich viel Zeit."
Aus dem Versteck im Hausaufgang quer gegenüber sah Else, wie zuerst Schluder aus dem Billardsaal herausgeführt wurde. Und dann kam eine Polizistin, mit Miriam im Arm.
"Laß mich los, Zucco, ich muß zu ihr!"
"Später", sagte Zucco und legte auch den zweiten Arm um Elses Oberkörper.
"Verdammt nochmal, ich kann doch nicht einfach zusehen, wie sie meine dreijährige Tochter verhaften!"
"In Verwahrung nehmen", sagte Zucco, "das ist was anderes."