Erstmaßnahmen nach der Bergung

Das Freilegen und Freihalten der Atemwege, Vermeiden großer Körperbewegungen und das Vermeiden eines weiteren Abkühlens nach der Bergung haben die höchste Priorität für das Team Bergretter - Sanitäter - Notarzt.

Fallen mehrere Verschüttete gleichzeitig zur Behandlung an, so hat die Erhaltung der Vitalfunktionen überlebender Patienten Vorrang vor der Reanimation von Verschütteten ohne Vitalfunktionen.

Die Behandlung der Patienten sollte unter windstillen Verhältnissen in der Bergungshöhle oder einem Behandlungszelt durchgeführt werden, um ein Abkühlen bei kalten Außentemperaturen und Wind zu verhindern.

Wird ein Verschütteter lebend geborgen, stellt die Behandlung der Unterkühlung (Hypothermie) die wichtigste notfallmedizinische Maßnahme dar (Tab. 2). Bereits am Unfallort sollte der Schweregrad der Hypothermie an Hand der Schweizer Stadieneinteilung (Tab. 1) (10,11), abgeschätzt werden. Die Messung der Kerntemperatur kann auch vom nicht medizinischen Rettungspersonal durch ein Tympanon - Thermometer (Messung mittels einer weichen Sonde im äußeren Gehörgang) durchgeführt werden.

Obwohl man bei der tympanalen Messung in Erwägung ziehen muss, dass sie zu tiefe Werte anzeigen kann, gibt sie Hinweise auf den Temperaturverlauf während des Transportes.




Stadien der Hypothermie



Stadium I: Patient ansprechbar mit Muskelzittern
(Kerntemperatur 35°-32°C)

Stadium II: Patient erschwert ansprechbar ohne Muskelzittern
(Kerntemperatur 32°-28°C)

Stadium III: Patient nicht ansprechbar
(Kerntemperatur 28°-24°C)

Stadium IV: Atem - und Herzkreislaufstillstand
(Kerntemperatur 24°-15°C)



Tabelle 1: Stadieneinteilung der Unterkühlung.
So früh wie möglich sollte das EKG monitorisiert werden, um provozierte Arrhythmien und Kammerflimmern beim Ausgraben und Umlagern frühzeitig zu erkennen.




Die Gabe von Sauerstoff ist notwendig, da sich das unterkühlte Lawinenopfer zusätzlich in einem hypoxischen Zustand befindet und eine ausreichende Oxygenierung einen effizienten Schutz gegen weiteres Abkühlen darstellt.

Die Verabreichung von Notfallmedikamenten wird im Hypothermiestadium III-IV aufgrund der Gefahr der Auslösung von Rhythmusstörung nicht empfohlen. Im Stadium I-II können ACLS Medikamente verabreicht werden, jedoch in längeren Abständen als bei Patienten mit normaler Körpertemperatur.

Eine Infusionstherapie ist nicht zwingend erforderlich. Besteht ein intravenöser Zugang, wird als Volumen NaCl 0,9% mit Glucose 5% empfohlen.

Am Unfallort kann auf das Legen eines peripheren intravenösen Katheters dann verzichtet werden, wenn der Zugang aufgrund der Zentralisation des Kreislaufs erschwert oder mit Zeitverlust verbunden ist.

Bei Kerntemperaturen unter 28°C ist die elektrische Defibrillation von Kammerflimmern in der Regel erfolglos. Bleiben 3 Defibrillationsversuche ohne Erfolg, müssen Patienten mit persistierendem Kammerflimmern bis zur Wiedererwärmung ohne Unterbrechung reanimiert werden.

Bei Pulslosigkeit (Stadium IV) muss die Reanimation durch den Bergretter begonnen und so lange weiterführt werden, bis der Patient an die nächste Rettungsequipe oder an den Notarzt übergeben wird (12,13).


Erste - Hilfe - Maßnahmen zur Behandlung der Hypothermie

Hypothermie I – II
(ansprechbar)

Vermeiden großer Bewegungen.
Herstellen windstiller Verhältnisse.
Wärmepackung.
Heiße Getränke ohne Alkohol.

Hypothermie III
(nicht ansprechbar)

Vermeiden großer Bewegungen.
Herstellen windstiller Verhältnisse.
Wärmepackung in stabiler Seitenlage (falls nicht intubiert).
Strikte Beobachtung, Kontrolle von Puls und Atmung.
Messung der Körper - Kerntemperatur (Tympanon - Thermometer).
Inhalation von Sauerstoff.
Helikopter - Transport in Klinik mit Hypothermie - Erfahrung.

Hypothermie IV
(Herzkreis-laufstillstand)

Kardiopulmonale Reanimation ohne Unterbrechung.
Helikopter - Transport in Klinik mit Herzlungenmaschine.



Tabelle 2: Erste Hilfe bei unterkühlten Lawinenopfern in Abhängigkeit vom Schweregrad: in allen Stadien basiert die präklinische Behandlung der Hypothermie auf den drei Hauptsäulen: 1. bewegungsarme Bergung und Lagerung, 2. Herstellen windstiller Verhältnisse, 3. Isolation. Einem wachen Patienten mit erhaltenem Schluckreflex (Stadium I, II) können heiße, süße Getränke (ohne Alkohol) verabreicht werden. Der bewusstlose, unterkühlte Patient (Stadium III) muss in die stabile Seitenlagerung gebracht werden, sofern er nicht vom Notarzt intubiert ist. Die Inhalation von Sauerstoff stellt neben der Isolation einen zusätzlichen Schutz gegen weiteres Abkühlen dar. Bei fehlender Atmung und Pulslosigkeit (Stadium IV) ist die Reanimation bis zur Wiedererwärmung in einer Klinik mit Herzlungenmaschine ohne Unterbrechung fortzusetzen. Für den Laienhelfer gilt in jedem Fall, dass er eine begonnene Reanimation so lange weiterführen muss, bis er den Patienten an die nächste Rettungsequipe oder an den Notarzt übergibt. Wird ein Verschütteter pulslos und unterkühlt, aber mit Atemhöhle gefunden, so muss die Wiederbelebung bis zur Wiedererwärmung in einer Klinik fortgesetzt werden.





Abbildung 3: Algorithmus zur Behandlung von Lawinenopfern. * Transport zum nächstgelegenen Krankenhaus zur Bestimmung des Serumkaliums, wenn ein Transport in eine Klinik mit Herzlungenmaschine aus logistischen Gründen nicht möglich ist. Nachdruck aus: Brugger H, Durrer B, Adler-Kastner L, Falk M, Tschirky F. Field management of avalanche victims. Resuscitation 2001;51:7-15, mit freundlicher Genehmigung von Elsevier Science.