Überlebende mit Atemhöhle: Die Chance für Bergretter

Das Vorhandensein einer Atemhöhle bei gleichzeitig freien Atemwegen ist ein sicherer Beweis dafür, dass der Verschüttete nach dem Stillstand der Lawine noch geatmet hat und gibt Grund zur Hoffnung auf ein Überleben des Verschütteten. Ausschluss oder Nachweis einer Atemhöhle stellen für den Notarzt ein wichtiges Entscheidungskriterium für die Therapie (3) nach der Bergung dar.

Aus einer Studie, bei der künstlich geschaffene Atemhöhlen von freiwilligen Testpersonen beatmet wurden, kann geschlossen werden, dass die Dauer des Überlebens vom Volumen der Atemhöhle, von der Schneedichte und noch unbekannten individuellen Faktoren abhängig ist. (18)

Dabei kommt es anfangs zur Hypoxie (Sauerstoffmangel) und Hyperkapnie (Anreicherung von Kohlendioxid im Blut). Nach längerer Verschüttungsdauer tritt als dritter Faktor die Hypothermie (Unterkühlung) dazu, die den Sauerstoffverbrauch um circa 6% pro Grad Celsius Abkühlung verringert. Dieses Zusammentreffen von Hypoxie, Hyperkapnie und Hypothermie wird als so genanntes "Triple H Syndrom" bezeichnet.

Als "Atemhöhle" gilt jeder noch so kleine Hohlraum vor Mund und Nase bei gleichzeitig freien Atemwegen (4). Der Befund "keine Atemhöhle" gilt nur dann, wenn Mund und Nase durch Schnee oder Mageninhalt luftdicht verschlossen sind.

Die in vielen Unfallberichten beschriebenen Hohlräume sind bei Tourengehern und Variantenskifahrern im Allgemeinen nur wenige Zentimeter breit. Die Fragestellung "Atemhöhle ja oder nein?" ist in der Praxis nur bei aufmerksamer Beobachtung während des Ausgrabens zu beantworten. Bei vorsichtiger Bergung und entsprechender Aufmerksamkeit sind Hohlräume meistens erkennbar, da sie an ihrer Innenwand meist vereist sind.

Aufgrund der Bedeutung dieses Befundes ist es äußerst wichtig, diesen Befund im Zuge der Bergung ohne Hektik zu erheben. Bergretter und Lawinenhundeführer müssen mehr als bisher darauf hingewiesen und gezielt geschult werden.

Bei Katastrophenlawinen können verschüttete Personen in großen Hohlräumen von Gebäuden und Transportmitteln auch sehr lange Zeiträume überleben. Verfügt ein Verschütteter über eine "offene Atemhöhle" (mit Luftverbindung zur Außenwelt) und über ausreichende Thoraxfreiheit für die Atmung, so kann er auch stundenlang in der Lawine überleben, ohne auf eine kritische Kerntemperatur abzukühlen.